Die Bitcoin-Blase und die S-Kurve: Warum Bitcoin noch lange nicht am Ende ist

Beats, Breaks und Blockchain - Kapitel 7

Neue Dotcom-Bubble! Tulpenzwiebeln! Pyramidenspiel! - Während die Kryptowährungs-Kurse in den vergangenen Wochen fielen, freute sich eine lautstarke „Ich habs dir ja gesagt“-Fraktion darüber, dass sie wieder einmal alles besser gewusst hat. Doch wie schon im Jahr 2014 irrten sich die Skeptiker auch diesmal.

Der Begriff Blase soll auf ein kurz andauerndes Phänomen hindeuten, das sich plötzlich auflöst. Aber ist das beim rasch sinkenden Kurs von Bitcoin, den wir ab Ende Januar erlebt haben, wirklich der Fall? Immerhin existiert das Bitcoin-Netzwerk seit 2009. Neun Jahre, in denen wir mehrere Preis-Rallys, gefolgt von Abstürzen um bis zu 90% gesehen haben.

© Coindesk
Die Entwicklung von Bitcoin seit 2009

Am fundamentalen Wertversprechen von Bitcoin hat sich seit neun Jahren nichts verändert: Es geht dabei nicht um den Preis, sondern um die Tatsache, dass es sich um ein dezentralisieres, unzensierbares Zahlungsnetzwerk handelt - das erste seiner Art in der Geschichte der Menschheit. Niemand kann die Durchführung oder den Empfang einer Bitcoin-Zahlung verhindern. Niemand kann einmal in der Blockchain aufgezeichnete Transaktionen nachträglich verändern. Niemand kann das Bitcoin-Netzwerk abschalten. Auch zwielichtige Geschäftemacher und Gangster, die Bitcoin für die Abwicklung ihrer Pyramidenspiele benutzen, ändern nichts an dessen solidem Fundament. Es ist immer noch Open-Source-Software. Es ist immer noch Peer-to-Peer. 

Bitcoin ist nicht nur sicher, weil sein Programmcode offengelegt und sein Netzwerk keinen Single-Point-of-Failure hat, sondern auch weil es während der letzten neun Jahre zum Supercomputer mit der größten Rechenleistung der Welt geworden ist. Den Anreiz, sich an dessen Absicherung zu beteiligen, bildet die Verrechnungseinheit Bitcoin: Für die Rechenarbeit der eigenen Computer erhält man nämlich ein wenig Bitcoin. Die Einheit BTC ist also keine Aktie und keine Firmenbeteiligung, sondern der Anreiz, mit eigener Hardware für die Sicherheit des Netzwerks zu sorgen. Das ist einer der Gründe, warum Vergleiche von Bitcoin mit der Dotcom-Bubble hinken. Die Dotcom-Bubble von 1999/2000 war ein Börsencrash, in dessen Verlauf die Aktien von Startup-Unternehmen rasch Wert veloren. Bitcoin ist aber kein börsennotiertes Unternehmen,  sondern (wie in Teil 1 dieser Serie ausführlich beschrieben) Netzwerk, Kommunikationsprotokoll und Verrechnungseinheit. 

Vergleicht man die Preisentwicklung von Bitcoin dennoch mit der Dotcom-Bubble, dann muss man auch hier die Protokoll-Ebene betrachten - also das, was in der Dotcom-Bubble eigentlich dem Web-Protokoll HTTP widerfahren ist. Nämlich nichts. Die Technologie des Web blieb von der Dotcom-Bubble gänzlich unberührt. Es waren börsennotierte Unternehmen, die in der Dotcom-Bubble scheiterten. Das Kommunikationsprotokoll HTTP und das Web liefen weiter und tun es auch heute noch. 

Wenn wir dennoch von Unternehmen reden müssen - einige von ihnen legten während der Dotcom-Bubble die Grundsteine ihres späteren Erfolges.

Grafik: Amazon-Aktienkurs von 1994 bis 2014. Man beachte die Krisenjahre ab 1999/2000 (Dotcom-Bubble).

Bedeutende Erfindungen und Innovationen im Web wuchsen gerade in der Zeit der Krise: Die algorithmische Websuche (Google), E-Commerce (Amazon, E-Bay) Social Media, mobiles Internet, mp3, Filesharing, Streaming und vieles mehr, was wir heute so selbstverständlich nutzen.

Mit Gewissheit werden in den nächsten Jahren auch viele Kryptowährungs-Startups scheitern. Vielleicht wird es also tatsächlich einmal eine Serie an scheiternden Unternehmen geben, die der "Dotcom-Bubble" ähnelt. So wie aber das Internet die "Dotcom Bubble" überlebt hat, so wird auch das Bitcoin-Protokoll selbst vom Schicksal einzelner Firmen unberührt bleiben. Die Idee eines dezentralisierten, unzensierbaren Zahlungsnetzwerks ist so gut, dass sie seit neun Jahren Tausende Menschen motiviert, ihre Energie in das Projekt zu stecken. Kaum ein anderes Open-Source-Projekt erhält soviel kreativen und wissenschaftlichen Input wie Bitcoin. Wir sehen das etwa an der enormen Zahl an Github-Commits.

Wir können beobachten, dass das Wachstum des Bitcoin-Netzwerks einem änlichen Muster folgt wie das Wachstum anderer Netzwerk-Technologien (Faxgeräte, Mobiltelefone, das Internet etc.). Der Wert der Verrechnungseinheit BTC korreliert mit dem Wachstum der Zahl der User. Was wir sehen, ist der Beginn eines für Netzwerke typischen S-förmigen Verlaufs:
 

Einige Beispiele für weitere Technologie-„Blasen“, deren Verbreitung exponentiell bzw. S-förmig verlaufen ist:

In den Schlagzeilen der Yellow Press kommt Bitcoin hauptsächlich dann vor, wenn es um den Preis, um gehackte Exchanges und um Fälle von Betrug geht. Das ist schade, weil 2018 gerade hinsichtlich der technischen Weiterentwicklung von Bitcoin das bisher spannendste Jahr ist. Vor wenigen Tagen ging das – jahrelang vorbereitete – Lightning Network online.

Es handelt sich dabei um eine Erweiterung von Bitcoin, dank der Millionen von Mikrotransaktionen pro Sekunde versandt werden können. Es wird sehr bald möglich sein, erbrachte Leistungen – egal ob zwischen Personen oder Geräten – in Millionstelbruchteilen eines Euro und im Sekundentakt zu bezahlen. Lightning wird in den nächsten Jahren Bitcoin zu dem machen, wofür es eigentlich gedacht ist: zu Streaming Money.

Einer der Gründe für den derzeitigen Kursverfall ist das eigentlich bereits veraltete Narrativ, die Bitcoin-Blockchain wäre an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt, da sie nur sieben Transaktionen pro Sekunde bewerkstelligen könne. Dieses Skalierungsproblem wird als großes Hindernis dargestellt, obwohl es in technlogischer Hinsicht bereits gelöst ist. Bis sich Lightning etabliert und die Nachricht darüber auch in den Mainstream gelangt, vergehen vielleicht noch ein oder zwei Jahre – so lange könnte Pessimismus weiter den öffentlichen Diskurs beherrschen.

Diese Pessimismuswelle wird vielleicht erst dann vorbei sein, wenn das nächste Block Reward Halving herannaht - im Jahr 2020. Denn die Menge an Bitcoins, die  „geschürft“ werden können, halbiert sich alle vier Jahre. Die vergangenen Block Reward Halvings haben gezeigt, dass sie Optimismus und neue Preis-Rallys mit sich bringen. Wir werden dann „Blase“ Nummer fünf sehen - oder eigentlich: den fünften Gartner-Hype-Zyklus von Bitcoin. Zuerst einmal müssen wir aber aus dem vierten rauskommen. Ein Hype-Zyklus sieht so aus:

Grafik: Der Hype-Zyklus nach Jackie Fenn (Gartner).

Die Preisentwicklung von Bitcoin ist eine fraktale Serie solcher Hype-Zyklen, die exponentiell größer werden.

Was sollte man also angesichts des aktuellen Preisverfalls tun? Ruhig bleiben, lesen und lernen. Wir haben es bei Kryptowährung und Blockchain-Technologie mit der langfristigen Entwicklung einer neuen Netzwerk-Technologie zu tun, deren Etablierung 20 bis 30 Jahre lang dauert. Kurzfristige Kursschwankungen sind genauso irrelevant wie die neueste Räuberpistole über Pyramidenspiele und Ponzis in den Boulevardblättern. Ich empfehle stattdessen die Lektüre der Bücher „The Internet of Money“ und „Mastering Bitcoin“ von Andreas Antonopoulos sowie die hervorragende Website Bitcoin Resources von James Lopp. Du hältst all das für ein bisschen verrückt? Das war noch gar nichts. Kryptowährung steht erst am Anfang.

Christoph Burstup Weiss ist Journalist und DJ/Producer der Wiener Band Schönheitsfehler. Er publiziert bei Radio FM4 und auf der Website http://gutesleben.solutions – Homebase für konstruktive Gedanken, gute Musik und schöne Dinge.
 

Like TONSPION, um keine wichtigen Musik News, Video-Premieren, exklusiven Streams oder kostenlose MP3 Downloads zu verpassen.

TONSPION UPDATE

Hol dir den wöchentlichen Tonspion Update und gewinne attraktive Preise und erhalte exklusive Downloads:

* erforderlich

Ähnliche News

Wasch den Thron (Cover)

Savas & Sido: Verrückte Massenkollabo veröffentlicht

Beats, Bars & Bitcoins
Anlässlich ihrer „Royal Bunker“-Tour haben Kool Savas und Sido ein exklusives Mixtape aufgenommen, das es nur auf deren Gigs zu kaufen gibt. „Hodln“ ist darauf vermutlich der absurdeste Track: Zusammen mit einigen Szenegrößen huldigen die beiden Deutschrap-Urgesteine dem Bitcoin.
Beats, Breaks & Bitcoin: Kryptowährung mit der Satellitenschüssel

Beats, Breaks & Bitcoin: Kryptowährung mit der Satellitenschüssel

Die Blockchain-Revolution und ihre Folgen (6/10)
Seit ihrer Erfindung im Jahr 2009 hat Bitcoin eine mit dem Wachstum des World Wide Web in den neunziger Jahren vergleichbare Entwicklung vollzogen. Das Wachstum der Bitcoin-Adressen seit Januar 2009 ist beeindruckend. Doch welche Auswirkungen hat das auf den Markt?

Aktuelles Album

Schönheitsfehler - #gutesleben (Artwork)

Schönheitsfehler - #gutesleben

Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Klassischer Sound, aktuelle Themen: Die österreichischen Rap-Pioniere von Schönheitsfehler melden sich mit ihrem neuen Album zurück und liefern eignen ganz eigenen Entwurf einer modernen Gesellschaftskritik.