99 Cent

Chicks On Speed - 99 Cent

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
ordentlich
gut
sehr gut

Abseits vom Rummel um Casting-Shows haben sich die Chicks on Speed ihren Platz im Pop-Universum selbst erkämpft. Warum man sich besser selbst vermarket, als sich von alten reichen Männern verheizen zu lassen, erzählen sie in diesem Stück.

Vor zwei Jahren hatten die Chicks on Speed mit der Malaria-Coverversion von "Kaltes klares Wasser" einen Überraschungshit in den deutschen Single-Charts. Und das obwohl Kiki Moorse, Melissa Logan und Alex Murray-Leslie überhaupt nicht den gängigen Vorstellungen einer Girlband entsprechen: alle drei haben die 30 bereits überschritten, sie können weder besonders gut singen, noch tanzen. Zudem kombinieren sie ihren musikalischen Output gerne mit Systemkritik, politischen Statements und schrägen Kunstperformances. Klingt nach Flop? Ist aber keiner! Dass ihr Konzept voll aufgeht, davon kann man sich auf "99 Cent" überzeugen. Es ist ein rundes, abgehangenes und überraschend vielseitiges Werk geworden, das im Gegensatz zum elektronisch-unterkühlten Debütalbum viele weitere Facetten der Chicks on Speed offenbart und einen frischen Gegenentwurf zum grassierenden Superstar-Karaoke-Fieber in der Musikbranche liefert. Statt sich den stereotypen Vorstellungen von irgendwelchen Produzenten auszuliefern, haben sie sich von befreundeten Studiobastlern ihre Musik nach ihren eigenen Vorstellungen auf den Leib schneidern lassen. Die zentrale Botschaft der Chicks on Speed: "Exploit yourself - do it to yourself before it`s done to you" - nimm dein Leben selbst in die Hand und lass dich nicht von irgendwelchen Werbeversprechungen und Medien irre machen. Und sie führen das gleich beeindruckend selber vor: da sie keine Plattenfirma haben wollten, haben sie kurzerhand ihr eigenes Label gegründet, auf dem sie inzwischen auch weitere weibliche Künstler herausbringen, die nicht dem Klischee entsprechen und deshalb kaum Chancen bei den Plattenfirmen haben. Darüberhinaus bringen sie Anti-Mode zum Selberbasteln heraus (Zitat: "Fashion is for fashion people") und veröffentlichen Bücher zum Thema Kunst und Kommerz. Trotz aller politischen und künstlerischen Ambitionen, ist "99 Cent" (das zwar nicht für 99 Cent, dafür aber für sympathische EUR 9.99 verkauft werden soll) so eingängig und abwechslungsreich geworden, dass Madonna längst einen ihrer Talentscouts in Richtung Berlin losgeschickt haben dürfte, um einige Telefonnummern aufzutreiben. (ur)

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