Act der Woche

100 Kilo Herz – Stadt Land Flucht

BrassPunk mit Leidenschaft und linkspolitischen Statements

Mit Pauken und Trompeten: 100 Kilo Herz blasen gehörige Frische in den deutschen Punkrock!

Allein für den Würgelaut nach der Zeile "ihr geht ins Kino um den neuen Til-Schweiger-Film zu sehen" im Opener "Drei Jahre ausgebrannt" muss man diese Leipziger Punkband lieben: Mit viel Bläsern und Fuck-You-Attitüde  sowie dem Chorus "Ich will kein Teil von Eurem Leben sein" ist dies die krachige BrassPunk-Version von Tocotronics "Aber hier leben, nein danke!".

Video: 100 Kilo Herz – "Drei Jahre ausgebrannt"

Und die Verbindung von Alternative, Punk, Ska und Rock ist 100 Kilo Herz gelungen. "Stadt Land Flucht" ist das zweite Album der Band, entstanden im Winter 2019/2020 als viel von "Dunkeldeutschland" die Rede war und die Themen Rassismus wie Rechter Terror spielen in dem politisch motivierten Rock und Punk von 100 Kilo Herz eine wuchtige Rolle.

Dabei kommen die Lyrics ohne den großen parolenhaften Zeigefinger aus, legen diesen aber doch zielgenau in die Wunde. Es spielt nicht nur der Kampf gegen die Neonazis eine Rolle, es wird auch selbstkritisch mit der eigenen Szene umgegangen. Im ungewöhnlichen Track "Tresenfrist" wird beispielsweise ein kritischer Blick auf das Saufen als Gewohnheit geworfen - in der Punkszene eigentlich ein Tabuthema.

Video: 100 Kilo Herz – "…aus den Boxen …But Alive"

Während die Musik mit erdigem Gesang mit Trompeten und Saxofon ziemlich viel Tempo entwickelt und zwischen Feine Sahne Fischfilet, Pascow und Donots wandelt, sind die Themen oft neu gedacht und nicht offensichtlich für das Genre. Neben Gesellschaftskritik ("…aus den Boxen …But Alive" oder "Drei vor fünf vor zwölf"), finden sich auch viel Beobachtungslyrics ("An Ampeln" oder "Der Späti an der Klinik"), was man so eher aus dem Indierock kennt. Ungewöhnlich in dem Bereich ist vor allem der Track "Sowas wie ein Testament" in dem mit der eingängigen launigen Melodie der Text kollidiert, in dem eine Beerdigung geschildert wird.

Video: 100 Kilo Herz – Sowas wie ein Testament

Deutscher Punkrock ist also alles andere als tot und sein Licht leuchtet aus "Dunkeldeutschland" heraus, in diesem Fall aus Leipzig mit tausend Tonnen Leidenschaft und 100 Kilo Herz. "Stadt Land Flucht" reflektiert dabei die Landflucht der Jugend, die Einsamkeit der Städter, das Alleingelassen werden in Dörfern. Zu diesen sagt Sänger Rodi:

"Wir sind selbst dort aufgewachsen und kennen das Gefühl, für einen Abend viel Kraft durch Musik zu bekommen und danach wieder in den Alltag zurück zu müssen und die alten Kämpfe, auch gegen die heimischen faschistischen Strukturen, schlagen zu müssen. Jetzt standen und stehen wir selbst oft auf den Bühnen, die wir teilweise von früher kennen. Manchmal bekommen wir gesagt, dass wir den Menschen helfen. Aber es bleibt auch immer das Gefühl, sie mit dem Wegfahren wieder alleine zu lassen."

Mit diesem Album wird niemand allein gelassen, zu sehr nehmen einen die einfachen, aber ehrlichen Songs an der Hand und lassen Herz und Hirn tanzen.

100 Kilo Herz Live 2020:

07.08.20 Leipzig, Parkbühne
08.08.20 Leipzig, Parkbühne
09.10.20 Braunschweig, B 58
10.10.20 Husum, Speicher
06.11.20 Leipzig, Werk II
07.11.20 Magdeburg, Factory
13.11.20 Hamburg, Logo
14.11.20 Berlin, Musik & Frieden
20.11.20 München, Backstage
21.11.20 Nürnberg, Z-Bau
27.11.20 Frankfurt/Main, Nachtleben
28.11.20 Essen, Turock
04.12.20 Hannover, Musikzentrum
05.12.20 Köln, Gebäude 9
29.01. - 30.01.21 Bern (CH), Blaues Pferd Festival

"Stadt Land Flucht" auf Spotify hören:

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