Heisskalt - Vom Wissen und Wollen

Heisskalt - Vom Wissen und Wollen

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Vorfreude. Neues Heisskalt-Album. "Vom Wissen und Wollen" erstmals durchhören. Mund offen. Ausrasten. Fertig. Durchatmen. Puls runterfahren. Und jetzt objektiv von vorne.

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Was das Debütalbum "Vom Stehen und Fallen" im Jahr 2013 schon grandios bewies, bestätigt nun "Vom Wissen und Wollen": Heisskalt sind groß darin, Emotionen in komplizierte Bilder zu verpacken, die sich oft beim ersten Hören nicht erschließen. Die Texte wirken manchmal konstruiert, im Alltag spricht man selten so, wie Heisskalt singen und schreien. Dennoch sind die Zeilen nicht zusammengeschustert, um Erfolg zu haben, sondern um die komplizierten Gefühle und Umstände der Welt ausdrücken zu können.

Denn Sänger Matze Bloech ist nicht nur schnöder Texter, sondern vielmehr Poet. Es muss sich nicht immer reimen, es braucht kein durchgängiges Versmaß - der Text darf auch mal holprig klingen, aber niemals recycelt. Wie es die Jungs dann schaffen, die schwerfälligen Lyrics musikalisch perfekt zu unterstützen, ist gegenwärtig in der deutschen Musikszene unerreicht. Atmosphärisch kann niemand Heisskalt das Wasser reichen. Und wenn dann wie bei "Absorber" auch noch das Video passt, ist der Zauber perfekt.

Heisskalt - Absorber

Die Arbeit mit Samples kannte man von der Post-Hardcore-Truppe noch nicht, das hypnotische, sich wiederholende "Who are you?" ist daher gleichzeitig Neuheit und Glanzstück. Es hebt den Song auf eine neue Evolutionsstufe und verstärkt die Aussage um Ungewissheit und Getriebenheit: "Bist du noch da, wenn dieses Feuerwerk zu Ende geht / ich will mit aufgerissenen Augen in die Lichter sehen / und wenn wir gehen müssen, hät' ich dich gern' bei mir, um den Rest zu teilen / ich will nur einmal ohne Zweifel sein".

Diese Motive bilden mit der inneren Zerrissenheit auch die Grundlage für das Schaffen von Heisskalt. Das Leben ist ein konstanter Kampf, sich selbst und seine Rolle in der Gesellschaft zu finden. Anpassen fällt aber schwer und so wird auch die eigene Identität immer wieder von Zweifeln torpediert. Mal tritt man diesen Ängsten offensiv gegenüber und spricht sie an ("Angst hab"), mal bricht man unter der Last und der Vielzahl an Möglichkeiten zusammen ("Von allem").

"Apnoe" und der letzte Song "Papierlunge" sind die besten Beispiele für die Ambivalenz in der Musik Heisskalts. Sie schlagen auf die eigene Stimmung, machen fassungslos, bedrücken - und befreien im selben Zuge allein durch die Kraft ihrer Instrumente. Für die positiven Momente der Scheibe sorgen die kommende Festival-Hymne "Trauriger Macht" und die erste Single-Auskopplung "Euphoria". Ein Hauch Weltuntergang schwingt aber auch in den optimistischen Momenten mit: "Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören / wer geborgen werden will, sich unter den Trümmern begraben / und hoffen - und glauben - und atmen".

Heisskalt - Euphoria

Heisskalt sind Idealisten, Romantiker, Künstler. Sie prangern an, trauern, feiern und lieben mit größtem Einsatz - gepaart mit ausdrucksstarker Musik und klugen Texten, die aufwühlen und zum Nachdenken anregen. Vielen wird das zu kompliziert und verkopft sein, Hipstermucke für Großsstadttinderellas mit Identitätsproblemen, nichts zum Mitgrölen. Wer die Leidenschaft Heisskalts aber nicht erkennt, verpasst besonders für sich selbst eine großartige Erfahrung. Vielleicht jetzt schon das beste deutschsprachige Album des Jahres.

"Vom Wissen und Wollen" von Heisskalt erscheint am 10. Juni über Department Musik (Sony).

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