Beats, Breaks und Bitcoins: Crypto Wars und die Geschichte der Cypherpunks

Die Blockchain-Revolution und ihre Folgen (2/10)

Eine Gruppe rebellischer Verschlüsselungs-Experten und Wissenschaftler focht in den 90er Jahren einen der gesellschaftspolitisch wichtigsten Kämpfe des ausgehenden 20. Jahrhunderts aus: den ersten “Crypto War”. Nur wenn man die Geschichte der Cypherpunks kennt, kann man die Bedeutung von Krypotogeld (z.B. Bitcoin) richtig verstehen. 

Die Anwendung von sicherer Verschlüsselung war für Privatpersonen in den USA bis in die späten neunziger Jahre verboten. Die Computer-Experten, die dagegen protestierten, kommunizierten untereinander über eine Mailingliste, der sie den Namen “Cypherpunks” gaben - eine humorvolle Anspielung auf das Science-Ficton-Genre Cyberpunk und den Begriff Cipher, das englische Wort für einen Verschlüsselungs-Algorithmus.

Cypherpunks
Quelle: Youtube

Einige Monate nach dem Start der Mailingliste erstellte Eric Hughes das Dokument "A Cypherpunk’s Manifesto". Er schrieb: „Privatsphäre ist notwendig für eine offene Gesellschaft im Zeitalter der Elektronik. Privatsphäre ist nicht Heimlichtuerei. Eine private Angelegenheit ist eine Sache, von der man nicht will, dass die ganze Welt sie kennt, aber eine geheim gehaltene Angelegenheit ist eine Sache, von wer man nicht will, dass sie irgendjemand kennt. Privatsphäre ist die Möglichkeit, sich selektiv der Welt zu offenbaren.“

Cypherpunks write code

Dieses Motto war ein Teil des Manifests. Mitglieder der Bewegung programmierten heute allgemein genutzte Verschlüsselungs-Software wie SSL, den Verschlüsselungs-Standard im World Wide Web (für URLs, die mit htpps beginnen), und die populäte E-Mail-Verschlüsselung PGP (Pretty Good Privacy).

Der erste Kryptokrieg

Die Cypherpunks der neunziger Jahre trugen also einen Konflikt mit den US-Behörden aus. Er wird heute als „First Crypto War“ der amerikanischen Zivilgesellschaft bezeichnet. Unter anderem ging es um ein Gesetz, das Verschlüsselungstechnologie als Kategorie-13-Artikel in der sogenannten „Munitions List“ festschrieb. Aufgrund dieser Liste war es Privatpersonen nicht erlaubt, Information mit mehr als 40 Bit starker Kryptographie zu verschlüsseln, wodurch sie aber mittels eines handelsüblichen PCs in wenigen Tagen zu knacken war.

Außerdem wollte die US-Regierung eine Verpflichtung einführen, Hardware-Hintertüren in Telefone und Kommunikationsgeräte aller Art einzubauen - den sogenannten Clipper Chip. Sowohl gegen die Kategorie-13-Einstufung privater Verschlüsselung, als auch gegen die Hardware-Hintertür führten die Cypherpunks eine Reihe von Kampagnen und zivilrechtlichen Klagen – mit Erfolg. Im Jahr 1990 wurde private Kryptographie von der Munitions-Liste gestrichen, und der Zwang zum Clipper Chip wurde in die Realität umgesetzt.

Von Cypherpunk zu Bitcoin
Quelle: Youtube

Die Diskussionen der Cypherpunks über Macht, Staat, Geld und Wirtschaft führten in den neunziger Jahren auch vestärkt dazu, dass die Verschlüsselungsexperten sich mit der Möglichkeit dezentralen digitalen Geldes im Internet beschäftigten. In Folge erfand Adam Back „Hashcash“ und Wei Dai das „B-Money“. Obwohl bahnbrechend, waren beide Erfindungen noch nicht praktikabel, denn sie lösten das Problem möglicher „Double Spends“ nur unvollständig: User hätten eine bereits getätigte Transaktion ein zweites mal durchführen können. Die Erschaffung eines sicheren peer-to-peer-Gelds im Internet schien aufgrund der Eigenschaft des Internet als weltweite Kopiermaschine als eine unmöglich umzusetzende Aufgabe.

Eine Reihe von Wissenschaftern unter den Cypherpunks gab trotzdem nicht auf. Im Jahr 2005 stellte Nick Szabo sein Konzept zu „Bit Gold“ vor. Zwar löste auch er nicht das Double-Spend-Problem, doch Szabo schlug eine Limitierung der digitalen Währungseinheiten - ähnlich der beschränkten Verfügbarkeit physischen Golds - vor – eine Idee, die sich schließlich gemeinsam mit den kryptographischen Konzepten für Hashcash und B-Money im Jahr 2008 zu Bitcoin zusammenfügte.

Das White Paper zur heute weltweit genutzten Kryptowährung war pseudonym von Cypherpunk-Mitglied Satoshi Nakamoto veröffentlicht worden. Er bzw. sie hatte nämlich tatsächlich das in der Informatik als "Problem der byzantischen Generäle" bekannte Dilemma und damit das Double-Spend-Problem gelöst.

Warum Satoshi Nakamoto anonym blieb

Viele Cypherpunks, die nicht wie Satoshi Nakamoto den Weg der Pseudonymität wählten, leiden heute wegen ihrer Arbeit an kryptographischen Problemlösungen unter schwerwiegenden Schikanen von Behörden. So wird Jacob Applebaum, Erfinder des Anonymisierungsnetzwerks TOR, seit 2010 bei Reisen öfters stundenlang am Flughafen festgehalten. Seine Laptops und seine Mobiltelefone wurden bereits mehrmals konfisziert und durchsucht.

Der in den neunziger Jahren gewonnene erste „Crypto War“ rund um das Recht auf private Verschlüsselung und die Verhinderung des Clipper Chips darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns derzeit in einem zweiten Kryptokrieg  befinden. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Überwachungsmaßnahmen weltweit sukzessive verschärft und das Recht auf Privatsphäre mehr und mehr ausgehöhlt. Führende Politiker in der westlichen Welt (Barack Obama, Theresa May, Donald Trump, Angela Merkel, die EU-Kommission u.v.m.) zeigen sich heute als erklärte Gegner privater Verschlüsselung.

Das Recht auf Privatsphäre

Unter Beobachtung verhalten wir uns weniger frei - und das bedeutet, dass wir dann bereits weniger frei sind. Die Cypherpunk-Bewegung ist daher heute wichtiger denn je. Einige ihrer historischen Erfolge sind neben BitTorrent, SSL, PGP, Bitcoin und dem gewonnenen ersten Krytokrieg auch die Etablierung von OpenWhisper (jene Verschlüsselung, die z.B. auch WhatsApp nutzt), oder die Gründung von Wikileaks (durch den ebenfalls seit den neunziger Jahren in der Cypherpunk-Mailingliste aktiven Julian Assange).

Julian Assange
Wikileaks-Gründer Julian Assange (Foto: Espen Moe/Wikipedia)

Cypherpunks befinden sich in einem sozialen und technologischen Wettrennen. Wie schnell können sie Verschlüsselungstechnologien für die Allgemeinheit programmieren, gesellschaftliches Bewusstsein für diese fördern und Veränderungen in der Politik bewirken? Wie schnell können Regierungen und Behörden unsere Kommunikation entschlüsseln, aufgedeckte Überwachungs-Skandale vernebeln und noch mehr Gesetze beschließen, die unsere Privatsphäre zerstören?

Regierungen auf der ganzen Welt planen heute, die Benutzung von Bargeld zunehmend einzuschränken. Wir sollen Zahlungsdienstleister und Bankkonten verwenden - dann sind unsere Einkünfte sowie unser Konsumverhalten - und somit unser ganzes Leben - leichter überwachbar. Kryptowährungen wie Bitcoin teilen eine Eigenschaft mit Bargeld: Beide sind peer-to-peer-Zahlungsmittel. Ein Bitcoin wird direkt von User zu User übertragen. Somit kann uns Kryptowährung in einer Welt, die zunehmend von Überwachungsmaßnahmen geprägt ist, ein Stück Privacy zurückgeben.

Christoph Burstup Weiss ist Journalist und DJ/Producer der Wiener Band Schönheitsfehler. Er publiziert bei Radio FM4 und auf der Website http://gutesleben.solutions - Homebase für konstruktive Gedanken, gute Musik und schöne Dinge.

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