Akustik auf Konzerten: Wie entsteht perfekter Klang?

Wir fragen den Tontechniker

Ihr freut euch seit Wochen auf die Live-Show eurer Lieblingsband, doch der Sound klingt in der Halle, dem Club oder Stadion einfach nur miserabel? Ein Experte hat uns verraten, worauf es bei guter Konzertakustik wirklich ankommt.

"Hey Soundmann, dreh mal die Anlage auf", heißt es häufig aus dem Publikum. Eine höhere Lautstärke heißt aber nicht besserer Sound. Seit elf Jahren beschäftigt sich Christian Knoll professionell mit der technischen Planung und Durchführung von Konzerten. Der geprüfte Meister für Veranstaltungstechnik weiß, wie ein guter Klang entsteht: "Ziel ist es, dass es einen neutralen und gleichbleibenden Sound über die komplette Fläche gibt."

Fusion Festival
Function-One Lautsprecher gelten im Techno als das Maß der Dinge.

Unterschiede zwischen großen und kleinen Hallen

Zwischen einer großen und kleinen Halle existieren gar nicht so viele Unterschiede. Akustik folgt überall den gleichen Gesetzen. In einer Arena wird ein größeres Soundsystem mit mehreren Einzelkomponenten eingesetzt. Das bedeutet: Deckt die Frontbeschallung die Halle unvollständig ab, füllen zusätzliche Lautsprecherboxen die entsprechenden Stellen.

Eine kleine Lokalität, muss mit ihrer Anlage den Sound auf der Bühne überdecken. Eine heikle Aufgabe, da das Schlagzeug einer Hardcore-Band von Natur aus sehr laut ist. Fasst ein Club nur 50 Leute, müssen die Boxen aufgedreht werden. Dadurch können wiederum Debicel-Grenzwerte überschritten und den Ohren des Publikums geschadet werden. Hier helfen Plexiglaswände, um das Instrument abzuschirmen. Entsprechende Vorrichtungen setzten die Veranstaltungstechniker beispielsweise bei MTV Unplugged mit Cro ein.

Schallwellen und ihr Nachhall

Wer ein Konzert plant, sollte allerdings nicht erst bei der Auswahl einer guten Anlage beginnen. Bereits das Gebäude hat einen riesigen Einfluss auf die Akustik. Um zu verstehen, weshalb, helfen Physikkenntnisse aus der Unterstufe. Erzeugt eine Lautsprecherbox einen Klang, strahlt sie Schallwellen aus. Werden diese reflektiert – beispielsweise an Wänden und Decken aus Stein – kommen sie zurück und überlagern sich mit anderen Schallwellen. Ein Nachhall entsteht, der große, aber auch kleine Räume betrifft. Dieses Phänomen kennen viele aus leeren Wohnungen bei Umzügen.

"Zu Clubs umfunktionierte Lagerhallen haben eine schlechtere Akustik als Opern und Theaterhäuser", zieht Knoll einen nachvollziehbaren Vergleich. Gute Konzerträume wurden daher schon vom Architekten mit akustischen Baumaßnahmen versehen. Lamellen aus Schaumstoff – sogenannte Absorber – helfen in Lokalitäten, die nicht für Live-Shows gedacht sind. Ein noch einfacheres Hilfsmittel um die Akustik zu verbessern sind schwere Akustikvorhänge, die Decken und Wände verkleiden. Hierbei ist es wichtig, dass der Stoff nicht stramm, sondern wellenförmig hängt.

Akustikvorhang
Akustikvorhänge minimierten unerwünschte Reflektionen (Bild: Gerriets Acoustics)

Viel Publikum ist gut für den Klang

Eine willkommene Nebenerscheinung im Schutz gegen Nachhall bietet ein ausverkauftes Konzert. Menschliche Körper bestehen zum Großteil aus Wasser und sind – die eine oder andere Großstadtparty ausgenommen – in Kleider gehüllt. Dadurch nimmt das Publikum viel Schall auf. Die Beschaffenheit des Bodens spielt deshalb auch keine Rolle, so Knoll: "Wenn der Boden nicht bedeckt ist, ist kein Publikum da. Wenn kein Publikum da ist, muss ich auch keinen Event veranstalten."

Schallwellen, die eine Lautsprecherbox verlassen, bewegen sich in alle Richtungen. Das Publikum steht aber nur an einer Stelle: vor der Bühne. Um die Wellen entsprechend zu lenken, werden Horn-Lautsprecher eingesetzt. Diese konzentrieren die Aussendung des hochfrequenten Tonbereichs – zum Beispiel von Geigen und Flöten – auf einen engeren Radius. Im Tief- und Mitteltonbereich sind Horn-Lautsprecher allerdings keine Hilfe.

Akustik auf Open Airs

"Auf Open Airs gibt es nichts, was die Schallwellen reflektiert", hebt Knoll die Unterschiede zwischen einer Hallen- und Freilichtveranstaltung hervor. Das klingt erst einmal nach hervorragenden Voraussetzungen für einen guten Sound. Probleme entstehen unter freiem Himmel allerdings durch Natureinflüsse.

Eine niedrige Luftfeuchtigkeit bedeutet auch weniger Partikel in der Luft. Diese dienen wiederum als Schallwellenträger. Wind beeinflusst den Sound ebenfalls, da er diesen im wahrsten Sinne des Wortes wegblasen kann. Weht ein starker Zug in Richtung der Bühne, erreicht die hinteren Reihen weniger Klang.

Weshalb finden dennoch Festivals wie das "Hideout", "Beyond The Valley" und "Fresh Island" am Meer statt, wo Wettereinflüsse noch stärker sind? Weil es Hilfsmittel gibt, die gegen Wind und Wetter ankommen. Auf dem Gelände verteilte Delay-Tower bringen den Klang in alle Ecken. Gekoppelt mit dem Hauptsystem frischen die Türme den Schall auf. Wichtig ist es, die Komponenten zeitlich abzustimmen, damit kein technisch erzeugtes Echo entsteht. Ein zwar nicht sauberer, aber anschaulicher Vergleich ist der Repeater bei einem Router.

"Heutzutage gibt es immer mehr Festivals in Städten", spricht Knoll noch ein weiteres Problem bei Open Airs an. Denn bei Freiluftveranstaltungen spielen nicht nur die Ohren des Publikums, sondern auch die der Anwohner eine Rolle. Wohngebiete sollten sich daher hinter der Bühne befinden. Die Bässe können zudem durch speziell eingestellte und entgegengesetzt platzierte Lautsprecher gedämpft werden.

Das Konzert am Mischpult retten

"Bei einem guten Sound kommt es auf Erfahrungswerte an", verdeutlicht Knoll, wie wichtig das Ohr des Tontechnikers vor Ort ist. Normalerweise baut eine Person die Technik auf und eine andere stellt den Sound nach den Vorlieben der Band ein. Lässt die Technik zu wünschen übrig, erlebt die Fachkraft am Mischpult eine böse Überraschung und muss alleine mit ihrem Können das Konzert retten, was nicht immer gelingt.

"Es gibt Musikrichtungen, die brauchen untenrum mehr Bass", geht Knoll auf die Unterschiede zwischen den Stilen ein. Gerade im Bassbereich tut sich eine akustische Kluft auf, die beispielsweise zwischen hartem Hip-Hop und seichtem Pop erheblich sein kann. Tontechniker versuchen die Anlage dennoch neutral klingen zu lassen, um die Musik nicht zu verfälschen.

Die Band entscheidet, wie sie ihre Gitarren stimmt und vom Publikum gehört werden möchte. Zusammen mit dem Mischer kann sie ihrem Sound unabhängig von der Anlage eine eigene Note verpassen. Ein gewissenhafter Soundcheck verbessert das Konzerterlebnis daher immens. Spezielle Anlagen für Musikrichtungen gibt es nicht. Das "Summer Breeze" könnte also die gleiche Technik wie das "Splash!" verwenden.

Schwierig kann es bei einem Stil werden, der das in seinem Minimalismus erst einmal nicht vermuten lässt. "Auch Singer-Songwriter muss man anständig laut kriegen", schmunzelt Knoll. Das sei nicht immer leicht, da die Musik per se leise ist und entsprechend aufgedreht werden muss. Dadurch können Feedback-Schleifen entstehen. Das richtige Verhältnis muss der Tontechniker am Mischpult einstellen.

Nichts für zu Hause

Knoll bezeichnet Audiotechnik als Werkzeug. Mit Lautsprechern für den Heimgebrauch habe das nichts mehr zu tun. Ob Veranstalter seiner Erfahrung nach immer Wert auf einen guten Sound legen, beantwortet er zögerlich: "Porsche fahren, will jeder, aber einen Porsche leisten, kann sich nicht jeder." Prinzipiell geht Knoll aber davon aus, dass alle die beste Qualität haben wollen, die sie für ihr Geld kriegen können.

"Die schlimmste Kombination ist ein Raum mit viel Hall und Lautsprecherboxen, die Schallwellen unkontrolliert in alle Richtungen abstrahlen", fasst es Knoll noch einmal zusammen. Mit der richtigen Technik und talentierten Fachkräften verwandelt sich aber auch die untauglichste Halle in eine annehmbare Konzertstätte.

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