Fatoni - Andorra (Artwork)

Fatoni - Andorra

Redaktionswertung: 
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Auf den ersten Blick würde man Fatonis neues Album wohl unter keinen Umständen mit Tyler, The Creators Überraschungserfolg "IGOR" vergleichen. Dabei fungieren beide als Türöffner für eine neue Entwicklung. "Andorra" ist ein Album, welches sich nach Übergang anfühlt. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet "Andorra" für mich zu einem der schwierigsten Texte der ersten Jahreshälfte wird. Doch irgendwie möchte man zu Fatoni so vieles sagen. Eine schöne Einleitung, die halb-ironisch erklärt, dass Fatonis Bruch mit dem bisherigen Stil so gar nicht dem Andorra-Effekt entspricht und damit wahlweise zur - selbstverständlich auch nur aus Wikipedia kopierten - Erklärung über eben jenen Effekt oder doch Fatonis grunsätzlichem Verhältnis zur Ironie überleitet.
Nur um anschließend ein bisschen zu verbissen zu erklären, dass Fatoni keine "ironische Musik" macht und deshalb auch nicht der Rapper für diejenigen ist, die in ihrer WG-Küche (Bingo!) irgendwann doch nochmal einen Haftbefehl-Track hören, bevor der Abend zu schnell vorbeigeht. Wieso müssen Rap-Reviews so sein und wieso würde es tatsächlich Spaß machen, diesen Text zu schreiben?

Alternativvorschlag: man konzentriert sich auf die Musik. Und das wird einem glücklicherweise recht einfach gemacht, sobald man den Opener "Alles zieht vorbei" hört. Ein ehrlicher, offener Fatoni, der über die eigenen Ziele und Schwächen spricht und dabei komplett auf das Ironie-Schutzschild (Bingo!) verzichtet. Klingt neu, klingt geil und steht stellvertretend für eine Richtung, die wir mit Songs wie "Alles cool", "Ich glaub mit mir stimmt was nicht" und "OK OK OK" noch öfter zu hören bekommen.

Fatonis großes Augenzwinkern und Layer-Jonglage hat immer Spaß gemacht und sorgt auch jetzt wieder für gute Momente, doch irgendwie erwischt man sich dabei, dass dieser ehrliche Fatoni viel näher zu einem vordringt. Könnte es sein, dass Ironie und Sarkasmus zwar oft wichtige Stilmittel waren, dabei aber nie seine künstlerische Identität ausgemacht haben? 

Fatoni folgt mit "Andorra" einem bekannten Muster. Nachdem mit "Yo, Picasso" mal eben gleichermaßen Fan-, Kritiker- und Feuilleton-Herzen beglückt wurden und anschließend wohl dennoch die Einsicht kam, dass es nicht für die sagenumwobene Rap-Spitze reichen wird, weicht der durchgängige Neotrap-Sound (Bingo!) nun einer neugewonnen Freiheit, die nicht jedem Spaß machen wird. Denn Songs wie "Ich glaub mit mir stimmt was nicht", "Digitales Leben" oder "Krieg ich alles nicht hin" werden musikalisch für viele Fatoni-Fans nicht funktionieren, sollten aber mindestens Vorfreude darauf machen, was in Zukunft noch in diese Richtung passieren könnte.

"Andorra" hat seine Schwachpunkte. So kommt "Clint Eastwood" zwar mit einem der Videos des Jahres daher, aber auch nach mehrmaligem Hören macht der "Ich-bin-zu-alt-find's-aber-(nicht)-geil"-Ansatz nicht so viel Spaß, wie erhofft. Was dagegen umso mehr Spaß macht, ist die Erkenntnis, dass sich hier ein Künstler aus einem mehr oder weniger festgefahrenen Soundbild herausspielt und dafür wesentlich mehr Risiken in Kauf nimmt, als man es erwartet hätte. So wird "Andorra" von mancher Seite als Midlife-Crisis-Album abgestempelt werden, wir sehen es aber als Türöffner für einen anderen Fatoni. 

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