Bitcoin, Blockchain und das Musikbusiness

Kryptowährung ist verschlüsseltes, programmierbares Geld im Internet. Das wird unsere Welt und auch das Musikbusiness in den nächsten zwei Jahrzehnten so radikal verändern wie das Internet selbst sie in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat.

Bitcoin und andere Kryptowährungen stellen ein so grundlegend neues Paradigma hinsichtlich des Themas Geld dar, dass es schwer fällt, seine Bedeutung richtig einzuschätzen. Es fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, weil die Menschheit etwas Vergleichbares vorher noch nie errichtet hat. Schon der Begriff Bitcoin ist facettenreicher als man vermuten könnte. Wenn jemand “Bitcoin” sagt, können drei verschiedene Dinge gemeint sein:


  1. Bitcoin ist digitales Cash. Es kann wie Bargeld direkt von User zu User weitergegeben werden. Die beiden User müssen also keinem Zahlungsdienstleister und keiner Bank vertrauen.
  2. Bitcoin ist ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Es hat keine Zentrale und keinen Single-Point-of-Failure. Es verfügt über die mit Abstand höchste kryptographische Rechenleistung der Welt. Niemand kann das Bitcoin-Netzwerk abschalten oder zensieren.
  3. Bitcoin ist ein Internetprotokoll. Wir verwenden im Internet heute über 400 verschiedene Protokolle, z.B. HTTP (für das World Wide Web), POP/SMTP (für E-Mail) oder BitTorrent (für Peer-to-Peer-Filesharing). Das Bitcoin-Protokoll löst nicht nur das Problem der direkten Übertragung von Wert im Internet, sondern ermöglicht auch die Erstellung von Software, die Geld versenden und empfangen kann.

Programmierbares Geld wird auch ganze Berufsbilder wie das von Musikern oder Journalisten verändern, wird Verträge in Form von Computerprogrammen (Smart Contracts) ermöglichen und wird den Banken- und Finanzsektor in ähnlicher Weise demokratisieren wie das World Wide Web die Erstellung von Medieninhalten.

Der Wert von Bitcoin verdreifachte sich innerhalb nur eines Jahres (Quelle: Finanzen.net)

Ein Beispiel: Die dezentralisierte Cloud-App
Populäre Cloudspeicher wie Dropbox, Google Drive oder iCloud sind zentral organisiert. Wenn der User oder die Userin Daten darin abspeichert, werden diese auf einen Server (meist in den USA) übertragen. Nennen wir unsere fiktive, neue Applikation “Bitcloud”.

Wie in die Dropbox können User ihre Dateien in die Bitcloud stellen, um von anderen Endgeräten darauf zugreifen zu können. Oberflächlich betrachtet sieht die Applikation aus wie vergleichbare Anwendungen. Tatsächlich ist unser fiktiver Cloudspeicher aber ganz anders organisiert   – er hat keinen zentralen Server. Jeder Mensch, der zu Hause über ausreichend Festplattenspeicher verfügt, kann nämlich einen Teil davon an die Cloud vermieten.

Legt ein anderer User eine Datei in Bitcloud ab, wird sie auf einem oder mehreren von Millionen Computern weltweit abgelegt. Jene User, deren Festplatten für die Speicherung einer Datei verwendet werden, erhalten für diese Leistung einen Kleinstbetrag von beispielsweise 0,000001 Bitcoins pro Kilobyte.

Quelle: Bitcoin.org

Der Zahlungsvorgang erfolgt automatisch, denn unsere Bitcloud-Software besteht aus sogenannten Smart Contracts: Software, die aufgrund von in Programmcode festgelegten Bedingungen Mikrotransaktionen (Millionstel eines Euro) versenden und empfangen kann – weltweit, automatisch, millionenfach pro Sekunde.

Dieses einfache Beispiel zeigt, wie programmierbares Geld und Smart Contracts bisher zentral organisierte Anwendungsszenarien dezentralsieren und für Nutzerinnen und Nutzer von großem Vorteil sein können. Ein solcher Cloudspeicher wäre zum Beispiel besser abgesichert vor Ausfällen eines Servers, da seine dezentralisierte Struktur für höchstmögliche Redundanz und Datensicherheit sorgt. Ansätze für diese Entwicklung sehen wir bereits.

Auf der gerade entstehenden Plattform Ujo können Künstler ihre Musik anbieten mittels Smart Contracts anbieten, die z.B. festlegen, dass eine Zahlung ausgelöst wird, sobald ein Song abgespielt wird, oder eine Zahlung in anderer Höhe, wenn er heruntergeladen wird. Auch Kim Dotcom, umstrittene Figur rund um den vom FBI geschlossenen Filesharing-Dienst Megaupload, startet demnächst eine neue Plattform, bei der die Nutzung von Dateien über die Blockchain organsiert und mit Bitcoins abgegolten wird.

Bitcoin in Uganda - Empowering People


Bitcoin: Beginn einer friedlichen Revolution

Geld ist jetzt ein Internetprotokoll. Die damit einhergehende Dezentralisierung und Programmierbarkeit von Geld hat das Potenzial, den vier Milliarden Unbanked und Underbanked in den Schwellen- und Entwicklungsländern der Welt erstmals elektronische Zahlungsmöglichkeiten in die Hand zu geben. Ansätze davon sehen wir in Kenya, Südafrika, Tanzania und Indien. Geld als Internetprotokoll ermöglicht aber eben auch dezentral organisierte Shops und Services anstatt iTunes und Amazon, streamende Musik gegen streamendes Geld, Filesharing mit Mikrotransaktionen, Smart Contracts für die Lizenzierung von Filmmusik und Soundeffekten – die Möglichkeiten sind erst ansatzweise zu erahnen.

All diese Entwicklungen stehen in ihren Anfangstagen und werden die nächsten 10 bis 20 Jahre bestimmen, bevor sie zum Mainstream werden. Wir werden im Laufe dieser Serie einen Blick auf die Entstehungsgeschichte von Bitcoin in der Cypherpunk-Kultur der neunziger Jahre werfen, Anwendungsszenarien von Bitcoin und anderen Blockchain-Assets betrachten und uns dem breiten Feld der dezentralen autonomen Organisationen widmen.

Crypto Wars und die Geschichte der Cypherpunks

Eine Gruppe rebellischer Verschlüsselungs-Experten und Wissenschaftler focht in den 90er Jahren einen der gesellschaftspolitisch wichtigsten Kämpfe des ausgehenden 20. Jahrhunderts aus: den ersten “Crypto War”. Nur wenn man die Geschichte der Cypherpunks kennt, kann man die Bedeutung von Krypotogeld (z.B. Bitcoin) richtig verstehen. 

Die Anwendung von sicherer Verschlüsselung war für Privatpersonen in den USA bis in die späten neunziger Jahre verboten. Die Computer-Experten, die dagegen protestierten, kommunizierten untereinander über eine Mailingliste, der sie den Namen “Cypherpunks” gaben – eine humorvolle Anspielung auf das Science-Ficton-Genre Cyberpunk und den Begriff Cipher, das englische Wort für einen Verschlüsselungs-Algorithmus.


Einige Monate nach dem Start der Mailingliste erstellte Eric Hughes das Dokument „A Cypherpunk’s Manifesto“. Er schrieb: „Privatsphäre ist notwendig für eine offene Gesellschaft im Zeitalter der Elektronik. Privatsphäre ist nicht Heimlichtuerei. Eine private Angelegenheit ist eine Sache, von der man nicht will, dass die ganze Welt sie kennt, aber eine geheim gehaltene Angelegenheit ist eine Sache, von wer man nicht will, dass sie irgendjemand kennt. Privatsphäre ist die Möglichkeit, sich selektiv der Welt zu offenbaren.“

Cypherpunks write code

Dieses Motto war ein Teil des Manifests. Mitglieder der Bewegung programmierten heute allgemein genutzte Verschlüsselungs-Software wie SSL, den Verschlüsselungs-Standard im World Wide Web (für URLs, die mit htpps beginnen), und die populäte E-Mail-Verschlüsselung PGP (Pretty Good Privacy).

Der erste Kryptokrieg

Die Cypherpunks der neunziger Jahre trugen also einen Konflikt mit den US-Behörden aus. Er wird heute als „First Crypto War“ der amerikanischen Zivilgesellschaft bezeichnet. Unter anderem ging es um ein Gesetz, das Verschlüsselungstechnologie als Kategorie-13-Artikel in der sogenannten „Munitions List“ festschrieb. Aufgrund dieser Liste war es Privatpersonen nicht erlaubt, Information mit mehr als 40 Bit starker Kryptographie zu verschlüsseln, wodurch sie aber mittels eines handelsüblichen PCs in wenigen Tagen zu knacken war.

Außerdem wollte die US-Regierung eine Verpflichtung einführen, Hardware-Hintertüren in Telefone und Kommunikationsgeräte aller Art einzubauen – den sogenannten Clipper Chip. Sowohl gegen die Kategorie-13-Einstufung privater Verschlüsselung, als auch gegen die Hardware-Hintertür führten die Cypherpunks eine Reihe von Kampagnen und zivilrechtlichen Klagen – mit Erfolg. Im Jahr 1990 wurde private Kryptographie von der Munitions-Liste gestrichen, und der Zwang zum Clipper Chip wurde in die Realität umgesetzt.

Die Diskussionen der Cypherpunks über Macht, Staat, Geld und Wirtschaft führten in den neunziger Jahren auch vestärkt dazu, dass die Verschlüsselungsexperten sich mit der Möglichkeit dezentralen digitalen Geldes im Internet beschäftigten. In Folge erfand Adam Back „Hashcash“ und Wei Dai das „B-Money“. Obwohl bahnbrechend, waren beide Erfindungen noch nicht praktikabel, denn sie lösten das Problem möglicher „Double Spends“ nur unvollständig: User hätten eine bereits getätigte Transaktion ein zweites mal durchführen können. Die Erschaffung eines sicheren peer-to-peer-Gelds im Internet schien aufgrund der Eigenschaft des Internet als weltweite Kopiermaschine als eine unmöglich umzusetzende Aufgabe.

Eine Reihe von Wissenschaftern unter den Cypherpunks gab trotzdem nicht auf. Im Jahr 2005 stellte Nick Szabo sein Konzept zu „Bit Gold“ vor. Zwar löste auch er nicht das Double-Spend-Problem, doch Szabo schlug eine Limitierung der digitalen Währungseinheiten – ähnlich der beschränkten Verfügbarkeit physischen Golds – vor – eine Idee, die sich schließlich gemeinsam mit den kryptographischen Konzepten für Hashcash und B-Money im Jahr 2008 zu Bitcoin zusammenfügte.

Das White Paper zur heute weltweit genutzten Kryptowährung war pseudonym von Cypherpunk-Mitglied Satoshi Nakamoto veröffentlicht worden. Er bzw. sie hatte nämlich tatsächlich das in der Informatik als „Problem der byzantischen Generäle“ bekannte Dilemma und damit das Double-Spend-Problem gelöst.

Warum Satoshi Nakamoto anonym blieb

Viele Cypherpunks, die nicht wie Satoshi Nakamoto den Weg der Pseudonymität wählten, leiden heute wegen ihrer Arbeit an kryptographischen Problemlösungen unter schwerwiegenden Schikanen von Behörden. So wird Jacob Applebaum, Erfinder des Anonymisierungsnetzwerks TOR, seit 2010 bei Reisen öfters stundenlang am Flughafen festgehalten. Seine Laptops und seine Mobiltelefone wurden bereits mehrmals konfisziert und durchsucht.

Der in den neunziger Jahren gewonnene erste „Crypto War“ rund um das Recht auf private Verschlüsselung und die Verhinderung des Clipper Chips darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns derzeit in einem zweiten Kryptokrieg  befinden. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Überwachungsmaßnahmen weltweit sukzessive verschärft und das Recht auf Privatsphäre mehr und mehr ausgehöhlt. Führende Politiker in der westlichen Welt (Barack Obama, Theresa May, Donald Trump, Angela Merkel, die EU-Kommission u.v.m.) zeigen sich heute als erklärte Gegner privater Verschlüsselung.

Das Recht auf Privatsphäre

Unter Beobachtung verhalten wir uns weniger frei – und das bedeutet, dass wir dann bereits weniger frei sind. Die Cypherpunk-Bewegung ist daher heute wichtiger denn je. Einige ihrer historischen Erfolge sind neben BitTorrent, SSL, PGP, Bitcoin und dem gewonnenen ersten Krytokrieg auch die Etablierung von OpenWhisper (jene Verschlüsselung, die z.B. auch WhatsApp nutzt), oder die Gründung von Wikileaks (durch den ebenfalls seit den neunziger Jahren in der Cypherpunk-Mailingliste aktiven Julian Assange).

Cypherpunks befinden sich in einem sozialen und technologischen Wettrennen. Wie schnell können sie Verschlüsselungstechnologien für die Allgemeinheit programmieren, gesellschaftliches Bewusstsein für diese fördern und Veränderungen in der Politik bewirken? Wie schnell können Regierungen und Behörden unsere Kommunikation entschlüsseln, aufgedeckte Überwachungs-Skandale vernebeln und noch mehr Gesetze beschließen, die unsere Privatsphäre zerstören?

Regierungen auf der ganzen Welt planen heute, die Benutzung von Bargeld zunehmend einzuschränken. Wir sollen Zahlungsdienstleister und Bankkonten verwenden – dann sind unsere Einkünfte sowie unser Konsumverhalten – und somit unser ganzes Leben – leichter überwachbar. Kryptowährungen wie Bitcoin teilen eine Eigenschaft mit Bargeld: Beide sind peer-to-peer-Zahlungsmittel. Ein Bitcoin wird direkt von User zu User übertragen. Somit kann uns Kryptowährung in einer Welt, die zunehmend von Überwachungsmaßnahmen geprägt ist, ein Stück Privacy zurückgeben.

Wie programmierbares Geld das Musikbusiness revolutionieren wird

Geld war bisher ziemlich doof: Um es zu überweisen, brauchte man immer eine Bank oder einen Zahlungsdienstleister wie Paypal. Das ändert sich jetzt, denn Bitcoin ist programmierbares Geld. Künstler, Journalisten, Konzerne und Internetuser – niemand wird davon in Zukunft unberührt bleiben.

Bitcoin: Programmierbares Geld

Wie bereits im ersten Teil dieser Serie erwähnt, können mit dem Begriff Bitcoin drei verschiedene Dinge gemeint sein: (1) Geld (2) ein Netzwerk und (3) ein Internetprotokoll. Das Geld, das mit Bitcoin gemeint ist, verfügt über Eigenschaften, die kein anderes Zahlungsmittel  bisher aufweisen konnte: Bitcoin ist besser teilbar (in hundert Millionstel Einheiten namens “Satoshis”). Es ist weltweit wie eine E-Mail oder SMS versendbar. Es ist grenzenlos und unzensierbar. Last but not least die vielleicht am meisten unterschätzte Eigenschaft: Bitcoin ist programmierbar.

BitTunes: Die Zukunft der Musik liegt in den Händen der Kreativen

Die Programmierbarkeit von Bitcoin (und anderen Kryptowährungen) ermöglicht zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten. Die einfachste davon heißt “Multisig”. Ein einfaches Beispiel: Herr B. will seinem Sohn zwei Eintrittskarten für ein Konzert seiner Lieblingsband am nächsten Tag schenken. Er bezahlt die Tickets, indem er den Kaufpreis in Bitcoin an ein Multisig-Wallet des Veranstalters schickt. Sowohl die Zahlung, als auch das Ticket werden erst freigegeben, wenn der Sohn und der Veranstalter dam nächsten Tag die Transaktion signieren. Multisig-Transaktionen basieren auf sogenannten Smart Contracts – Software, die Bedingungen für eine Zahlung festlegt.

Wie Musik die Musikplattformen verändern wird

Musik ist im Internet der Gegenwart allgegenwärtig und wird zunehmend als Stream konsumiert. Konzerne wie Google schütten aber sehr wenig von den Milliardengewinnen, die sie mit Werbung auf Youtube und anderen Plattformen verdienen aus. Oft wissen die Betreiber der jeweiligen Plattform gar nicht, wer der Urheber eines Musikstückes ist, weil die entsprechenden Metadaten fehlen oder unvollständig sind.

Große Mengen an unbezahlten Tantiemen verbleiben in Warteposition und werden nicht ausbezahlt.  Auch hier kann die Programmierbarkeit von Geld helfen, sowohl Musiker gerecht zu entlohnen, als auch Musikliebhabern besseren Service zu bieten. Ein Beispiel für viele Musikplattformen, die derzeit auf Basis der Technologie hinter Bitcoin entstehen, ist dotBlockchain, gegründet von Benji Rogers, vormals Gründer und Betreiber der Direct-to-Fan-Musikplattform PledgeMusic.

„Kreative, Rechteinhaber und Influencer, die ihre Rechte digital verwerten können, werden künftig ihre eigenen Schicksale kontrollieren. Wenn wir uns weiterhin auf die bestehende Telegraphen-Kabel-Technologie verlassen, um das Eigentum, die Nutzung, die Zahlungen und die Rechte für uns wahrzunehmen, dann werden wir unsere Kreativen nur den Interessen dieser riesigen Firmen, ihren Aktionären und Geschäftsmodellen unterwerfen, die manchmal grundsätzlich im Widerspruch zu denen der Urheber stehen.“ (Benjo Rogers, dotBlockchain)

Für den Musikliebhaber Benjo Rogers sind Songs im Internet “digitales Gold”, und weil auch Bitcoin oft als solches bezeichnet wird, ist es für ihn naheliegend, beides zu verbinden. “Ich habe mir die Metadaten der Alben, die mir geschickt wurden, angesehen”, sagt er, “und realisierte plötzlich, dass Künstler keine Möglichkeit haben, ihre Rechte in den Soundfiles selbst konkret zu definieren.”

Benji Rogers on Blockchain and its Uses for Artists

Sein wegweisendes Projekt dotBlockchain entwickelt ein Musikformat namens .bc (analog zu .mp3), das neben der Musik auch Lizenzen, Nutzungsbedingungen und sogar ganze Smart Contacts enthalten kann.

Eine weitere Musikplattform, die sich die Eigenschaften von Bitcoin zu eigen machen will,  ist bittunes. Hier liegt der Fokus vor allem auf Microtransactions direkt vom Musikliebhaber zum Künstler. Denkbar ist auch, die Eigenschaften von Kryptogeld auf den zukünftigen Musikplattformen gleich fürs Crwodfunding von Musikern und Alben zu nutzen. Eine Plattform könnte also z.B. eine Mischung aus Spotify, iTunes, und Kickstarter sein, und darüberhinaus auch die Rechteverwaltung dezentralisieren und vereinfachen.


Die Programmierbarkeit von Kryptowährung ermöglicht weiters sogenannte “Colored Coins”: Zahlungen in der Blockchain werden mit physischen Assets verbunden. Eine Firma, die selbstfahrende Autos verleiht, könnte Colored Coins generieren, von denen jede ein bestimmtes Fahrzeug repräsentiert. Das Auto lässt sich nur aktivieren, wenn es eine Nachricht mit dem zu seiner Coin gehörenden Signatur erhalten hat. Eine Smartphone-App ermöglicht es, diesen Kryptocoin und somit das Fahrzeug für einen bestimmten Zeitraum zu erwerben. Andere Anwendungsgebiete von Colored Coins: Lizenzen, Tantiemen und Dividenden.  

Die Programmierbarkeit und die Möglichkeit der Teilung von Kryptowährung in hunderte Millionen kleinere Einheiten ermöglicht auch den automatisierten Transfer von Geld zwischen Maschinen. Das Internet of Things, Googles selbstfahrende Autos, Vending Machines und AirBnB-Apartments der Zukunft werden über Kryptowährungs-Blockchains miteinander verbunden sein.

Die Erforschung der Möglichkeiten von programmierbarem Geld steckt noch in ihren Kinderschuhen. Einige Beispiele für Plattformen, die sich in Entwicklung befinden oder in einem frühen Stadium bereits online sind:

  • Open Bazaar, ein dezentralisierter Marktplatz
  • Coinprism, ein Walletprovider für Colored Coins
  • Orisi, eine Plattform für Smart Contracts  

Bitcoins: Smart Contracts ermöglichen neue Geschäftsmodelle

Jedes wichtige Geschäft beruht auf einem Vertrag. Die Kryptowährung Bitcoin ermöglicht es über so genannte „Smart Contracts“, Geld direkt an die Konditionen zu verknüpfen. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber analogem Geld und deshalb auch für Unternehmen interessant.

Der einfachste Vertrag ist eine Wenn-Dann-Bedingung:  Wenn ich dir eine CD gebe, dann bezahlst du mir zehn Euro. Dank Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum lassen sich solche Bedingungen in Form eines Computerprogramms verfassen, das selbständig Geld senden und empfangen kann. Ein solches Programm ist ein Smart Contract und kann nicht nur eine einzelne Bedingung enthalten, sondern auch sehr komplex sein.

Somit lässt sich z.B. die Lizensierung von Musik, die Verwaltung von Stromlieferungen oder die Handhabung von Daten in einer Cloud regeln – inklusive aller Zahlungsvorgänge. Die Grenze zwischen Software, Vertrag und Buchhaltung verschwimmt.

Wie Smart Contracts funktionieren (Bild: Blockgeeks)


Der althergebrachte Weg, den unsere Daten im Internet nehmen, verläuft so: Ein User schickt Informationen, diese gelangen auf einen Server, dann erhält sie der Empfänger. Die Kontrolle über die gesendeten Daten obliegt daher dem Eigentümer des Servers. Auch wenn es um Geld im Internet ging, brauchten wir bisher einen zentralen Dienstleister und dessen Server, also z.B. PayPal oder Skrill.

In einer dezentalisierten App (dApp) hingegen gehen die Daten an ein Netzwerk unabhängiger Computer, die überall auf der Welt stehen. Jeder Computer übernimmt einen kleinen Teil der Arbeit. Welche Leistungen zu welchen Bedingungen welche Zahlungsvorgänge auslösen steht im Smart Contract, der gleichzeitig die App ist und in einem weltweit verteilten Computernetzwerk – einer Kryptowährungs-Blockchain – vor sich hin rechnet.

Die Möglichkeit, Smart Contracts – also Verträge mit Kryptogeld in Softwareform – zu schreiben, hat erstmals der Cypherpunk und Kryptographie-Experte Nick Szabo beschrieben. Der Pionier programmierte im Jahr 2005 – drei bis vier Jahre vor Bitcoin – mit „Bit Gold“ einen der Vorgänger von Bitcoin (siehe Teil 2 dieser Serie). Wie herkömmliche Software können auch Smart Contracts in verschiedenen Programmiersprachen verfasst werden.

Einfache Smart Contracts können z.B. mit der Scripting-Sprache von Bitcoin geschrieben werden, die recht simpel gestrickt, dafär aber auch maximale Sicherheit ausgelegt ist. Aufwändigere Smart Contracts kann man mit Rootstock schreiben (einer Sidechain von Bitcoin) oder mit Ethereum (einer von Bitcoin unabhängigen, sehr gut programmierbaren Blockchain.)

Ethereum hat sich der 23jährige Kanadier Vitalik Buterin ausgedacht. Der Programmierer war zuvor Mitgründer und Autor von Bitcoin Magazine. Für eine frühe Version der Ethereum-Software erhielt er bereits 2014 den World Technology Award (den er damit Mark Zuckerberg wegschnappte).

Vitalik Buterin erfand mit 19 Jahren eine neue smarte Währung: Ethereum (Foto: ethereum.org)

Eines der Prinzipien einer Blockchain ist, dass alle User, die dem Netzwerk die Leistung ihrer Computer zur Verfügung stellen, laufend den wahrheitsgemäßen Zustand des Netzwerks überprüfen – und dafür bezahlt werden. Bekannt ist das Prinzip seit der Erfindung von Bitcoin im Jahr 2006.

Im Fall von Ethereum werden jene User, die sich mit Computerleistung am Netzwerk beteiligen, mit der Kryptowährung Ether belohnt. Wer nun eigene dApps in der Ethereum-Blockchain laufen lassen will, muss für die in Anspruch genommene Rechenleistung ebenfalls mit Ether bezahlen. So wird einerseits die zur Verfügung gestellte Computerleistung der User vergütet, andererseits auch verhindert, dass Angreifer dass Netzwerk mit Spam missbrauchen.

Sowohl Ethereum, als auch Rootstock verfügen über eine Eigenschaft, die für Smart Contracts sehr wichtig ist:  Turing-Vollständigkeit. Das heißt: Ihre Programmiersprachen sind universell einsetzbar. Deshalb kann man die Netzwerke von Ethereum, Rootstock und Bitcoin auch als weltweite, verteilt rechnende Computer mit Verschlüsselung und integrierter Kryptowährung verstehen. Die Smart Contracts und Apps, die man dort hineinstellt und laufen lässt, kann niemand von außen abschalten, es gibt es ja keinen zentralen Server. Das Internet wird dank Blockchains und Kryptowährungen also zunehmend dezentralisiert.

Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum – So antik sieht Geld in Zukunft definitiv nicht mehr aus

Meetups und Ideen

Seit 2014 inspirieren die Visionen zu den Möglichkeiten von Smart Contracts Menschen auf der ganzen Welt. In Dutzenden großen Städten werden zum Beispiel Ethereum-Meetups organisiert. Alexander Hirner, Gründer von Ethereum Vienna, sieht die Einsatzmöglichkeiten in Anwendungen, bei denen digitale Güter und Informationen von öffentlichem und globalem Interesse gehandelt werden. Die Ethereum-Blockchain eigne sich für all jene Bereiche, die einen weltweit synchronisierten Wissensstand erfordern. Ein Beispiel dafür sei das Patentwesen, sagt Hirner: „Die Menschheit würde stark davon profitieren, wenn jeder zur selben Zeit über die Patente, die eingereicht wurden und zugänglich sind, das selbe weiß.“

Die Spielregeln verändern könnte Ethereum aber auch in jenen Industrien, in denen große Asymmetrie zwischen den handelnden Firmen und Organisationen herrscht. Ein Beispiel dafür, so Hirner, seien die Finanzmärkte, in denen bisher große Intransparenzen vorherrschen und Insiderwissen den Handel dominiere. Blockchain-Technologie, durch die alle handelnden Akteure ständig auf dem gleichen Wissensstand wären, würde mehr Fairness herstellen und hätte einen ökonomischen Nutzen für die Öffentlichkeit.

Für mehr Transparenz könnte Ethereum also etwa im Musikbusiness sorgen. Durch Smart Contracts kann man die Aufteilung von Tantiemen und Lizenzen zwischen Musikern, Komponisten, Textautoren und Verlegern programmieren und automatisiert duchführen. Weil die Kryptowährung Ether (wie auch Bitcoin) sich auch in Millionstelbruchteilen versenden lässt, erhält der Begriff „Mikrotransaktion“ eine völlig neue Bedeutung.  

„Grid Singularity“ heißt ein Projekt, das vor allem Besitzer von Solarzellen auf dem Hausdach interessieren könnte. Die Anlage könnte dank Smart Contracts selbst ihren Betrieb optimieren, Wetterdaten aus dem Internet beziehen, die Menge des konsumierten oder überschüssig produzierten Stroms automatisch abrechnen – und laufend automatisch dafür bezahlen bzw. kassieren. Mittelsmänner und Insider werden entmachtet.

Bitcoin, Rootstock und Ethereum sind nicht die einzigen Blockchains, die für Smart Contracts geeignet sind. Eine ganz neue Variante der Technologie, die eigens fürs Internet der Dinge entwickelt wurde,  hat das deutsche Startup-Unternehmen IOTA im Jahr 2017 gelauncht. Bei IOTA liegt der Fokus darauf, nicht Menschen, sondern Maschinen zu ermöglichen, völlig autonom miteinander zu kommunizieren und Handel zu betreiben.

Die IOTA Foundation hat ihren Sitz in Berlin. Ihre Vision: Smart Contracts für Geräte und Maschinen aller Art. Entgegen eines weit verbreiteten Irrglaubens geht es im Internet of Things aber nicht darum, dass dein Toaster mit der Kafeemaschine spricht, und auch nicht um den Kühlschrank der selbständig neue Milch im Internet bestellen kann. Diese Anwendungsmöglichkeiten gibt es zwar – vielmehr aber geht es um Autos, die mit Parkometern und Garageneinfahrten kommunzieren, um Heizungssensoren und Messgeräte, die im Verbung auf die Umwelt reagieren usw. Dabei werden berechtigterweise oft Sicherheitsbedenken laut.

Schutz vor Manipulation

  • Viele vernetzte Geräte der Gegenwart werden durch veraltete Linux-Software gesteuert, die Hackern bestens bekannt ist. Die gravierenden Sicherheitslücken im Internet der Dinge dringen deshalb mehr und mehr ins Bewusstsein der Menschen. Horrormeldungen von vernetzten Baby-Monitore, die von Angreifern benützt wurden, um Gespräche in der Wohnung zu belauschen, von gehackten Webcams und zu Spam-Schleudern umfunktionierten Netzwerk-Druckern… Millionen von Geräten weltweit sind heute Zombies in Botnetzen von Cyberkriminellen.
  • Blockchains wie Rootstock und Ethereum können helfen, das Internet of Things sicherer machen. Denn mittels eines Smart Contract kann man festlegen, welche Änderungen des Gerätestatus bei welchem Gerät erlaubt sind – auch diese Informationen liegen also in der Blockchain, die durch viele laufend an der Verschlüsselung rechnende Computer der „Miner“ vor unbefugten Änderungen geschützt ist.
  • In einigen Jahren wird es für uns völlig normal sein, dass unsere Gadgets, Fahrzeuge und Maschinen nicht nur online sind, sondern auch dass sie kryptographisch abgesichert und fähig sind, Geld für ihre Leistungen zu empfangen und zu versenden.

Dieser Artikel erschien erstmals als Serie im Jahr 2017 und wurde hier zusammengefasst und aktualisiert.

Christoph Burstup Weiss ist Journalist und DJ/Producer der Wiener Band Schönheitsfehler. Er publiziert bei Radio FM4 und auf der Website http://gutesleben.solutions – Homebase für konstruktive Gedanken, gute Musik und schöne Dinge.


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Tonspion Redaktion

Tonspion berichtet seit 1999 über Musik und Digitales und war damit der erste Musikblog weltweit.