Ian Chang - Belonging (Albumcover)

属 Belonging

Ian Chang

Redaktionswertung: 
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Was pluckert denn da so verführerisch elektronisch exotisch? Es ist die mysteriöse Musik von Ian Chang, die uns in ein eklektisches Sound-Universum entführt.

Der Musiker Ian Chang ist als Mitglied von Son Lux oder Landlady bekannt und für seine Kollaborationslust, die ihn auf seinem Debüt-Album“属 Belonging“ zur Zusammenarbeit mit R&B-Sängerin Kiah Victoria, Blonde-Redhead-Chanteuse Kazu Makino oder Dance-Künstlerin Hanna Benn führte, die ihre ätherischen bis zarten Vocals auf die ansonsten rein instrumentalen Tracks legen.

Video: Ian Chang - Audacious feat. KAZU

Das Zentrum der Tracks ist das Schlagzeug, das sich in wirbelnden Percussions oder coolen Drums entfaltet und mal brodelnde Electronica-Melodien hervorbringt, mal rhythmische World-Musik-Stücke. Die Songs stehen damit in einer Tradition von Künstlern wie Björk, Burial oder Flying Lotus und sind kaum einzufangen in gängigen Genre-Diskussionen.

Video: Ian Chang -舞狮 Lion Dance

Ian Chang umschreibt seinen kreativen Prozess oft mit dem Begriff "Third Culture" und meint damit seine Biografie, die ihn und seinen Sinn für Kunst stark prägte. Geboren wurde er 1988 in Hongkong, er lebte zehn Jahre in New York und landete schließlich in Dallas, Texas. Im Interview erklärt er, wie es zu dieser Philosophie der "grenzenlosen Heimat", die er für sich und seine Musik in Anspruch nimmt, gekommen ist:

Welches ist der erste Song, an den Du erinnerst? Und an was erinnerst Du dich?

Mein Vater kann vier Songs auf der Gitarre spielen und singen: "House Of The Rising Son" könnte eines der ersten Lieder sein, an die ich mich erinnere – abgesehen von "Happy Birthday".

Was war deine erste selbst gekaufte Schallplatte? Welches Gefühl hattest Du dabei?

Es tut mir leid, aber das weiß ich wirklich nicht mehr. Ich denke, ich bin wirklich eine ungewöhnlich unsentimentale Person.                       

Was war dein erstes Konzert? Wie war es?

Ich glaube, mein erstes Konzert war Westlife. Meine Schwester und ich standen damals ziemlich auf deren Version von "Uptown Girl". Das Einzige, woran ich mich bei dem Konzert erinnere, ist dass sie eine Stunde zu spät anfingen und sie sichtlich betrunken waren!

Wie hast Du angefangen Musik zu machen? Gab es einen speziellen Auslöser?

Als ich acht oder neun Jahre alt war lebte meine Familie zwischen eines Umzugs für eine Weile bei meiner Großmutter. Sie hatte ein altes Keyboard, vielleicht eines von Casio oder Yamaha, das sowohl Beats als auch Sound-Bänke integriert hatte. Ich erinnere mich, ziemlich viel Zeit mit diesem Keyboard verbracht zu haben und lernte Songs nach Gehör nach zu spielen. Und schließlich schrieb ich damals auch ein paar eigene – das war so aufregend. I erinnere mich vage, dass das in D-Moll war und einen "Rock-Beat" hatte. Ich hatte keine Möglichkeit selbst aufzunehmen, also bat ich einen Freund, der das konnte und spielte ihm den Song über eine Freisprecheinrichtung vor, so dass er ihn erfassen konnte. Vielleicht ist das ja eine Aufnahme-Technik, die ich wieder aufgreifen sollte!

Warum machst Du Musik?

Auf einer sehr einfachen Ebene ist Musikmachen einfach etwas, das mich glücklich macht. Als Kind war das das Kaninchenloch, in dem ich glücklich immer wieder verschwinden konnte und eigentlich hat sich das bis heute nicht geändert. Zudem glaube ich, dass Musik ein machtvolles Vehikel für Empathie ist und eine Kraft, die Menschen zusammenbringt.

Wie machst Du Musik? Wie funktioniert das normalerweise?

Für mich beginnt das immer wie ein tastbaren Experiment. Sogar als ich jünger war, schrieb ich Songs indem ich zunächst spielte und erforschte. Ich konnte mich nie einfach hinsetzen und ein Stück Musik niederschreiben und es dabei in meinem Kopf hören. Später fügte ich einen Schritt vor die fühlbare Erfahrung ein: Das Sound-Design. Ich bin normalerweise von einem Audio-Fetzen inspiriert und baue dann eine akustische Umgebung darum in Form eines virtuellen Instruments. Dann schaue ich, wie es sich anfühlt, das zu spielen. Von da an, entstehen normalerweise einige musikalische Ideen und ich entwickele den Song weiter. Es ist wie ein Haus um einen Stuhl herum zu designen.

Welche Künstler haben Dich am meisten geprägt und warum?

Ich bin immer am meisten von den Musikern inspiriert, die das Gefühl vermitteln, alles sei möglich. Da ist etwas an dieser schrankenlosen Kreativität, das mein Blut zum Kochen bringt. Ich bin wirklich schlecht darin, Lieblingsmusiker aufzuzählen, deshalb habe ich auch keine klare Vorstellung davon, wer mich am meisten geprägt hat. Aber hier ist eine kleine Aufzählung von Künstlern, die mich am tiefsten beeinflusst haben: Jai Paul, Rosalia, Monte Booker, Kendrick Lamar, Tierra Whack, James Blake, Dawn Of Midi, SK Kakraba, Deerhoof, Caroline Polachek, Moses Sumney, Rafiq Bhatia, Ryan Lott, Battles, Xenia Rubinos, Serpentwithfeet, mmph, Björk, Caribou, Radiohead, Flying Lotus... und die Liste geht noch weiter.

Was willst Du mit deiner Musik erreichen?

Ich möchte Menschen dieselbe Erfahrung vermitteln, die ich habe, wenn ich Gänsehaut erzeugende Musik höre. Ich fühle mich wirklich dazu hingezogen, auf dem schmalen Grat beim Musikmachen zu wandeln, der Musik erzeugt die einerseits seltsam, andererseits aber auch vertraut klingt... innovativ aber auch emotional. Irgendwie sehe ich mich selbst als Alien, was aufregend ist. Ich hoffe, ich vermittele Menschen auch dieses Gefühl.

Was ist bislang dein bester Track?
舞狮 (Lion Dance)

Woran arbeitest Du momentan und was steht als Nächstes an?

Ich arbeite an einem Filmscore und neuer Musik mit Son Lux sowie an einem Sample-Pack für Splice. Zudem arbeite ich an meiner Live-Show für die Zeit, wenn ich wieder das Privileg habe zu reisen und aufzutreten ohne die Menschen in Gefahr zu bringen. (Anmerkung: Er bezieht sich natürlich auf die Corona-Pandemie).

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