Hannah Epperson / "Upsweep"

Upsweep

Hannah Epperson

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
ordentlich
gut
sehr gut

Hannah Epperson vereint Unvereinbares auf einem Album, das mit Schizophrenie kämpft und dem Hörer maximale Aufmerksamkeit abverlangt. Ihr Anspruch macht sie zur Anti-Heldin, das Ergebnis zum Pop-Star. Beides geht nicht? Und ob!

Im Normalfall sorgt das Stichwort „Konzeptalbum“ beim Rezensenten für kalte Schauer. Es ist eine Art undefinierbares Grauen in Erwartung von ausuferndem, verkopftem Quatsch, lediglich durch eine blasierte Presseerklärung zu einem mehr künstlichen als künstlerischen Gesamtbild verknüpft. Man spricht dann gerne vom einem „roten Faden“ und genau der ist in der Regel eher Stolperstrick als Richtschnur. Bei „Upsweep“ ist das anders. Hannah Epperson ist anders.

Die in New York lebende Violinistin und Songwriterin ist dank ihrer eigenwilligen Shows mit Geige und Loop-Station auch in Europa zumindest den eingefleischten Fans der Neo-Klassik bereits ein Begriff. Nun erscheint ihr erstes Album und ihre Eigenart wird sie dabei vor einem Nischen-Dasein mit exklusivem Publikum bewahren. Denn Epperson kann, was in ihrem Genre an Exotik grenzt: Pop.

„Upsweep“ startet mit Contemporary R&B. Knarzige Elektronik, herrlich unterkühlt produziert, mit eingängigen Hooks auf klassischem Fundament. Soweit, so entspannt. Der eigentliche Trick: Nach der ersten Hälfte folgt ein harter Schnitt - dann beginnt die soeben gehörte Abfolge von vorn, diesmal allerdings sind die Songs bis auf ihr Grundgerüst ausgezogen, allen Effekten und allem Firlefanz beraubt. Stimme trifft Violine. Eine One-Woman-Show.

Auch thematisch ist „Upsweep“ höchst ungewöhnlich. Es geht um Entfremdung, Rückzug aus der modernen Gesellschaft, Abschottung, Depressionen und Psychosen. Der moderne Mensch als Einzelkämpfer gegen die Bedrohungen der Welt, seien sie real oder fiktiv. Letzteres sind jedenfalls die beiden Frauen, die Epperson als Alter Egos für ihre Geschichten dienen: Amelia verkörpert die ausproduzierte, elegante Seite des Albums, Iris erzählt den spröden und reduzierten Teil. Extremer könnte der Widerspruch beider Figuren nicht sein und doch funktioniert der Hybrid perfekt: „I am all the voices in your head“.

„Upsweep“ ist Experiment und Werkschau zugleich. Hier stehen sich zwei Versionen derselben Geschichte gegenüber, zwei Herangehensweisen an die gleiche Materie, zwei Gesichter der gleichen Songs. Es zeigt eine wandlungsfähige Künstlerin, die im aktuellen Popzirkus mitmischen oder sich eben diesem komplett entziehen kann. Epperson ist in beiden Welten zu Hause und gerade in der Reduktion der zweiten Hälfte des Albums wird deutlich, dass sie weder Band noch Studiotechnik braucht, um zu glänzen.

Der heutige Musikmarkt ist ganz auf leicht konsumierbare, 3-minütige Häppchen ausgelegt. Darin hat die Musik von Hannah Epperson ebensolchen Seltenheitswert wie der Ansatz, dass der Mensch nicht fehlerfrei zu funktionieren hat, sondern Schönheit im Unperfekten liegt. Das gilt fürs Leben ebenso wie für dieses Album. Es geht um Details. „Upsweep“ ist Therapie und Konzeptkunst, verstörend und betörend zugleich und dank seiner harten Kontraste ungemein spannend. Man muss sich Zeit nehmen, um sich diesen 2 mal 5 Songs anzunähern und sie zu verstehen. Es ist wirklich gut investierte Zeit.

"Upsweep" erscheint am 16.9.2016 via Listen Records.

Live:

15.09.2016 - München / Einsteinkultur
16.09.2016 - Dresden / Beatpol
17.09.2016 - Erfurt / Franz Mehlhose
18.09.2016 - Berlin / Monarch
20.09.2016 - Leipzig / Wärmehalle
21.09.2016 - Osnabrück / Zucker
22.09.2016 - Hannover / Feinkostlampe
24.09.2016 - Hamburg / Reeperbahn Festival
25.09.2016 - Dortmund / Höchste der Gefühle
27.09.2016 - Göttingen / Nörgelbuff
28.09.2016 - Nürnberg / Neues Museum
29.09.2016 - Salzburg / Rockhouse
30.09.2016 - Marburg / KFZ
01.10.2016 - Wien (AT) / Waves Vienna Festival
03.10.2016 - Graz (AT) / Scherbe
04.10.2016 - Bremgarten (CH) / Stiefelchnächt
07.10.2016 - Köln / Die Wohngemeinschaft
08.10.2016 - Münster / Reset Festival

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