Tyler, The Creator - IGOR (Artwork)

Tyler, The Creator - IGOR

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
ordentlich
gut
sehr gut

Eigentlich hat Tyler, The Creator mit "Flower Boy" bereits das Album seiner Karriere geliefert. Eigentlich. "IGOR" kehrt dem Rap endgültig den Rücken zu, lässt Neo-Soul auf Distortion treffen und liefert damit einen Soundentwurf, der sich endlich mal wieder nach etwas Neuem anfühlt. 

"Igor. This is not Bastard. This is not Goblin. This is not Wolf. This is not Cherry Bomb. This is not Flower Boy. This is Igor. […] Don’t go into this expecting a rap album. Don’t go into this expecting any album. Just go, jump into it." Diese Erklärung postete Tyler, The Creator wenige Stunden vor der Veröffentlichung seines neuen Albums auf Twitter. Lustig, dass der 28-jährige denkt, irgendwer hätte noch den Mut dazu, bestimmte Erwartungen an seine Musik zu stellen. 

Mit "Flower Boy" hat er 2017 endgültig den Sprung vom pöbelnden Dystopiker zum internationalen Popstar geschafft. Überschattet wurde die herausragende musikalische Qualität des Albums von der anhaltenden Diskussion um Tylers Bekenntnis zu seiner Homosexualität. Und so lohnt es sich, dieses Album zunächst nochmals in voller Länge zu hören und auf die kleinen Snippets und Interludes zu achten, die so rein gar nichts mehr mit Hip-Hop zu tun haben wollten. Denn genau dieser Stil hat nun ein ganzes Album gewidmet bekommen. 

Neo-Soul, R&B, Jazz, Pop, Disco - um Tylers musikalisches Spektrum vollständig zu erfassen, wäre die Genre-Leiste oberhalb dieser Review zu kurz. Versuchen wir es auf den Punkt zu bringen: Tyler hat sich für "IGOR" erneut seine wichtigsten Einflüsse genommen, diese wahlweise durch den Frank Ocean-, Pharrell- oder Death Grips-Filter geschleust und genau damit einen neuen Sound kreiert, der kaum mehr "TYLER" schreien könnte. "IGOR" hat schöne Melodien, verdammt viel Groove und schlägt den Neo-Soul-Beats und Soul-Samples im nächsten Moment die volle Ladung Distortion ins Gesicht. Ein wohlklingender Schlag in die Fresse, wenn man so will. 

Tyler ist vielfältig und Tyler ist anstrengend. Daran ändert sich auch dieses Mal absolut nichts. "IGOR" könnte so zugänglich für ein breites Publikum sein, nur um in den entscheidenden Momenten die Distortion-Schranke herunterzufahren. In seiner Sperrigkeit ist das Album dennoch weit von "Cherry Bomb" entfernt und so wird man das Gefühl nicht los, dass "Flower Boy" die Türen dafür geöffnet hat, dass Tyler endlich umsetzen kann, was er bereits 2015 so überambitioniert versucht hat. 

Die großen lyrischen Momente des Vorgängers bleiben aus und man hat das Gefühl, dass diese neben der Musik sowieso keinen würdigen Platz gefunden hätten. Für wen dieses Album nun genau ist, lässt sich nur schwer sagen. Vermutlich nur für einen Bruchteil der Tyler, The Creator-Fans. Dafür aber für all diejenigen, die einfach mal wieder etwas wirklich Neues hören wollen. 

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