Zukunftsvisionen gesucht: Marcus Liesenfeld im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Marcus Liesenfeld, Labelgründer und Musiker.

Tonspion: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Marcus Liesenfeld: 2023: Die ganze Welt ist in langjährigen, blutigen digitalen Kriegen in Fürstentümer aufgeteilt worden. Hans der Doofe (aber Reichste) des Fürstentums Spandau/Copy/Paste - welches in einem Blitzkrieg Berlin und Brandenburg unterworfen hat - beauftragt den Bungalow, zu seinen Ehren Musik aufzunehmen. Stereo Total, Mina und Le Hammond Inferno sind erleichtert und rutschen voller Freude und Dankbarkeit für diesen ehrenvollen Auftrag auf den Knien vor den Thron des Fürsten. Auch ihre hungernden Familien atmen auf. Leider gefällt dem Fürsten das später gelieferte Ergebnis nicht wirklich. Seine hochwohlgeborene Beschränktheit erlaubt ihm nicht, Francoise`s Humor zu verstehen. Alle Mitarbeiter der Bungalow-Musik-Innung werden geköpft, ihre Familien geschändet und verbannt und das Bungalow-Gehöft niedergebrannt.

Tonspion: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Liesenfeld: Alle, die seit Jahren wohlwissentlich ein aufgeblasenes, schon unangenhem riechendes System künstlich aufrechterhalten, um nochmal richtig fett Kohle rauszuholen, bevor der Karren richtig im Dreck steckt.

Tonspion: Welchen Einfluss haben MP3s und CD-Brennerei deiner Meinung nach ganz konkret auf dein Label?

Liesenfeld: MP3s helfen einem kleinen Label, Geld zu sparen und seine Musik weltweit hörbar zu machen. Klein heißt in diesem Fall, dass das Label überhaupt das Recht besitzt, ein MP3 weltweit zugänglich zu machen. Ach ja, und wir als Label brennen unsere eigenen Sachen wie blöde.

Tonspion: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Liesenfeld: Die übertrieben panischen Hau drauf-Reaktionen der Grossen gegen Firmen wie Napster und Kazaa halte ich für genau so peinlich, verlogen und selbstmörderisch, wie die Gegenseite, die weiterhin komplett unrealistisch das Internet als den Heilsbringer für das kranke Musikbusiness anpreist. Alles Quatsch!

Tonspion: Worin siehst du die größte Gefahr?

Liesenfeld: Weder im Internet, noch in den Fusionen der Großen, sondern in der heillosen Selbstüberschätzung vieler im Musikbusiness tätiger Wichtigtuer - groß wie klein.

Tonspion: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Liesenfeld: Pantoffeln an, Füsse hoch, Video rein und Pizza bestellen.

Tonspion: Was sagt Ihr dem Musikfan, der MP3-Tauschbörsen nutzt?

Liesenfeld: Bei mir kann jeder machen was er will.

Marcus Liesenfeld ist Gründer des Berliner Bungalow-Labels, auf dem Acts wie Stereo Total, Maxwell Implosion oder Mina veröffentlichen und als Musiker eine Hälfte von Le Hammond Inferno.

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