Ásgeir im Interview: "Ich mag das Touren, solange es gut läuft"

Der Isländer über seine geschätzte Sprache und überschätzte Polarlichter

Mit "Bury The Moon" veröffentlich Ásgeir nach "In The Silence" und "Afterglow" sein nunmehr drittes Album. Wieder schrieb er dafür mit seinem Vater an den Texten und ließ sie von John Grant übersetzen. Und doch sind die Songs dieses Mal weitaus persönlicher als bisher. Warum, hat er Tonspion.de im Interview erzählt.

Die Songs auf deinem neuen Album sind persönlicher als es die auf den vorangegangen zwei Longplayern waren. Woran liegt das?

Ásgeir: Ich bin erstmal ohne Konzept ans Schreiben herangegangen. Jeder Song hat eine andere Bedeutung. Und ja, ich habe schon in der Vergangenheit viel mit meinem Vater an den Texten gearbeitet, er schreibt gern über die Natur und Umwelt. Das ist auch Teil dieses Albums, aber ich war jetzt mehr in den Prozess involviert. Und ich hatte klare Vorstellungen davon, worüber ich singen will. Es geht unter anderem um ein verstorbenes Familienmitglied, meine eigene Kindheit und Kindheit im Allgemeinen oder auch einfach nur die Probleme, die der Alltag so mit sich bringt. Beim nächsten Album möchte ich dann gern noch mehr für mich allein arbeiten.

Foto: Anna Maggie

Die ersten Alben waren äußerst erfolgreich. Hat dich das für das dritte in irgendeiner Weise beeinflusst? Knüpfst du spezielle Erwartungen an dessen Veröffentlichung?

Darüber habe ich beim zweiten Album zu viel nachgedacht. Der Druck, den ich verspürt habe, war enorm. Und so war der Entstehungsprozess extrem schwierig. Dieses Mal habe ich mir lieber darüber Gedanken gemacht, was ich eigentlich will und nicht, was andere von mir erwarten. Denn wenn dich niemand kennt, ist es ganz klar, dass du Musik aus dir selbst heraus machst. Und das kann zerstört werden, sobald der Erfolg kommt. Ich habe versucht, für dieses Album damit anders umzugehen.

Du wirst “Bury The Moon” gleichzeitig in englischer Sprache wie auf Isländisch veröffentlichen. Machst du das nicht auch vor allem, weil du glaubst, es deinen Fans der ersten Stunde in deiner Heimat schuldig zu sein? Oder ist es dir ein inneres Bedürfnis?

Es ist ein bisschen von beidem, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich bin glücklich, dass die Menschen auf Island die Songs auf Isländisch hören können, und es gibt auch viele Leute außerhalb unseres Landes, zum Beispiel in Skandinavien, die das erste Album auf Isländisch mochten. Viele Leute können eher eine Verbindung zu der Musik herstellen, weil die Sprache so einzigartig ist. Aber ich selbst liebe es ebenfalls, in meiner Muttersprache zu singen. Die Songs werden ja auch zunächst auf Isländisch geschrieben. Würde ich nur dagegen auf Englisch singen, wäre das erste Album in meiner Heimat sicherlich nicht so ein Erfolg geworden. Dort wird fast nur isländische Musik gehört. 

Ásgeir - Pictures

Ins Englische übersetzt werden deine Texte von Songwriting-Altmeister John Grant…

…der ein echtes Sprachgenie ist. Er hat eine Weile auf Island gelebt und spricht unsere Sprache fließend. Er spricht allerdings auch Russisch, Deutsch und noch noch mehr. Er ist echt verrückt und geradezu davon besessen, Sprachen zu lernen. Wir unterhalten uns auch auf Isländisch, wenn wir uns treffen. Die Beziehung zwischen John und mir ist inzwischen sehr freundschaftlich. Als wir uns zum ersten Mal trafen, war ich erst 19 Jahre alt, da war unsere Ebene noch eine etwas andere. 

Du arbeitest wie erwähnt eng mit deinem Vater zusammen. Ist das nicht auch schon mal schwierig?

Es kann schon kompliziert sein, aber ich würde nicht sagen, dass es schwierig ist. Er schreibt sehr schnell, und er hat eine Menge Zeit, denn er ist inzwischen im Ruhestand. Ich mag es, wenn er da ist. Er kommt dann nach Reykjavik und wir arbeiten dort zusammen, hören uns gemeinsam erste Demos an und sprechen darüber, wie sich die Melodien anfühlen. Oft sind wir uns da sehr einig. 

Die Musikszene in Reykjavik ist zwar omnipräsent, aber auch recht überschaubar. Kennt dort tatsächlich jeder jeden?

Als ich mit meinem ersten Album in die Musikszene dort eingetaucht bin, habe ich gefühlt schon in den ersten zwei Wochen jeden dort einmal getroffen. Einige der Leute spielen tatsächlich zur selben Zeit in zehn oder fünfzehn unterschiedlichen Bands und Projekten. Aber das ist auch schön, denn es ist einfach, die Leute kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten. 

Ich selbst war noch nie auf Island, aber wie wohl jeder Mensch, den man so trifft, möchte auch ich da natürlich gern mal hin. Wann ist die beste Zeit und was darf ich nicht verpassen?

Das kommt darauf an, was du dir ansehen willst. Ich denke, das Bekannteste sind natürlich die Nordlichter im Winter, aber die gibt es nicht jede Nacht zu sehen. Dafür haben wir allerdings eine Vorhersage, die sollte man checken. 

Sind die Nordlichter etwas, das einen als Isländer noch faszinieren kann?

Nein. Manchmal sind sie schon beeindruckend, aber manchmal ist es auch nur eine Linie am Himmel, die auch eine Wolke sein könnte. Wenn der ganze Himmel in Farbe getaucht ist, ist das spektakulär, doch das kommt nicht sehr oft vor. Es ist selten so, wie man es von Fotos kennt. Ich glaube, ich habe es noch nie so erlebt. (lacht)

Kannst du dir vorstellen, auch irgendwo anders als in Reykjavik zu leben oder hätte das einen zu großen Einfluss auf deinen Sound?

Wenn ich beispielsweise in Berlin aufgewachsen wäre , würde meine Musik sicher anders klingen. Wenn ich aber jetzt hierher zöge, würde das womöglich nichts verändern. Ich weiß es aber nicht genau, denn man taucht ja dann in eine andere Musikszene ein und trifft andere Musiker und Produzenten, die einen inspirieren. Aber ich denke, es geht schon vor allem darum, wo du aufgewachsen und wer du im Kern bist, und nicht, wo du später lebst. Ich könnte mir vorstellen, umzuziehen, habe aber auch ein wenig Angst davor. Vielleicht würde es beruflich Sinn machen, in die USA zu gehen für eine Weile. Doch ich mag diese überdimensionierten Städte nicht. Die Möglichkeiten dort sind natürlich toll, die Kontakte, die man knüpfen könnte... 

Der Wunsch nach einem Rückzugsort speist sich bei vielen Musikern ja vor allem auch aus dem stressigen Tourleben. Ist das bei dir ähnlich? Bist auch du froh, wenn du wieder heim darfst?

Ich mag das Touren, solange es gut läuft. Aber nach fünf oder sechs Wochen bin ich schon froh, eine Pause vom Leben im Bus machen und endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen zu können.

Ásgeir - Lazy Giants

Ásgeir Tour 2020

28.02.2020 HAMBURG, Mojo Club Tickets
29.02.2020 BERLIN, Konzertsaal der Universität der Künste Tickets
20.04.2020 DARMSTADT, Centralstation Darmstadt Tickets
22.04.2020 KÖLN, Gloria-Theater Tickets
23.04.2020 MÜNCHEN, Muffathalle Tickets
24.04.2020 LEIPZIG, Täubchenthal Tickets

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