Jesus Is King

Jesus Is King

Kanye West

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Im Auftrag des Herrn veröffentlicht Kanye West sein neuntes Studioalbum "Jesus Is King". Auch wenn er die Platte mehrmals verschoben hat, klingt die Musik skizzenhaft und zügig produziert.

Wie würde Kanye Wests Musik wirken, wenn er sie für sich selbst sprechen ließe? Keine hitzigen Interviews, keine wirren Tweets und keine Statements über den Zustand unserer Welt – "Jesus Is King" würde vermutlich noch mehr Stirnrunzeln erzeugen.

Das neunte Studioalbum von West dient quasi als Soundtrack zu seinen Gottesdiensten. Hierfür hat er den Sunday Service Choir gegründet, der auch auf "Jesus Is King" die zweite Hauptrolle einnimmt. Die erste füllt selbstverständlich Gott aus. Bei einer Platte mit diesem Titel und Hintergrund dürfte niemand überrascht sein, dass "Jesus Is King" durch und durch Christen-Rap ist.

"Every Hour" eröffnet das Album mit einem klassischen Gospelchor: "Sing 'til the power of the Lord comes down". Schmecken wird das nicht jedem Langzeithörer. Doch das Thema nimmt seit "The College Dropout" einen wichtigen Platz in Wests Musik ein. Auf Albumlänge und in dieser missionarischen Form hat er sich seinem Glauben allerdings noch nie verschrieben.

"Won't be in bondage to any man / John 8:33 / We the descendants of Abraham", rappt er auf "Selah". Popkulturverweise, die es früher zu ergründen galt, weichen Bibelstellen. Ein Nachschlagen lohnt sich, beziehen sie sich – so wie Johannes 8,33 – auf kontroverse Aussagen, die West in Interviews von sich gab: "Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen."

Video: Kanye West – Follow God

Musikalisch tobt sich West weniger im Hip-Hop und verstärkt im Gospel aus. Dabei nehmen Chöre ("Water") und Orgeln ("Selah") viel Raum ein. Doch er besinnt sich auch auf Elemente, die bereits aus seiner langen Diskografie bekannt sind: Das Vocal-Sample in "Follow God" könnte von "The College Dropout" stammen, die pompösen Synthies in "On God" klingen nach "Graduation" und "Use This Gospel" funktioniert mit monotonem Piano-Loop und eingängiger Pop-Melodie wie eine Mischung aus "Runaway" und "Can't Tell Me Nothing".

Beim Hören fällt sofort das Skizzenhafte an "Jesus Is King" auf. Durchgängige Strukturen besitzen die Lieder nicht. Auf Details und Spielereien verzichtet West weitestgehend. Im Mittelpunkt steht Gott und diesen preist er auf Stücken wie "Water" auch ohne Drums. Kenny Gs Saxofonsolo auf "Use This Gospel" wirkt wie nachträglich hinzugefügt und dadurch wie ein Fremdkörper im Lied.

In "God Is" bricht Wests Singstimme. Er leidet hörbar. Dass er mit ganzem Herzen drin steckt, kann niemand bestreiten. Doch die größten Kritiker scheinen aus den eigenen Reihen zu kommen: "Said I'm finna do a gospel album / What have you been hearin' from the Christians? / They'll be the first one to judge me / Make it feel like nobody love me".

Atheistische Kanye-Fans werden ihre Köpfe gegen Wände schlagen und sich endgültig verabschieden. Viele Andere schreckt das Reduzierte ab. Wer dennoch dran bleibt, freut sich über ein Gospel-Rap-Album, das Snoop Dogg mit "Bible Of Love" in dieser Dringlichkeit nicht hinbekommen hat. Gegen Wests restliche Diskografie sieht "Jesus Is King" trotzdem kein Land.

Video: Jesus Is King – A Kanye West Film (Trailer)

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