Disarstar - Bohemien (Artwork)

Disarstar - Bohemien

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Auf "Bohemien" will Disarstar klare politische Haltung mit zugänglichem Sound vereinbaren. Eine Idee, deren Endprodukt immer dann an Schlagkraft verliert, wenn es mit dem harten Gegenentwurf verglichen wird. 

Video: Disarstar - Alice im Wunderland

Wer sich im Vorfeld über Disarstar und sein neues Album "Bohemien" informiert hat, könnte über einen Pressetext gestolpert sein, der sich genauer mit dem Song "Nikes x McDonald's" beschäftigt und in wenigen Zeilen gleich mehrere Probleme des Albums beschreibt:

"Du kannst den Song am Ballermann hören, wenn du sturzbesoffen bist, und es ernst meinen, dass du nichts brauchst außer Nike’s & McDonald’s, du kannst das aber auch reflektieren und denken: ‚Okay, wir sind schon ganz schön bescheuert’“, kommentiert DISARSTAR zu „Nike’s x McDonalds“ – ein Song, der exemplarisch zeigt, was ihn als Rapper so stark und interessant macht: Seine Musik funktioniert auf mehreren Ebenen, ist inhaltlich dicht am Puls der Zeit und überzeugt mit einer Auswahl an Gastmusikern, die für ein straightes Rap-Album wie „Bohemien“ überraschend ist."

- Pressetext / undercover.de

Okay, das ist schon ganz schön bescheuert. Niemand hätte wohl ernsthaft daran gezweifelt, wie ein solcher Song aus Disarstars Feder zu deuten ist, die Ballermann-Entkräftigung hinterlässt aber einen komischen Beigeschmack. Die verschiedenen "Ebenen" klingen hier nämlich eher nach "Haltung mit Hintertür". 

Dass es sich dabei glücklicherweise mehr um eine dumme Formulierung handelt, wird schnell deutlich. "Alice im Wunderland", "Riot", "Robocop" - wenn sich eines auf dem neuen Album nicht geändert hat, dann Disarstars Haltung. Der 25-jährige Hamburger hat es seit jeher verstanden, seine Beobachtungsgabe und dadurch sowohl gesellschaftliche Missstände, als auch persönliche Probleme in gute Texte zu fassen, ohne dabei gleich in ein dauerhaftes Leiden oder die - auf Dauer doch etwas anstrengende - "Du schaffst das"-Attitütde eines Kontra K abzurutschen.

Wer über Disarstar schreibt, wird nicht an Schlagworten wie "Haltung zeigen", "Finger in die Wunde legen", Aufruhr oder Widerstand vorbeikommen. Inhaltlich findet man diese Stimmung an vielen Stellen auf dem Album - wieso also nicht auch musikalisch? Denn wenn man die drei genannten Highlight-Tracks außer Acht lässt, fehlt es dem Album oftmals an Schlagkraft. Und daran trägt nicht zuletzt die "überraschende Auswahl an Gastmusikern" eine Mitschuld. 

Philipp Dittberner, KAIND, Lina Maly - allesamt aus dem Singer-Songwriter-Genre. Ein melodischer Gegensatz tut der grundsätzlich aggressiven Stimmung vergangener Disarstar-Projekte zwar gut, wenn jedoch gleich vier der zehn Albumtracks einen starken Pop-Einschlag haben, wirft man zwangsläufig einen kritischen Blick in Richtung der neuen Labelheimat. 

Politischer Rap muss mit Sicherheit nicht immer hart und "auf die Fresse" sein. Und die grundsätzliche Idee des Albums mag keine schlechte sein: dass es ein guter Schritt sein kann, eine politische Haltung durch Musik für ein breites Publikum zugänglich zu machen, hat im vergangenen Jahr bereits #wirsindmehr gezeigt. Betrachtet man das Album aber aus einer reinen Rap-Perspektive, so nimmt das Musikalische den Inhalten oftmals die Kraft.

Video: Disarstar - Riot + Robocop

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