Zwei Jahre Podcasting

Umfrage: Was ist dran am Hype ums Audiobloggen?
Vor ziemlich genau zwei Jahren wurde der erste Podcast im Netz veröffentlicht. Inzwischen hat sich das Thema in den Medien wie ein Lauffeuer verbreitet, obwohl Kritiker die Nutzerzahlen als äußert gering einschätzen. Eine Bestandsaufnahme.

Podcasting ist eine Abwandlung des englischen Begriffs "broadcasting". Nur dass man beim Podcasting nicht über den Äther, sondern eben direkt auf den iPod (oder jeden anderen handelsüblichen MP3 Player) senden kann. Der Begriff wurde nicht etwa von Apple erfunden, wie man unterstellen könnte, sondern vom ehemaligen MTV-Moderator Adam Curry, der im Jahr 2004 nicht mehr nur im Netz schreiben, sondern auch Radiosendungen veröffentlichen wollte.

Einfach eine Sendung als MP3 zu produzieren und ins Netz zu stellen ging allerdings auch schon vor zwei Jahren problemlos. Das wirklich neue am Podcasting ist, dass man eine Sendung abonnieren kann und jeweils alle neuen Folgen automatisch auf seinen Rechner bekommt. Dazu benötigt man lediglich ein kleines kostenloses Software Programm, einen so genannten "Podcatcher" von dem es inzwischen viele Varianten gibt und der die Sendungen empfängt. Diese Technologie ermöglicht also jedem, der einen Rechner, ein Mikrofon und eine große Portion Sendungsbewusstsein mitbringt, eigene Radioshows im Internet zu veröffentlichen. Zahlreiche private und kommerzielle Anbieter bieten ihre Sendungen auf diversen Podcast-Verzeichnissen an.

Auch Apple nutzt den Begriff Podcasting elegant für Eigenwerbung und bietet in seinem iTunes Programm ein Archiv für Podcasts, die man sich per Mausklik abonnieren kann ohne weitere Software zu benötigen. Außerdem bietet Apple die Sendung iSchmidt, in der sich Harald Schmidt täglich zehn Minuten austoben darf. Doch dieser wahrscheinlich bekannteste deutsche Podcast ist im eigentlichen Sinne gar kein Podcast, sondern ein stinknormaler Download, der auch noch mit 99 Cent zu Buche schlägt. Podcasts sind dagegen in der Regel kostenlos. Und werden es wohl auch bleiben.

Inzwischen nutzen dennoch viele kommerzielle Anbieter den Hype ums Podcasting. Ob amerikanische Brausehersteller, kommerzielle Rundfunksender oder Major-Plattenfirmen, jeder sendet direkt und ungefiltert an die Rechner seiner potenziellen Kunden. Doch es bleibt die große Frage, wer die ganzen Podcasts eigentlich hören kann bzw. will. Vor allem, wenn sie nichts weiter als mehr oder weniger versteckte Werbung sind. Schließlich ist das Medienangebot in den letzten Jahren geradezu explodiert, entsprechend unübersichtlich ist das Angebot. Auch im klassischen Radiomarkt gibt es so viele Sender, dass man kaum noch den Überblick behalten kann.

So stellte auch das amerikanische Marktforschungsunternehmen Forrester fest, dass gerade einmal 1 Prozent aller US-amerikanischen Haushalte Podcasts nutzen. In Deutschland dürfte die Quote noch geringer sein, schließlich sind uns die Amerikaner in Sachen Internet meistens weit voraus. Ob Podcasting also tatsächlich zum Massenphänomen werden wird, wie von vielen Experten vorhergesagt, kann also durchaus bezweifelt werden.

Ein anderes Problem beim Podcasting ist derzeit auch noch nicht gelöst: die Möglichkeiten einen Podcast kommerziell zu betreiben und damit Einnahmen zu erzielen, sind äußerst begrenzt. Zumindest wenn man nicht Harald Schmidt heißt. Erstens gibt es noch keinen Markt für Audio-Werbung im Internet und zweitens sind die Hörerzahlen pro Podcast noch so verschwindend gering, dass sich für Werbetreibende der Aufwand kaum lohnen dürfte. Podcasting bleibt also - wie das Phänomen des Bloggings - vorläufig ein zeitaufwendiges Hobby. Und eine nette Übung für angehende Radiomacher.

Eine gut gegliederte und einfach verständliche Einführung zum Thema Podcasting gibt Annik Rubens in ihrem kleinen Buch "Podcasting - Das Buch zum Audiobloggen", das allerdings sehr auf iTunes zurechtgeschneidert ist und deshalb wirklich nur für Einsteiger geeignet sein dürfte.

In der rechten Spalte gibt es weitere Infos rund um das Thema Podcasting. (ur)

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