Badly Drawn Boy

Badly Drawn Boy (Pressefoto)

Nach zehn Jahren Auszeit meldet sich Damon Gough aka Badly Drawn Boy zurück mit seinem neuen Album "Banana Skin Shoes". Was in der Zwischenzeit passierte, erzählt er im Interview.

Natürlich weiß auch Damon Gough, wie das jetzt wirkt. Zehn Jahre seit dem letzten Studioalbum (kurzes Zusammenzucken). Sprich: ein ganzes Jahrzehnt also, das im Grunde genommen eine komplett Badly-Drawn-Boy-freie Dekade war. Gefehlt hat er, dieser Sound, dieser Mann aus Manchester, sehr sogar.

Er, dieser DIY-Trailblazer, dem es doch einst tatsächlich gelungen war, die Musikwelt zugleich im Sturm und im schlurfenden Gang zu erobern, als er vom Stadtteil Chorlton aus sein immer noch überragendes Debüt "The Hour Of The Bewilderbeast" vom Stapel ließ. Das war 2000. Und ein wohlverdienter Mercury Prize noch dazu.

Und dann, um nur die Highlights der kreativen Hochphase zu nennen, die damit begann: Sein Soundtrack zur Nick-Hornby-Verfilmung "About A Boy" (2002), "Have You Fed The Fish?" (ebenfalls 2002), auf dem auch „You Were Right“ vertreten war, seine größte Single; und schließlich der epische Soundtrack zur Mentalen Lage der Nation: Das Album "Born In The U.K." (2006)

Und dann: Funkstille. Freizeichen. Nichts. Der Typ mit der Wollmütze war verschollen... „eine Auszeit“ – dachte man zumindest. Zwischendurch machte er Schlagzeilen, indem er sich als Straßenmusiker verdingte und Fans mit verbalen Ausfällen schockierte. 

Man darf also durchaus fragen: BDB, WTF? Was zur Hölle war da los? 

„Ich sage es echt nur ungern, dass es zehn Jahre waren“, holt Gough aus und verbindet ein reumütiges Lächeln mit einer Bewegung, die man wohl als schuldbewusstes Sich-Winden bezeichnen kann. „Schließlich klingt das ja nach: Wie faul war ich eigentlich?! Aber ich hab kein Problem damit, die ganze Wahrheit zu erzählen... wo sie doch so wichtig ist für das alles.“

Also, noch einmal tief durchgeatmet, und dann direkt zur Sache – Klartext: Das Leben selbst sei ihm dazwischengekommen. Das Leben mit all seinen krankmachenden Sturzfahrten, all seinen Freudentaumel auslösenden Höhenflügen. Ein paar echt ätzende Sachen sind passiert. Und auch ein paar richtig tolle.

Vor acht Jahren setzte ihn seine langjährige Partnerin, die Mutter seiner zwei älteren Kinder, kurzerhand vor die Tür. Pünktlich zu Weihnachten. Schluss mit Familienidyll. Was dazu führte, dass sein Alkoholproblem – das niemand verleugnen will (und Damon Gough weiß so oder so nicht, wie man lügt) – immer größer und größer wurde. Wie auch seine Depression. Die Zeichen standen auf Entziehungskur, auf Therapiesitzungen. Aber damit konnte man doch eigentlich noch ein bisschen warten, oder?

In seiner dauerhaften Weinlaune und seiner Einsamkeit gelang es Gough irgendwie, doch noch weiterzuarbeiten. Gerade so. Er strickte aus dem Schlamassel einen Song: „I Just Wanna Wish You Happiness“. Er ließ alles raus, zauberte aus dem dreckigen Scherbenhaufen der Trennung einen musikalischen Gruß mit nur den besten Wünschen an seine Ex. „Ja, das ist hoffentlich der einzige Trennungssong, den ich in meinem Leben schreiben muss“, sagt er. Wenn jedoch alle Trennungssongs dermaßen ergreifend und umwerfend schön und gefühlvoll wären wie „I Just Wanna Wish You Happiness“, dann wäre die Welt ein sehr viel besserer Ort. „Aber das war sozusagen der Startschuss für mich.“

Doch es gab noch weitere Sümpfe, durch die er durch musste. Bis 2016 dauerte es, bis Gough endlich die Sache mit dem Alkohol in den Griff bekommen sollte. Schließlich hatten die Drinks ihm lange Jahre als Stütze gedient, an die er sich klammern konnte. Auch als kreative Stütze. „Das Trinken wurde besonders in den Phasen zur festen Gewohnheit, wenn ich in den letzten 20 Jahren gerade an einem Album arbeitete oder auf Tour war. In der Regel arbeitete ich dann nachts, ja, erst nach Mitternacht eigentlich. Ich hatte das Gefühl, in den Stunden die besten Ideen zu haben – wenn man schon ein paar Drinks intus hat und einfach locker ist dadurch. Und das hat ja auch funktioniert.“

Bis es dann irgendwann doch nicht mehr funktioniert hat. Schließlich gelang es Gough, die Sucht zu besiegen – dank der Unterstützung einer Einrichtung in Kent und dem Rat und der Liebe einer Frau. Die beiden hatten sich kennengelernt, als er gerade an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Inzwischen sind sie verheiratet und haben seit Mai 2017 auch einen Sohn zusammen.

Das alles geschah in einer Zeit, in der, wie man weiß, die Welt komplett auf Talfahrt ging. Wie die meisten von uns, ist auch Mr. Gough nicht immun gegen die vielen sozialen und politischen Umbrüche, und so hatte er bald neue Kopfschmerzen, noch mehr Sorgen. Die persönliche Entwicklung sei jedoch „ein großer Schritt in meinem Reifeprozess“ gewesen, wie er sagt; auch die Therapie, die er vor 12 Monaten endlich begonnen hat, sei eine wichtige Stütze gewesen. „Ich musste einfach noch viel erwachsener werden.“

Und jetzt möchte er selbst derjenige sein, der anderen hilft. Er möchte alte Verbindungen auffrischen – zu sich selbst und anderen. Er will wieder singen, will wieder auftreten und Menschen mitreißen. Von einer Mission, die er da hat, müsse man noch nicht sprechen, aber andererseits... „na ja, dieses ganze Zeug kann schon ganz schön schmalzig rüberkommen, aber ich habe mich wirklich intensiv mit mir selbst befasst und versucht, das in Ordnung zu bringen, was falsch war.“

Präsentieren wir also: die Emanzipation des Damon Gough. Oder, um es mit einem Titelkandidaten zu sagen, den er sich zwischenzeitlich notiert hatte: A Pocket Guide To A Midlife Crisis. Oder, noch anders, so wie das neue – bald endlich erscheinende! – Album von Badly Drawn Boy tatsächlich heißt: Banana Skin Shoes. Man könnte auch sagen: eines der ehrlichsten, farbenfrohsten, wärmsten und größten Pop-Statements, das man in diesem Jahr zu Ohren bekommen wird.

Letztlich waren es zwei Zitate, die ihn dazu inspiriert haben, den alten Feelgood-Kurs (der manchmal auch ein Feelbad-Kurs ist, na klar) wieder einzuschlagen. Eines entdeckte er erst kürzlich in einem gemeinschaftlichen Workspace: „Geht bitte verantwortungsvoll damit um, was für eine Energie ihr in diesen Raum bringt.“

Das andere hat er in Bob Dylans Chronicles aufgeschnappt, die im Jahr 2004  veröffentlicht wurden: „Meine Großmutter hat immer gesagt: Sei gut zu jedem Menschen, der dir begegnet, schließlich weißt du nicht, was er oder sie gerade durchmacht.“

In dem ganzen Dunkel der letzten 10 Jahre stachen diese beiden Sätze hervor wie Leuchtsignale. Richtschnüre für den weiteren Weg.

„Jeder Mensch hat eine Aufgabe. Und gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, einfach etwas Positives beizutragen“, sagt ein wiedergeborener, neu gestarteter, neu eingebundener Damon Gough zum Abschluss. „Und wenn du etwas siehst, was Mist ist, dann lass es einfach liegen oder versuch, dir daraus nichts zu machen. So einfach ist es doch. Derselbe Gedanke steckt auch im Refrain von ‘I Need Someone To Trust’: ‘Bring it back, make me whole.’ Genau das will ich mit diesem Album zum Ausdruck bringen. Das ist  mein Ansatz.“

Gerade im Bereich der Popmusik ist ein Jahrzehnt eine halbe Ewigkeit. Eine verdammt lange Zeit. Punkt. Doch wenn man Banana Skin Shoes hört, diesen gewaltigen, hart erkämpften Triumph, dann weiß man auch: es hat sich gelohnt.

Alben

It's What I'm Thinking

Badly Drawn Boy - It's What I'm Thinking

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Whatever happened to...

Damon Gough aka Badly Drawn Boy veröffentlichte zwischen 2000 und 2004 gleich mehrere bemerkenswerte Alben. Mit großartigen Songs, üppigen Arrangements und unsentimentalen Balladen schaffte er es in zahlreiche Playlists. Doch 2010 ist der Badly Drawn Boy kaum wiederzuerkennen.

One Plus One Is One

Badly Drawn Boy - One Plus One Is One

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"Thank me for my words, it`s a pleasure"

Im Jahr des Affen kommt unser Lieblingsstrickmützenträger und besingt das Jahr der Ratte. Und wie immer sorgt Damon Gough alias Badly Drawn Boy für tierisch gute Musik dabei.

Have You Fed The Fish

Badly Drawn Boy - Have You Fed The Fish

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Unermüdlicher BDB

Wie stellt man gute, einfache Popmusik her? Die Zutaten für das Rezept sind leicht zu bekommen. Aber wie man sie richtig kombiniert ist ein Trick, den nur wenige wirklich draufhaben. Der Badly Drawn Boy ist einer von ihnen.

About A Boy

Badly Drawn Boy - About A Boy

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Der Strickmützenmann macht Filmmusik

Der Mann mit der Strickmütze macht wieder von sich reden. Nachdem sein Song "The Shining" zur Werbung für den Schienenverkehr eingesetzt wurde, steuert der BDB nun den kompletten Soundtrack zum Film "About A Boy" bei.

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Letzte Änderung: 23.05.2020