Zukunftsvisionen gesucht: Gerd Gebhardt im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände.

TONSPION: Wie wird die Musikwirtschaft ihrer Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Gerd Gebhardt: Die Attraktivität von Musik ist ungebrochen, und das wird auch langfristig so bleiben. Musik gehört zum Leben sehr vieler Menschen selbstverständlich und unverzichtbar dazu. Deswegen wird es auch immer eine Musikwirtschaft geben, wie auch immer sie strukturiert ist.

Ich denke auch, dass wir langfristig im Wesentlichen einen Tonträgermarkt haben werden. Speichermedien werden den größeren Teil des Musikabsatzes ausmachen. Daneben werden Formen des Online-Musikkaufs treten, und das hat ja längst begonnen.

TONSPION: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Gebhardt: Wieso Schuld? Wir arbeiten mit großem Engagement an der Entwicklung heutiger und künftiger Künstler. Die Möglichkeit, sich in kurzer Zeit digitale Kopien zu erstellen, die den Musikkauf immer häufiger ersetzen, ist das dominierende Problem der Musikwirtschaft international und auch in Deutschland. Das ist aber keine Frage von Schuld, sondern entscheidend ist es, die Situation über die Steuerung der Rahmenbedingungen im Griff zu behalten. Die Novellierung des Urheberrechtsgesetzes, das die Umgehung von Kopierschutzsystemen verbietet, ist ein guter erster Schritt, dem weitere notwendig folgen müssen.

TONSPION: Die Musikwirtschaft hat heute ein eindeutiges Image-Problem. Wie kann dies ihrer Meinung nach überwunden werden?

Gebhardt: Die Musikbranche steht in dem Ruf, wie ein Parasit auf erfolgreichen Künstlern zu sitzen und von deren Erfolg zu leben. Dabei ist die Wahrheit viel komplexer: Ohne das Engagement unserer Firmen in viele junge Künstler hätten wir eine verarmte Musikkultur. Durch uns wird die musikalische Vielfalt erst verbreitet. Die Musikwirtschaft ist der stärkste Investor in musikalische Kreativität. Das gilt es stärker ins Bewusstsein zu heben - ohne unser Engagement gäbe es wesentlich weniger neue Künstler.

TONSPION: In den USA zeigt die RIAA erste Ansätze, gegen Tauschbörsen-Nutzer vor Gericht vorzugehen. Halten sie so ein Vorgehen auch in Deutschland für wünschenswert?

Gebhardt: Wer illegale Musikangebote macht und damit das Gesetz bricht, muss auch mit Folgen rechnen. Wir haben im April 2003 eine so genannte Tauschbörse mit Millionen illegaler Musikangebote ausgehoben, die Polizei hat die Computer beschlagnahmt, das Strafverfahren läuft. Wer das vermeiden will, sollte sich am besten rechtskonform verhalten.

TONSPION: Was finden sie am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Gebhardt: Der Aufbruch ist schon längst gestartet, schließlich hat der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft bereits 1997 das weltweit erste Download-Angebot für Musik aus der Taufe gehoben. Wichtig ist: Es gibt viele Menschen, die Musik am PC hören und sich die Musik im Internet kaufen möchten - diesen Wünschen kommen wir nach.

TONSPION: Worin sehen sie die größte Gefahr?

Gebhardt: Alle digitalen Werke sind grundsätzlich einfach kopierbar. Intelligente Schutzsysteme, die Künstlern und Verwertern die ihnen zustehenden Vergütungen ermöglichen und unautorisierte Massenkopien vermeiden, sind die notwendigen Gegenmaßnahmen, Hier sind wir schon ordentlich vorangekommen.

TONSPION: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Gebhardt: Den PC aufrüsten - und nicht vergessen, dass er das Denken nicht ersetzt.


Gerd Gebhardt ist Vorsitzender des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, der deutschen Landesgruppe der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) sowie der deutschen Phono-Akademie.

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