Zukunftsvisionen gesucht: Klaus Maeck im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Klaus Maeck, Verleger.

TONSPION: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Klaus Maeck: Wenn die größten Musikvertriebe schon in 2 Jahren Apple, AOL und Amazon heißen, vermag ich nicht zu sagen, wie es wohl in 20 Jahren aussehen könnte? Ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn in 2 Jahren den jetzigen Großkonzernen vollends die Luft ausgeht, weil sie es immer noch nicht geschafft haben, sich den technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Schade ist, dass darunter auch alle kleineren Firmen und letztendlich die Musikkonsumenten leiden müssen. Auf der anderen Seite macht mich die starke Entwicklung der Independents in den letzten 20 Jahren sehr optimistisch - es bleibt zu hoffen, dass sie ihren Marktanteil in den nächsten 20 Jahren weiter steigern können und somit zu qualitativen Verbesserungen im Umgang mit Musikern und Konsumenten beitragen wie bisher.

TONSPION: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Maeck: Na, die Branche ist selbst schuld. Die derzeitigen Probleme wären lange nicht so groß, wenn die CDs nicht seit Jahren völlig überteuert angeboten würden, wenn man sich Gedanken zum Kopierschutz oder Leer-CD-Abgaben gemacht hätte, bevor man CD-Brenner auf den Markt bringt, oder wenn man schon vor Jahren ein legales und umfassendes Downloadangebot konzipiert hätte.

TONSPION: Welchen Einfluss haben MP3s und CD-Brennerei deiner Meinung nach ganz konkret auf euer Unternehmen?

Kopiert wurde schon immer und es wird immer kopiert werden, das gehört einfach dazu, wenn man ein aktiver Musikfan ist. Aber leider machen sich die Umsatzeinbrüche bei CD-Verkäufen bei allen Labels, groß oder klein, bemerkbar. Nur die kreativsten, spannendsten und global denkenden Label mit qualitativ hochwertiger Musik werden überleben.

TONSPION: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Maeck: Die Nischen, die die meisten Independents bedienen, werden durch die etablierten Vertriebe schon lange nicht mehr bedient. Wer heute etwas Bestimmtes und eventuell sehr Ausgefallenes sucht, geht ins Internet und kann es sich besorgen - und zwar egal, in welcher Ecke der Welt er sich gerade aufhält. Das Internet fördert die Kommunikation zwischen Künstlern aus den verschiedensten Kulturen und letztendlich auch die Kommunikation zwischen Künstlern und Fans, was für beide Seiten ein unersetzlicher Aspekt sein sollte. Das Internet fördert so zum einen die Kreativität, die die Musikwelt braucht, um auch in 20 Jahren noch interessant zu sein. Und zum anderen können wir endlich unsere Musik über unsere Landesgrenzen ohne die bisherigen logistischen Probleme vertreiben. Das ist ja nicht nur wunderbar für alle Musiker und ihre Fans, sondern sollte sich auch in Umsatzzahlen niederschlagen.

TONSPION: Worin siehst du die größte Gefahr?

Maeck: Inzwischen sehe ich auch die Gefahr, dass sich die Konsumenten an kostenlose Musik gewöhnen - zu lange schon währt dieser Zustand, dass man neue Musik am schnellsten und einfachsten - und auch noch umsonst - über Tauschbörsen beziehen kann, aus Mangel an legalen Alternativen. Natürlich bedauere auch ich den Wegfall der schönen Verpackungen, die man neben der Musik genießen kann - aber ich denke, es wird auch in Zukunft interessantes Packaging für Sammler und wahre Fans geben, selbst wenn die CD wie das Vinyl ein weiteres Nischenprodukt wird. Wenn Tonträger spannend und extraordinär gestaltet sind, werden sie weiterhin von denen gekauft, denen digitale Formate nicht sexy genug sind.

TONSPION: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Maeck: Wieso vorbereiten, die Zukunft ist doch schon da. Man sollte allerschnellstens umfassende und bezahlbare Musik-Angebote im Netz installieren, wie es namhafte Computerhersteller bereits tun. Die Plattenfirmen, die sich bis jetzt nicht darauf vorbreitet haben, haben ihre Chance bereits vertan. Wir als Verleger müssen entsprechende Wege finden, die Urheber auch für die digitale Verbreitung von Musik zu entlohnen, was technisch kein Problem ist - nur haben wir da aufgrund der verschiedenen Gesetzgebungen in den Ländern und dank der unflexiblen Verwertungsgesellschaften noch einen langen Weg vor uns.

TONSPION: Was sagt Ihr dem Musikfan, der MP3 Tauschbörsen nutzt?

Maeck: Wenn er wirklich ein Musikfan ist, sollte er sich die Konsequenzen überlegen, wenn die Musiker nichts mehr mit ihrer Musik verdienen. Dann gäbe es irgendwann weder Musiker noch Musikfans...

Klaus Maeck ist Mitgründer und Geschäftsführer der Freibank Musikverlage, bei denen u.a. die Einstürzenden Neubauten unter Vertrag sind.

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