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Kapnorth - Dematerealize

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Was einst seine Wurzeln im Post-Rock hatte, ist jetzt ein wenig eingängiger aber nicht minder eindringlich. Das zweite Album von Kapnorth heißt "Dematerealize" und ist mehr als nur eine leere Worthülse. 

Download & Stream: 

Aus vier mach' zwei, aus zwei mach' eins. So oder so ähnlich ließe sich die Gründungsgeschichte der Luzerner Band Kapnorth kurz und knapp zusammenfassen. Das Quartett erwuchs aus zwei Jugendfreundschaften, die sich irgendwann um 2008 auf die Fahnen schrieben, Post-Rock zu zelebrieren, dadurch Geschichten zu erzählen und live mit wuchtiger Inbrunst darzubieten.

Hinter dem Zufall, dass "Dematerealize" am ersten Mai - traditionell ein Tag des Aufstandes, von Demonstrationen und leider auch teils gewaltätigen Exzessen vereinzelter - erscheint, steckt eventuell mehr Berechnung, als es auf ersten Blick den Anschein hat. Auch Kapnorth rufen zur Revolution auf. Feingeistig sinnieren die Schweizer darüber, dass ein Leben bestehend aus Arbeit, Fernsehen und Schlafen gehen nicht alles sein kann.

"Dematerealize" ist der unterschwellige Soundtrack zum Ausbruch aus dem immer wiederkehrenden Alltag des aneinander Vorbeilebens, wie in "Pixies" beschrieben. Das Materielle muss wieder dem emotionalem weichen, digitale Kommunikation wieder etwas mehr dem Analogem. Die Texte des Albums liegen dabei auf einem mäandernden Soundbett aus hypnotischen Gitarrenwänden, mal dezent im Hintergrund vor sich her schwebend, mal brachial laut, die mit Hall verzerrte Stimme überlagernd. Zwischen Indie-Pop und Post-Rock kreieren Kapnorth eine epische, mitreißende Klangkulisse.

"I can't find no comfort" heißt es im Opener "Ghostly Love". Die Schweizer finden keine Ruhe. In ihren Köpfen spielt sich viel ab und das dringt jetzt nach draussen. Das Album ist Appell und Wunsch gleichermaßen, Sehnsucht und unbedingter Wille die derzeitige Realität ändern zu wollen.

Kapnorth wagen sich aus den träumerischen Sequenzen ihres Debüts heraus, öffnen die Augen und sehen eine Welt, die nicht so ist, wie sie sein sollte. Im Kern beschäftigt sich "Demateralize" mit einer persönlichen, wie auch gesellschaftlichen Werteverschiebung - weg vom alles und jeden umgebenden Materialismus, hin zu mehr Emotionalität, zu mehr persönlicher Präsenz und Teilhabe.

Ein ambitioniertes Projekt, das in Begleitung der eindringlichen Videos eine ganz besondere Bedeutung bekommt. Zu jedem einzelnen Song sollen Visuals produziert werden. Zehn Tracks, zehn VIdeos, eine 47-minütige mitreißende Kurzgeschichte über den langsamen Verfall der Gesellschaft. Zwischen Art-Pop und Post-Rock ist "Demateralize" keine leichte Kost. Sie ist eine, die schwer im Magen liegt, die aufwühlt. Ein Gesamtkunstwerk einer viel zu wenig beachteten Band, die zudem als eine der fantastischsten Liveacts unserer südlichen Nachbarn gilt. 

"Dematerealize" erscheint am 01.05.2016 über das eigene Label Petite Machine Agency.

Kapnorth live:
07. Mai | Kriens, Südpol (CH)
26. Mai | Dresden, Ostpol
27. Mai | Magdeburg, Turmpark
26. Juni | Luzern, Gewerbehalle
12. Juli | Main, Schon Schön
14. Juli | Berlin, Duncker
06. August | Luzern, Invictus Pax

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