Wie wir leben wollen

Wie wir leben wollen

Tocotronic

Redaktionswertung: 
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20 Jahre Tocotronic, Studioalbum Nummer zehn – Der rechte Zeitpunkt für die Band musikalisch in ein neues Zeitalter zu treten? Vorbei die Tage, als Arne Zank keinen Takt halten konnte und von Lowtzow die Slogans für eine Generation zwischen Grunge und Rezession formulierte. Auf allen Ebenen so elaboriert wie noch nie, macht es einem „Wie wir leben wollen“ nicht gerade leicht.

Dass Tocotronic kein Interesse daran haben, ein Erfolgsmodell zu reproduzieren, haben sie zuletzt mit „Schall und Wahn“ gezeigt. Im Vergleich mit „Wie wir leben wollen“ klingt das erste Nummer Eins-Album der Bandgeschichte allerdings wie eine wahnsinnige Schallattacke. Gepflegtes Gitarrenspiel, Chöre, Steel-Guitars, ein bisschen Countryfeeling und ganz viel Theatralik bestimmen den Sound von „Wie wir leben wollen“.

An 17 Songs wagen sich Tocotronic in ihrem Jubiläumsjahr und auf ihrem Jubiläumsalbum. Es spaltet mit seiner theatralen Inszenierung, in der Dirk von Lowtzow in verschiedenen Rollen auftritt: als Neutrum, als Nüchterner, als Theorie und als Dichter. Nur eine Rolle hat er abgestreift: die des unzufriedenen Dagegenseins. So ist „Wie wir leben wollen“ erbaulich romantische Poesie für alle, die Literatur für hochwertiger halten als (Pop)musik. Denn Tocotronic klingen wie eine ganz gewöhnliche Rockband, die ein wenig Fett um die Hüften angesetzt hat. Es fehlt von Lowtzows gespreizten Versen das scheppernde Regulativ, während die Band in Sphären driftet, gegen die sie sich früher in ihren verschlissenen Trainingsjacken noch entschieden wehrten. Diese Wandlung ist nach so vielen Jahren als Stimme einer Generation nachvollziehbar, aber nicht jeder alte Fan wird sie nachvollziehen können oder wollen. Am Ende wirft "Wie wir leben wollen" mehr Fragen auf, als Antworten zu geben.

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