Athen

Max Herre - Athen

Redaktionswertung: 
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sehr gut

Max Herre hat sich mit dem aktuellen Hip-Hop-Sound beschäftigt und eigene Ideen hinzugefügt. Eine bessere Platte als "Athen" hätte er vermutlich nicht aufnehmen können.

Die Platte beginnt überraschend. Im Titelsong setzt Max Herre Autotune ein. Überhaupt klingt das Stück, als hätte er Tuas Soloalbum, das Anfang des Jahres erschien, einmal zu oft gehört. Der Eindruck der dreisten Kopie wird durch den Rest des Albums nicht bestätigt. Im Gegenteil. Herre wirkt von musikalischen Dogmen befreit. Erstmals möchte er weder der Rocker noch den Blues-Sänger mimen.

Herres Mittel reichen von Hip-Hop bis Gospel und spiegeln seine musikalische Sozialisation wider. In "Siebzehn" erinnert ein gepitchtes Vocal-Sample an die Zeit Ende der 2010er und die Raps an den Freundeskreis-Max, die FK Allstars fühlen sich bei den Reggae-Vibes von "17. September" wohl und das E-Gitarren-Solo im Outro von "Alte Turnhalle" scheint eine Altlast seines ersten Soloalbums zu sein.

"Athen" ist ein langsames Album. Schleppende, häufig sogar komplett aussetzende Drums geben die Geschwindigkeit vor. Selten – wie in "Siebzehn" – ersetzen Breakbeats und Drumcomputer das live eingespielte Schlagzeug. Hip-Hoppiger wird es auf "Athen" nicht. Dennoch spielt die Melodie-Verliebtheit, die der Modus-Mio-Rap für sich entdeckt hat, Herre in die Karten. Der Gesang in "Fälscher" erinnert durch die Intonation und den Stop-and-Go-Vortrag an einen klassischen Trap-Flow.

Video: Max Herre – Athen

Mit unter anderem YONII, Trettmann, Alli Neumann, OK KID und Monchi von Feine Sahne Fischfilet holte sich der 46-Jährige die Musikerinnen und Musiker der Stunde ins Studio. Herre stellt den Gästen jedoch keine Strophen und Refrains für die Selbstpräsentation zur Verfügung, sondern ordnet sie dem Songkonzept mit Hintergrundgesang oder Bridges unter. Das klappt mal besser und mal schlechter. Dirk von Lowtzow wirkt in "Dunkles Kapitel" deplatziert, Dendemann verleiht "Die Box" dagegen wichtige Nuancen.

Inhaltlich setzt sich Herre mit seiner Kindheit und Jugend auseinander. Aber auch den aktuellen Rechtsruck spricht er in "Dunkles Kapitel" an. Dies geschieht allerdings nicht ohne einen Verweis auf die eigene Familiengeschichte. Herres Vortrag klingt erzählerisch. Er baut mit seiner Stimme kaum Druck auf. Sollen Inhalte dennoch dringlicher wirken, legt er wie in "Konny Kujau" einen Megafon-Effekt darüber.

Sowohl inhaltlich als auch musikalisch bringt Max Herre alles zusammen, was ihn im Laufe seines Lebens begleitet hat. Auch wenn er damit die Hip-Hop-Kids abschreckt und die Feuilleton-Leser überfordert, "Athen" ist vermutlich das beste Album, das Herre 2019 herausbringen konnte.

Video: Max Herre feat. Joy Denalane – Das Wenigste

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