Zukunftsvisionen gesucht: Move D im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: David Mofang alias Move D, Musiker und Label-Betreiber.

Frage: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

David Moufang: Wahrscheinlich wird sich der Handel mit legalen Downloads beziehungsweise Streaming-Abonnements etablieren. Schon heute gibt es die Möglichkeit, Audiofiles mit digitalen Wasserzeichen zu versehen. Ich stelle mir vor, dass so die gerechte Abwicklung etwa der Gema-Tantiemen realistisch gewährleitet werden könnte.

Frage: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Moufang: Die Branche selbst, da sie mit dem Versuch, die Geschmäcker der Menschen zu monopolisieren gescheitert ist und dafür schon in den Neunzigern von den Konsumenten mit Techno die Quittung erhalten hat. Ich kann das Gejammer der Majors kaum nachvollziehen - nach wie vor wird soviel Geld mit Popmusik gemacht wie in kaum einer anderen Kunstsparte. Illegale Tauschbörsen und CD-Brenner ändern daran nichts - das Wachstum kann nun mal nicht bis in den Himmel weitergehen, andere Branchen müssen auch mit der Rezession leben.

Meine Überzeugung ist außerdem, dass im Zuge der Digitalisierung unserer Konsumgewohnheiten Musik als solche nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzt wie in den vergangenen Jahrzehnten. Während sich früher über Elvis, die Stones, oder Sex Pistols die Geister noch geschieden haben, kann man heute weder mit Techno noch mit Drum and Bass, Grunge oder Punk einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken - die Abgrenzung der Generations- und Jugendbewegungszugehörigkeit mit Hilfe von Musik ist quasi entfallen. Andere Dinge sind ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens gerückt: Computer, Filesharing, Lan-Parties, Multimedia und so weiter.

Frage: Welchen Einfluss haben CD-Brennerei und P2P-Downloads deiner Meinung nach ganz konkret auf die Verkaufszahlen von Source Records?

Moufang: Ich glaube keinen erheblichen Einfluss - ich sehe zwar oft selbst gebrannte Source Records-CDs, und natürlich finde ich unsere Titel auch auf Tauschbörsen. Letztendlich freue ich mich aber spontan immer noch, wenn mir so eine selbst gebrannte Source Records-CD in die Hände fällt - das gibt mir immerhin die Bestätigung, dass sich überhaupt jemand für uns interessiert. Überspitzt formuliert: Gibt es dich nicht auf den Tauschbörsen, dann gibt es dich überhaupt nicht.

Als Betreiber eines kleinen Underground-Labels fragt man sich natürlich trotzdem, wo die Grenze der existenziellen Bedrohung erreicht oder sogar überschritten wird. Ich hoffe allerdings, dass es kleineren Acts und Labels gelingen wird, was in der Welt der grossen Plattenfirmen und der Softwareentwickler seit langem gilt: Wenn sich erst einmal genügend Leute für dich, deine Anwendung oder dein Produkt interessieren, steigert das deinen Marktwert.

Frage: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Moufang: Momentan fasziniert mich die Möglichkeit, Files über grosse Strecken sehr schnell zu transportieren, so dass ich keine Tracks mehr am Telefon vorspielen muss. Ausserdem ist der Trend Club-Events zu streamen eine tolle Sache. Als Labelbetreiber muss man zudem einfach feststellen, dass das Netz die einzige Möglichkeit zur fast kostenlosen Promotion und Selbstdarstellung bietet. Der Kontakt zu deiner Gefolgschaft kann global gepflegt werden. Unsere Kommunikationskosten sind durch E-Mail im Vergleich zum Telefon drastisch gesunken. Übrigens dürfte das auch für die ach so armen Majors zutreffen - insofern hat auch für sie die Münze zwei Seiten.

Frage: Worin siehst du die größte Gefahr?

Moufang: Ich finde den Umstand bedauerlich, dass Musik keinen materiellen Wert mehr besitzt. Ich glaube gar nicht, dass der Mensch an sich unmusikalischer geworden ist. Aber eine Plattensammlung war traditionell auch ein Statussymbol. Durch die 5000 Songs auf dem MP3-Player deiner Wahl hat sich das Verhältnis zur Ware Musik pervertiert - an sich ist sie wertlos und kann demntsprechend behandelt werden.

Frage: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Moufang: Bereit sein für die Transformation der Werte. Akzeptieren, dass Musik keine Ware im Sinn des 20. Jahrhunderts mehr ist. Trotzdem wird sie weiterhin eine wichtige Rolle spielen und die Vorteile, die durch die zunehmende Vernetzung entstehen müssen radikal ausgenutzt werden.

David Moufang betreibt das Heidelberger Label Source Records. Unter seinem Künstlernahmen Move D hat er zudem seit gut einem Jahrzehnt zahllose Techno- und Ambient-Platten veröffentlicht.

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