Hanybal - Fleisch (Cover)

Fleisch

Hanybal

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Während Azad mit "Der Bozz 2" aktuell versucht, den alten Frankfurt-Sound wiederzubeleben, macht es Hanybal einfach. Sein drittes Studioalbum "Fleisch" schlägt vermummt mit der Sturmmaske auf alle ein, die sich in die Nordweststadt verirren.

So eindrücklich wie Hanybal beschreibt derzeit kaum ein anderer deutschsprachiger Straßenrapper das Elend zwischen Tickerei und Sozialhilfe: "Du gehst jeden Morgen raus wegen Fleisch / mein Vater ist seit fuffzig Jahren am ackern wegen Fleisch / Hakan hat vier Kinder, drei Jobs und kommt jeden Abend heim mit 'nem dicken Stück Fleisch", heißt es im Titelstück.

Wenn Hanybal Geschichten aus dem Block erzählt, klingt das bedrohlicher als bei der Konkurrenz, da der Frankfurter konkrete Bilder zeichnet. Berichtet er von einem erfolgreichen Drogendeal, nennt er im gleichen Atemzug auch die Schattenseiten: Belastungsstörungen, Knast und im schlimmsten Falle der Tod.

VIDEO: Hanybal - Fleisch

Schwere Bässe und minimalistische Klavier-Loops bieten den Teppich für Hanybals düstere Alltagsbeschreibungen: "Abdel Hakim hat keine Papiere, aber viele Probleme / Frankfurt Hauptbahnhof, schwierige Szene / Junkies teilen Spritze und pumpen Heroin auf Krise in Vene / oder rauchen Steine und verlieren ihre Zähne". Dass er selbst nicht komplett unschuldig an seiner schwierigen Situation ist, bestreitet er nicht einmal. Wohlstand und Statussymbole reizen auch ihn, weshalb der kriminelle Weg eben besser als der ehrliche ist.

Dass Hanybal musikalisch nicht nur von Azad sozialisiert wurde, verrät "Not Just Words". An der Seite von Prodigys Havoc schlägt er die Brücke in die nicht weniger trostlosen Projects von Queens. Dogmatisch verfolgt der Frankfurter trotzdem keine Hip-Hop-Regeln. Statt dreimal 16 Zeilen gibt es meistens nur zwei Strophen. Auf "Schleudern" zeigt er mit einem gesungenen Refrain sogar humoristische Seiten.

Esst weniger Fleisch, mahnen Klimaschützer. Hanybal kann nur müde lächeln: "Blühende Strains, die machen, dass die Kasse lacht / Fairtrade, direkt aus der Nachbarschaft / Ja, wir tun was für den Klimawandel / Wir transportieren nicht mehr aus Niederlande". In einer Mischung aus Intelligenz und Verzweiflung stellt er seinen musikalischen Erfolg hinten an. Solange sich die Situation für seine Leute nicht ändert, bleiben auch die Charts zweitrangig: "Wieder mal geht's Richtung Top 10 / Top 5, Top drei, eigentlich egal / weil es bleibt sowieso am Block gleich".

Innerhalb der 42 Minuten Spielzeit verfolgt "Fleisch" ein in sich schlüssiges Soundbild. Experimente wagt Hanybal auch auf dieser Platte nicht. Zum Glück, denn dadurch schafft er ein beklemmendes Straßenrap-Album, das hart ist, dabei aber nichts glorifiziert.

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