Zukunftsvisionen gesucht: Thomas Schwebel im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Thomas Schwebel, Gitarrist der Fehlfarben.

Tonspion: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Thomas Schwebel: Ob es dann wirklich noch eine Musikwirtschaft geben wird? Vielleicht ist sie dann noch mehr in multinationalen Mischkonzernen aufgegangen und nur noch eine (kleine) Facette eines gigantischen Entertainment-Angebots, das hauptsächlich per TV bzw. online vertrieben wird.
Nebenher gibt es immer kleinere, immer spezialisiertere Firmen, die ihre Nischen, von denen ein Mainstream überhaupt nicht mehr beeinflußt wird, bedienen.

Tonspion: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Schwebel: Tim Renner und Konsorten.
Nein, im Ernst: Die Plattenindustrie, die in Jahren eines hohlen
Goldrausches durch die Einführung eines überteuerten neuen Mediums (CD) es versäumt hat, auf breiter Basis eine Identität zu schaffen, die sie Krisen überstehen läßt. Das heißt, die Beliebigkeit, die Musik hat, den geringen Stellenwert, der die Leute dazu bringt, sich der Musik umsonst zu bedienen, hat sich die Industrie selbst zuzuschreiben: Durch das Vollscheißen der Märkte mit minderwertigem Produkt.

Tonspion: Welchen Einfluss haben MP3s und CD-Brennerei deiner Meinung nach ganz konkret auf dich als Musiker?

Schwebel: Das ist mit ein Grund, dass weniger Platten gekauft werden, ergo ein Grund, daß ich für die gleiche oder sogar mehr Leistung weniger Geld bekomme.
So einfach is es.

Tonspion: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Alles das, was zum Nachteil ist, kann auch ein Vorteil sein: Freiheit, Anarchie, Preissenkung. Super.

Tonspion: Worin siehst du die größte Gefahr?

Schwebel: Das die Musikindustrie die gegenwärtige Krise nur dazu benutzt, ihre Bilanzen auszugleichen, Stellen abzubauen, statt, wie es richtig wäre, in der Krise zu investieren. Geld wäre da. Und Musiker gibt es mehr als genug, die es wert wären, gefördert zu werden und die dann auch irgendwann den investierten Betrag wieder einspielen.

Tonspion: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Schwebel: Dafür sorgen, daß jeder daran teilnehmen kann. Immer bedenken: Es leben vielleicht drei Milliarden Menschen auf der Erde, die noch nie in ihrem Leben ein Telefongespräch geführt haben.

Tonspion: Was sagt Ihr dem Musikfan, der Eure Musik auf MP3 Tauschbörsen zieht?

Schwebel: Wenn dir das reicht, bist du kein Fan (von uns). Wenn du`s als Ergänzung nimmst, bitte. Neuesten Untersuchungen zufolge soll es ja sogar so sein. Hoffentlich.
Aber mir geht es weniger um den konkreten Akt, der dahinter steht, mir geht es um die generelle Ansicht, daß Kunst (und Musik gehört dazu) umsonst sein soll. Nicht weil ich nicht jedem alles gönne - aber was umsonst ist, hat keinen Wert. So wird gedacht und so wird gehandelt.


Thomas Schwebel ist Gründungsmitglied und Gitarrist bei Fehlfarben, die 22 Jahre nach ihrem epochalen Album "Monarchie und Alltag" im vergangenen Jahr mit "Knietief im Dispo" ein neues Album veröffentlichten.

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