Beats, Breaks & Bitcoin: Kryptowährung mit der Satellitenschüssel

Die Blockchain-Revolution und ihre Folgen (6/10)

Seit ihrer Erfindung im Jahr 2009 hat Bitcoin eine mit dem Wachstum des World Wide Web in den neunziger Jahren vergleichbare Entwicklung vollzogen. Das Wachstum der Bitcoin-Adressen seit Januar 2009 ist beeindruckend. Doch welche Auswirkungen hat das auf den Markt?

Die exponentiell steigende Popularität der digitalen Währung – derzeit sieht es so aus als wüchse die Kryptowährung alle acht Monate um das Doppelte - macht es jetzt sowohl nötig, Flaschenhälse zu beseitigen und Skalierungsprobleme zu lösen, als auch den Zugang zu Bitcoin in den ärmeren Regionen der Welt zu erleichtern. Progammierer aus der Open-Source-Community und Startup-Unternehmen auf der ganzen Welt arbeiten derzeit an Lösungen. Ein kalifornisches Team namens Blockstream hat nun einen besonders innovativen Ansatz präsentiert.

 Blockstream wird von Adam Back geleitet, einem der ersten, echten Cypherpunks. Der geniale Kryptograph und Mathematiker hat im Jahr 1997 Hashcash vorgestellt, eine Technologie, die ganz wesentlich für das Funktionieren von Bitcoin und anderen Kryptowährungen ist.

Ein Teil der Vision von Blockstream ist es, Bitcoin zu streamendem Geld zu machen - Kryptowährung, die in Millionstelbruchteilen eines Cent millionenmal pro Sekunde um die Welt fließt. Menschen lassen sich nicht mehr einmal pro Monat oder Woche für ihre Arbeit bezahlen, sondern jede Sekunde. Programmierbares Geld fließt zwischen Smartphones, Getränkeautomaten und selbstfahrenden Autos.

In der Debatte, wie man das am besten erreicht, geht es um die Struktur des Netzwerks an sich. Denn bei Bitcoin handelt sich  um ein weltweites peer-to-peer-System, das sich aus  tausenden gleichberechtigten Netzwerk-Knoten (Nodes) zusammensetzt. Jeder Noden besitzt eine Kopie der Blockchain, in der alle Bitcoin-Transaktionen der letzten neun Jahre aufgezeichnet sind. Nachträgliche Änderungen sind aufgrund von Verschlüsselung und Proof-of-Work nicht möglich. Dieses System ist zwar sehr sicher, derzeit aber auch noch recht nicht so leicht skalierbar, wie es sein sollte.

Voraussetzung für Streaming Money

Um die Vision von Geld, das wie Wasser fließen kann, zu verwirklichen, sind zwei Dinge notwendig. Erstens: Das Bitcoin-Protokoll, das derzeit nur etwa drei bis fünf Transaktionen pro Sekunde ermöglicht, muss um zusätzliche Layers erweitert werden -  analog dem Internet, für dessen reibungsloses Funktionieren mittlerweile über 400 verschiedene, übereinandergeschichtete Protokolle (TCP/IP, HTTP, POP/SMTP etc.) zuständig sind.

Zweitens: Möglichst vielen Menschen auf der Welt muss es möglich sein, die Blockchain herunterzuladen und einen Bitcoin-Node zu betreiben. Adam Back und sein Startup Blockstream arbeiten an der Lösung beider Probleme. Man kann Bitcoin zwar auch benützen, ohne einen eigenen Node zu betreiben – zum Beispiel mittels eines Smartphone-Wallets wie „Mycelium“ oder „Breadwallet“ auf einem iPhone oder Android – doch die allersicherste Methode der Benutzung von Kryptowährung ist eben die über einen eigenen Node zuhause. Eine möglichst große Zahl an Nodes auf der ganzen Welt ist außerdem wünschenswert, damit Bitcoin möglichst dezentral und höchsteffizient funktioniert.

Mehr Nodes über Satellit

Das jetzt vorgestellte „Blockstream Satelite“-Netzwerk ist ein Teil der Lösung. Dank ihr können Menschen in Nord- und Südamerika, Europa und Afrika (und bald auch im Rest der Welt) mittels einer handelsüblichen TV-Satelitenschüssel die derzeit 160 Gigabyte große und ständig weiter wachsende Bitcoin-Blockchain ohne jegliche Kosten downloaden und damit einen funktionierenden Node aufsetzen.

Der aktuelle Ausbaustand des Blockstream-Satelite-Netzwerks.

Um von diesem Node aus Geld senden oder empfangen zu können, ist zwar trotzdem noch eine herkömmliche Verbindung zum Internet nötig - weil eine Bitcoin-Transaktion im Durchschnitt aber nur 250 Byte groß ist, kann diese Internetverbindung sehr viel kleiner und günstiger ausfallen, als wenn man die ganze Blockchain über sie herunterladen und betreiben müsste. In manchen Regionen der Welt eine entscheidende Frage.

Als Computer zum Betrieb eines solchen Knotens reicht ein kleiner Laptop, oder sogar ein Raspberry Pi, mit einer handelsüblichen Festplatte. Blockstream Satellite verringert also sowohl die Eintrittshürde für Bitcoin-Nodes, als auch deren Abhängigkeit von Internet-Service-Providern.

Blockstream sendet die Blockchain derzeit mit Hilfe der Open-Source-Technologie GNU Radio von drei Sateliten aus: Galaxy 18 (für Nordamerika), Eutelsat 113 (für Südamerika) und Telstar 11N (für Afrika und Europa).  Will man den kostenlosen Service nutzen, richtet man eine handelsübliche TV-Satelitenschüssel auf einen dieser Sateliten aus und verbindet sie mit einem USB-SDR (software defined radio)-Interface am Computer. Die Blockchain wird dann über den Sateliten heruntergeladen und ständig aktualisiert. Blockstream garantiert eine ständige Verbindung mit mindestens 64kbit/sec. Einen eigenen Bitcoin-Node zu betreiben ist die sicherste Art, Bitcoin zu benutzen, es sorgt außerdem für mehr Dezentralisierung, höhere Redundanz und besser geschützte Privatsphäre. Vor allem aber profitieren von Blockstream Satelite die Menschen in jenen Ländern, in denen Breitband-Internetanschlüsse kaum leistbar oder sehr instabil sind.

Gerade jene Länder mit den instabilsten und teuersten Internetverbindungen der Welt sind häufig auch die Länder mit den instabilsten Währungen. Zwar ist auch die Volatilität von Bitcoin enorm, doch sie nimmt mit der wachsenden Zahl ihrer Benutzer und der steigenden Marktkapitalisierung über die Jahre ab – im Vergleich mit höchst inflationären Währungen wie dem venezolanischen Bolívar und dem argentinischen Peso erscheinen Stabilität und Preisentwicklung von Bitcoin schon heute  geradezu gut.

 Die Volatilität von Bitcoins nimmt mit steigender Nutzerzahl ab.(Quelle)

In den folgenden zehn Jahren werden wir weiterhin exponentielles Wachstum von Kryptowährung bei gleichzeitig zunehmender Dezentralisierung beobachten – das Satelitenprojekt von Blockstream ist Teil davon. Adam Back plant, mehr Satelitenverbindungen zu leasen, um den ganzen Planeten abdecken und ein möglichst redundantes System aufbauen zu können. Besonders nützlich ist das für Menschen, die Bitcoin benutzen wollen, aber in entlegenen Gebieten mit schlechten Internetverbindungen leben. Das Netzwerk wird dadurch noch robuster, und wer weiß – vielleicht entstehen aufgrund von Blockstream Satelite auch ganz neue Anwendungsmöglichkeiten für Bitcoin.

Christoph Burstup Weiss ist Journalist und DJ/Producer der Wiener Band Schönheitsfehler. Er publiziert bei Radio FM4 und auf der Website http://gutesleben.solutions – Homebase für konstruktive Gedanken, gute Musik und schöne Dinge.

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