Blood Orange - Negro Swan (Artwork)

Blood Orange - Negro Swan

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Dev Hynes zeigt uns sein "Black Depression"-Tagebuch und schafft es damit, dem Hörer eine fremde Lebensrealität ganz nahe zu bringen. 

Video: Blood Orange - Charcoal Baby

“First kiss was the floor, but God it won’t make a difference if you don’t get up." lautet eine der ersten Zeilen auf Dev Hynes' neuem Album und führt uns damit direkt zurück zu den Geschehnissen des 12. Juni 2016, als bei einem Attentat im LGBTQ-Club "Pulse" in Orlando 49 Menschen ihr Leben verloren.

Der Kopf hinter Blood Orange hatte damals wenige Tage später sein Album "Freetown Sound" veröffentlicht und damit den Grundstein für das gelegt, was auf dem neuen Album an der Grenze zur Perfektion balanciert. 

Zwischen "Black Existence", "Black Depression" und - in Kleinigkeiten verborgener - "Black Excellence" spricht Hynes über Hoffnung, Verzweiflung, Mobbing und Rassismus und wird dabei um einiges persönlicher als man nach den vergangenen Projekten vermutet hätte.

Ob die eigene sexuelle Orientierung zu seiner Jugendzeit in London, oder der Alltagsrassismus in seiner Wahlheimat New York als thematische Grundlage dienen - Hynes spielt mit Ehrlichkeit und Diskrepanz, lässt (Rollen-)Clichés bewusst aufkommen und ebenso schnell verschwinden, wenn plötzlich eine emotionale Voicemail-Nachricht von Vorzeige-Macho Puff Daddy ertönt.

Einen solch detaillierten, gekonnt überzeichneten und gnadenlos harten Einblick in das Seelenleben eines jungen schwarzen Mannes gab es wohl zuletzt auf Kendrick Lamars "good kid, m.A.A.d city" zu hören. 

Video: Blood Orange - Jewelry

In gewohnter Blood Orange-Manier hüllt Hynes seine Geschichten von Trauer, Verzweiflung, Angst und Hoffnung jedoch in ein Soundgewand, welches mit allerlei Pop-Anleihen spielt, diese jedoch durch Soul-, Funk-, Electro- und R&B-Elemente in eine Richtung zerrt, in der sie selbst zum Pop-Gegenspieler werden. Dass Hynes das Handwerkszeug besitzt um problemlos ein 80s-Nostalgie-Pop-Album zu liefern, sollte kein Geheimnis sein.

Glücklicherweise ist Hynes jedoch gleichzeitig kein Künstler, der sich auf seinem eigenen Können ausruht. 

Er verzichtet, anders als bei einigen der Vorgängerprojekten, bewusst darauf, einen (massentauglichen) Einstiegspunkt in Form von Radio-Melodien oder Ohrwurm-Hooks zu setzen. Wer sich mit seiner Musik, seinem Seelenleben und seinem Blick auf die Gesellschaft, die ihn umgibt, auseinandersetzen möchte, muss dafür auch eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich eingehend mit den 16 Songs auf "Negro Swan" auseinanderzusetzen.

Auch hier liegt ein Kendrick Lamar Vergleich nahe: "To Pimp A Butterfly" hat 2015 mit einem ganz ähnlichen Ansatz gearbeitet. 

Der Sommer 2018 markiert in Deutschland einen neuen Negativ-Höhepunkt der anhaltenden Fremdenfeindlichkeits-Entwicklung der vergangenen Jahre. Alleine deshalb ist man nach dem Hören von "Negro Swan" gewillt, jedem Menschen in seinem Umfeld dieses Album als Hausaufgabe mit auf den Weg zu geben.

Es beginnt mit dem Titel, der sich für viele wie ein Schlag anfühlen dürfte, der uns für einen Moment über unseren ganz persönlichen Umgang mit Rassismus nachdenken lassen sollte. Und es endet mit den leichten Melodien, welche sich durch das gesamte Album ziehen und damit den Eindruck vermitteln sie wollten einen Schleier über Hynes Ängste legen. 

Kurz darauf wird der Hörer durch einzelne Songzeilen am Hals gepackt und daran erinnert, wer hier spricht und wie sehr sich diese Lebensrealität von der eigenen unterscheidet. 

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