Ausspioniert: Miss Kittin & The Hacker im Interview

Das Electro-Pop Duo über das zweite Album und das Leben unterwegs auf Tour

Gut zehn Jahre nachdem sie mit ihrer Single "1982" das große Electro-Revival einläuteten, sind Miss Kittin & The Hacker mit Album "Two" zurück. Im Interview erzählen sie, wie sie wieder zusammen gefunden haben und warum sie mit Electroclash nichts am Hut haben.

TONSPION: Es ist viel Zeit vergangen seit eurem "First Album". Was hat euch jetzt wieder zusammen gebracht?

The Hacker: Ich glaube es hat angefangen, als wir beide bemerkten, dass wir ein bisschen weg von der DJ-Welt wollten. Wir waren die letzten sieben Jahre als DJ unterwegs und wollten eine Veränderung. Wir brauchten eine neue künstlerische Herausforderung, also haben wir entschieden, wieder zusammen zu arbeiten und auch wieder live zu spielen.

Miss Kittin: Wir haben uns zuerst Songs vorgespielt, Michel hat dann bei sich aufgenommen und ich hab die Stimme zuhause aufgenommen. Mit der Zeit hat sich dann die Perspektive auf ein neues Album ergeben.

Euer Sound wurde von irgendjemandem als "Electroclash" abgestempelt. Was denkt ihr über diesen Begriff?

TH: Es ist einfach nur etwas, was sich die Presse damals ausgedacht hat. Für mich sind wir eine Electro Band, fertig. Journalisten müssen Künstler immer in gewisse Schubladen stecken, deshalb benutzen sie diesen Begriff.

MK: Es macht uns nichts mehr aus. Wir waren schon viele Jahre live unterwegs, bevor dieser Begriff erfunden wurde.

Das neue Album geht in eine neue Richtung und klingt weniger minimalistisch, weniger unterkühlt und abwechslungsreicher. Was hat sich in eurer Arbeitsweise geändert? Hattet ihr eine bestimmte Vorstellung, als ihr angefangen habt aufzunehmen?

TH: Ich habe jetzt viel mehr Erfahrung und auch besseres Equipment, deshalb hat sich mein Sound natürlich sehr verändert, im Vergleich zu vor zehn Jahren. Außerdem habe ich sehr viel unterschiedliche Sachen gehört und wir wollten diesmal etwas anderes machen als beim ersten Album, das wirklich zu 100% Electro war. Etwas was melodiöser und vielleicht auch deeper ist.

MK: Die Zeiten haben sich geändert. Das erste Album kam wie ein Außerirdischer in einer Zeit, als man in den Clubs nur Techno ohne Vocals spielte, es war wie ein lustiger Unfall. Jetzt hört man überall Stimme, elektronische Musik ist vermischt mit zahlreichen Einflüssen und wir sind ja auch reifer geworden als Mit-Dreißiger. Am Anfang wollten wir einfach nur Spaß haben und so aufrichtig wie möglich sein. Dieses Album sollte einfach nur reflektieren, wer wir heute sind, mit einem offenen Ohr für die Welt, aber ohne von einem bestimmten angesagten Sound oder unserer Vergangenheit zu sehr beeinflusst zu sein. Wenn am Ende der Song gut war, haben wir ihn behalten, ganz einfach.

Ihr geht demnächst auf große Tour. Was macht mehr Spaß: Platten auflegen und jeden Abend etwas anderes spielen zu können oder Eure eigenen Stücke live zu spielen?

MK: Ich dachte früher auch so. Aber in Wirklichkeit haben wir nie daran gedacht, für immer nur als DJ unterwegs zu sein. Wir müssen von einem neuen Projekt begeistert sein. Und jetzt haben wir endlich die Chance dazu mit einem richtigen Team im Bus auf Tour zu gehen, wie eine richtige Band. All das ist neu für uns! Ich möchte das Auflegen weiter als Hobby betreiben, so wie früher auch, aber nicht mehr jede Woche, wie in den letzten Jahren. Ich liebe es einfach zu sehr und möchte nicht, dass es langweilig wird. Es ist keine einfache Entscheidung, weil es so bequem ist, einfach nur mit der kleinen Plattenkiste anzureisen und am Ende bar bezahlt zu werden, aber ich habe es mir nie einfach gemacht. Beim live spielen kann man sich nicht verstecken, du verteidigst deine Songs vor einem Publikum, ganz real.

Was denkt ihr über die aktuelle Entwicklung in der Musikszene. Vieles verändert sich derzeit, alles ist im Umbruch. Was würdet ihr als größten Fortschritt und was als größten Fehler in den letzten Jahren seit eurem "First Album" (2001) sehen?

MK: Sehr gute Frage. Der größte Fortschritt ist bestimmt, wie die Stilrichtungen explodiert sind. Heute gehen die Leute sowohl in einen Club, um einen DJ zu hören als auch auf Live-Konzerte von Bands. Das ist gesund. Und es ist in fast allen Ländern so, die ich besucht habe.
Der größte Fehler ist vielleicht der Missbrauch, den die Industrie in den goldenen Jahren betrieben hat, aber das brachte die Umwälzungen, von denen du sprichst und kleinere Strukturen können nun endlich wieder existieren. Deshalb haben wir das Album auch auf meinem eigenen Label veröffentlicht. Jeder Fehler ist konstruktiv.

Welche Musiker und Bands hört ihr derzeit?

MK: Thieves Like us, Ladyhawke, MGMT, Gabriel Ananda, Guy Gerber und vieles andere.

TH: Ich mag, was das neue englische Label Dissident macht. Sie veröffentlichen sehr gutes Electro/Disco-Zeug. Außerdem höre ich zur Zeit den amerikanischen Techno-Produzenten Function und die Band Heartbreak.

Interview: Udo Raaf / Tonspion.de

TONSPION präsentiert: Miss Kittin & The Hacker live 2009

07.04.09 - Mannheim (D) – Alte Feuerwache
08.04.09 - München (D) – Die Registratur
09.04.09 - Berlin (D) – Lido Tickets
10.04.09 - Hamburg (D) – Uebel & Gefährlich
11.04.09 - Leipzig (D) – Centratheater
12.04.09 - Stuttgart (D) – Rocker 33
14.04.09 - Wiesbaden (D) – Schlachthof
15.04.09 - Köln (D) – Gloria
26.05.09 - Wien (A) – Flex
27.05.09 - Jena (D) – Kassablanca
28.05.09 - Dresden (D) – Showboxx
29.05.09 - Salzburg (A) – Gusswerk
30.05.09 - Zürich (CH) – Rohstofflager
31.05.09 - Düdingen - Bad Bonn (CH) – Kilbi Festival

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Miss Kittin - Calling From The Stars

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Emanzipation im Studio
Electroclash ist Geschichte, eines seiner prominentesten Gesichter meldet sich dagegen mit einer Doppel-CD zurück. Miss Kittins „Calling From The Stars“ bietet für die Französin typische Clubtracks. Daneben versucht sich Miss Kittin an Ambient, in dem sich vor allem ihr Selbstvertrauen als Produzentin manifestiert.