Beirut - Landslide

Künstler Bio: 

Zach Condon, der Kopf hinter Beirut, veröffentlicht heute den nächsten Vorboten aus dem für 1. Februar angekündigten neuen Album „Gallipoli“: „Landslide“. Die Aufnahmen zu den 12 neuen Songs begannen im Winter 2016 als Condon sich zum ersten mal wieder seit den Aufnahmen der ersten beiden Beirut Alben („Gulag Orkestar“ aus 2006 bzw. „The Flying Club Cup“ aus 2007) an seine Farfisa Orgel setzte. 

Mehr zur Entstehungsgeschichte des Albums erzählt Zach Condon höchstpersönlich: 

"Die Geschichte von „Gallipoli“ beginnt mit einer Lieferung von meinem Elternhaus in Santa Fe, New Mexiko zu meiner Wohnung in New York. Die kostbare Fracht: meine alte Farsifa-Orgel. Ich hatte sie mir damals von meinem ersten Lohn beim Center for Contemporary Arts in Santa Fe gekauft. Ein Zirkusmusiker – kein Witz - hatte sie dort im Lager zurückgelassen, weil sie nicht mehr richtig funktionierte. Ich stellte sie in mein Jugendzimmer und verbrachte die nächsten drei Jahre damit, nahezu alle Songs meines ersten Albums („Gulag Orkestar“, 2006) und große Teile meines zweiten („The Flying Club Cup“) an ihr zu schreiben. Mein Vater half mir dabei, die Farsifa-Orgel nach Brooklyn zu bekommen und später in mein Teilzeit-Zuhause in Westchester-County am Titicus-Stausee. Dort wohnte ich in der Hausmeisterwohnung eines Anwesens, das einem Multimillionär gehört, der wegen Steuerhinterziehung, Betrugs und was weiß ich noch alles für zwanzig Jahre im Knast sitzt. Ich schrieb die ersten Lieder für „Gallipoli“ Ende 2016, als der Winter langsam Einzug hielt.

Ich fühlte mich inspiriert und produktiv und die Arbeit ging so schnell voran, dass ich schon zum Ende des Winters eine Session im Relic Room buchte, einem recht neuen Start-up-Studio in Chelsea Manhattan. Ich lud Gabe Wax ein, den Produzenten von „No No No“, weil er eine Klangvision verfolgt, die meiner sehr ähnlich ist. Er liebt es wie ich, einen Sound bis aufs Blut auszureizen und ihn und sich an seine Grenzen zu bringen. Nachdem ich mit meinen Bandkollegen Nick Petree (Drums) und Paul Collins (Bass) die Hauptinstrumente eingespielt hatte, jagten wir jede einzelne Note durch eine Reihe von defekten Verstärkern, PA Systemen, Space Echos und Tape-Maschinen. Manchmal drehten wir im Aufnahmeraum ein modulares Keyboard-Loop so laut auf, dass wir uns nur mit Gehörschutz hereintrauten, um die Einstellungen an den Verstärkern zu ändern. Ich wollte jedes Ächzen und Stöhnen der Instrumente, jede verstimmte Note, jedes Amp-Knistern, jede technische Fehlfunktion aus den dunklen Ecken meiner Lieder ins Licht zerren.

Die Farsifa begleitete mich auch hier. Ein Bekannter des Studios reparierte sie für mich und schon nach einer Woche war sie startklar, um ihren Beitrag auf meinen Demos zu leisten. Ben Lanz und Kyle Reznik, die Brass Player meiner Band, besuchten uns zum Ende, um eine fantastische Bläser-Session mit uns zu spielen. Ben half mir auch beim Bläser-Arrangement eines Songs, den ich zu einem sich wiederholenden Motiv eines Eurorack-Modular-Synthesizers schrieb – ein Instrument, mit dem Paul mich vertraut gemacht hatte.

Zur gleichen Zeit überschlugen sich die Entwicklungen in meinem Privatleben. Ich reiste hin und her zwischen New York und Berlin, übernachtete bei Freunden und Bekannten, besuchte meinen Cousin Brody Condon, den ich am Ende gar nötigte, mein Album-Cover zu entwerfen und verbrachte viel Zeit im Studio meines Freundes Jan St. Werner von Mouse On Mars, der sich auf diese Weise für seine zahlreichen Besuche bei mir in Brooklyn revanchierte. In Berlin sah ich viele wundervolle Konzerte und stolperte immer wieder in spontane Partys und nette Begegnungen. New York fühlte sich für mich zu dieser Zeit irgendwie leblos an, ausgesaugt von der Entwicklung der Stadt in den letzten Jahren. Und Europa übte schon immer eine gewissen Faszination auf mich aus, seitdem ich 2008 eine Weile in Paris gelebt habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es Zufall ist, dass diese Stadt am meisten von allen in meinen Texten und Songtiteln auftaucht, aber sie im Besonderen und Europa im Allgemeinen haben mich schwer beeindruckt, seitdem ich sie vor 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal bereiste.

Im Frühjahr 2017 hatte ich einen Unfall in der Nähe meiner Wohnung in Brooklyn. Im Jahr zuvor wurde direkt vor meiner Haustür ein neuer Skatepark gebaut. Bis zu diesem Frühjahr hatte ich ihm widerstehen können, aber nun reizte es mich, wieder regelmäßig auf einem Skateboard zu stehen. Es dauerte keine Woche, bis ich mich beim Auffrischen eines simplen Tricks verletzte und zum vierten oder fünften Mal in meinem Leben meinen linken Arm brach. Eigentlich hätte ich bald darauf eine zweite Aufnahmesession in New York machen wollen, aber verletzt und deprimiert wie ich war, zog es mich zurück nach Berlin, wo ich beschloss, mich eine Weile treiben zu lassen. Eine Woche nach meiner Ankunft erlebte ich während einer Zigarettenpause in Prenzlauer Berg eine Art Epiphanie. Ich spürte: Hier gehöre ich hin. Also blieb ich.

Ich hatte Glück und fand einen kleinen privaten Studioraum, in dem ich arbeiten konnte. Ich war glücklich und genoss diesen neuen Schwung in meinem Leben. Ich schrieb ein halbes Jahr lang weitere Lieder und borgte mir von den Betreibern der Kaiku Studios in der Stralauer Allee einen Korg Trident und ein paar andere Synthesizer. Im Sommer 2017 hatte ich genug Material für eine neue Aufnahmesession. Ich hatte immer noch keine Lust auf Amerika: Der politische Irrsinn dort und die heiß laufende Berichterstattung stressten mich ebenso wie die Aussicht auf sauteure Studiokosten in New York. Also beschloss ich, Gabe und die anderen nach Europa einzuladen. Paul hatte während seiner Flitterwochen ein paar Monate in der Nähe von Rom gelebt und dort Kontakte in die italienische Musikszene geknüpft. Dabei erfuhr er von einem großen Studio in der süditalienischen Region Apulien, im „Hacken“ des italienischen Stiefels. Es war im richtigen Maße abgelegen, gut ausgerüstet, erfüllt von einer entspannten Arbeitsatmosphäre: kurz, es war perfekt für uns.

Paul, Gabe, Nick und ich trafen uns Anfang Oktober 2017 in Rom und nahmen den Zug nach Lecce, wo uns Stefano Manca – der Besitzer von Sudestudio - mit dem Auto abholte und zu seinem Studio auf dem Land fuhr. Meine Bläserkollegen Ben und Kyle hatten leider Tourverpflichtungen mit anderen Bands, also besann ich mich auf meine Roots und spielte die Brass Parts wieder alleine ein, wie ich es in den ersten Jahren meiner Karriere getan hatte.

Der folgende Monat war ein Wirbel aus Zwölf- bis Sechzehn-Stunden-Arbeitstagen, Ausflügen an die Küste und einer nicht enden wollenden „Diät“ aus Pizza, Pasta und Bhut-Jolokia- Pfeffersnacks, die wir bei einem Chili-Händler in Lecce kauften und die uns die Tränen in die Augen trieben. Eines Tages besuchten wir die Altstadt von Gallipoli, eine beeindruckende Festungsinsel vor der Küste Italiens, die mit einer Brücke mit dem neueren Teil der Stadt verbunden ist. Abends stolperten wir in eine Art Prozession: Eine Gruppe Priester trug zur Musik einer Blaskapelle eine Statue des Stadtheiligen durch die engen Straßen, gefolgt von einer Menschenmenge so groß, wie ich mir die Bevölkerung der Altstadt vorstellte. Wir blieben bis spät in die Nacht und schon am nächsten Tag schrieb ich den Song „Gallipoli“ in einem Rutsch durch, lediglich unterbrochen von kurzen Essenspausen. Irgendwann um Mitternacht zerrte ich Nick und Paul ins Studio, um nach zehn Stunden trance-artigem Songschreiben die Percussions und den Bass einzuspielen. Ich war sehr angetan von dem Ergebnis. Es fühlte sich an wie eine Katharsis, wie ein Mix aus meinen älteren und meinen neueren Alben. Es brachte mich zurück zur alten Freude, Musik als reinigende Erfahrung zu erleben, die das Innere nach Außen kehrt und ihm eine Form gibt. Erst da erkannte ich, dass genau das mein Leitmotiv für dieses Album sein sollte. Wir verbrachten den Rest des Monats im Studio in Italien und hatten den größten Teil des Albums im November fertig.

Ich kehrte zurück nach Berlin und begann unverzüglich die noch fehlenden Vocalparts in meinem kleinen Studio einzusingen, wann immer ich konnte. Als „Gallipoli“ für mich fertig war, flog ich Gabe Wax für eine letzte Mixing Session in den Vox Studios in Berlin ein. Deren Besitzer ist Francesco Donadello, ein sehr versierter Engineer und Musiker, der – was für ein Zufall – ein guter Freund von Stefano Mancas vom Sudestudio ist. Nach der Vox-Ton-Session übernahmen Francesco und ich das Mastering bei Calyx am Viktoriapark, ganz in der Nähe meiner Wohnung."

Quelle: 4AD / Übersetzung: Daniel Koch

Beirut - Tour 2019
30.03. Funkhaus, Berlin - ausverkauft
31.03. Funkhaus, Berlin - ausverkauft
06.04. Palladium, Köln
15.04. Zenith, München
09.07. Stadtpark, Hamburg
11.07. Zitadelle Spandau, Berlin
12.07. Stimmen Festival, Lörrach
13.07. Volkspark, Mainz

Aktuelles Album

Beirut Gallipoli

Beirut - Gallipoli

Künstler Bio: 
Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
In gewohnter Beirut-Manier nimmt uns Zachary Condon auch auf dem jüngsten Album „Gallipoli“ in 44 Minuten mit auf einen Rundtrip an verschiedene Schauplätze seiner letzten zwei Jahre – Orte, die ihn inspiriert und bewegt haben, innerlich wie geografisch.

▹ Abonniere den wöchentlichen TONSPION Newsletter, um keine Musikneuheiten zu verpassen und gewinne tolle Preise!

 

Ähnliche Künstler