ANIMA

Thom Yorke - ANIMA

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
ordentlich
gut
sehr gut

Fiebertraum oder Weltuntergang? Fest steht, dass man auch auf dem dritten Soloalbum von Thom Yorke vergeblich nach der Zuversicht sucht. Die neun Songs auf "ANIMA" untermauern dabei, dass sich Yorke endgültig vom Einfluss seiner Band befreit hat und sich dabei nicht in der Strukturlosigkeit seiner Kunst verliert. 

“A boy on a bike who is running away / An empty car in the woods, the motor left running.” - auf "Twist" setzt Thom Yorke das Setting seines Albums selbst. Das dritte Soloalbum fühlt sich gleichermaßen nach einem Traum und den Fieber- bzw. Alb- Versionen desselben an. Ein bisschen wie der Soundtrack zu einem Horrorfilm, der nie zum wirklichen Schrecken vordringt. Oder um die Klischee-Formulierungen auf die Spitze zu treiben: wie eine wunderschöne Panikattacke. 

Beschreibungen gibt es auch für die neun Songs auf "ANIMA" wieder viele, denn auf dem Papier lässt sich dieses Album nur schwer zusammenfassen. Irgendwo zwischen Ambient-Grundgerüsten und verschobenen House-Elementen ist ein bisschen Platz für Psychedelic-Ausflüge und IDM-Variationen geblieben. Die Songs lassen Spuren der Tanzbarkeit aufblitzen, nur um im nächsten Moment scheinbar inne zu halten, sich vor der eigenen Unart zu erschrecken und einen neuen Anlauf zu nehmen, diese Tanzbarkeit in einer ausdefinierten Formlosigkeit zu erdrücken.

Ein bisschen Portishead, ein bisschen Floating Points, ein bisschen Four Tet - und eine Stimme, die selbst zum Instrument wird. Yorkes Stimme ist auf dem Album wieder durchgängig präsent und liefert damit einen angenehmen Kontrast zum "Suspiria"-Soundtrack. Sie fließt jedoch viel mehr als zusätzliche Melodie in das Gesamtbild ein und ordnet deshalb auch die Lyrics der musikalischen Stimmung unter. Denn diese werden nur in wenigen Momenten konkret und ziehen sich ansonsten weitläufig um die gängigen Yorke-Themen. 

Und wer sich darüber wundert, dass Radiohead bisher keine Erwähnung hier erfunden haben, bekommt eine einfache Erklärung: "ANIMA" ist Yorkes erstes Soloalbum, das komplett unabhängig von seiner Band funktioniert. Während man in der Vergangenheit entweder den deutlichen Einfluss gespürt oder die Abwesenheit bedauert hat, fühlt sich "ANIMA" zum ersten Mal wirklich eigenständig an. 

Das absolute Aushängeschild des Albums ist "Dawn Chorus". Ein Song, welcher nach absolut ehrlicher Hoffnung klingt und das nur deshalb, weil er gleichzeitig so viel dafür unternimmt, es eben nicht zu tun. Thom Yorke hat - mal wieder - den Soundtrack für den Weltuntergang gemacht. Doch wenn der Weltuntergang so klingt wie dieses Album, darf man sich endlich darauf freuen. 

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