Blog-Einträge: Nick Cave über Songwriting, Geschlechterrollen und den Tod seines Sohnes

Ein großer Künstler gibt ehrliche Antworten

Auf seinem Blog "The Red Hand Files" antwortet Nick Cave regelmäßig auf Fragen seiner Fans. In den zwei aktuellen Posts setzt er sich mit kreativen Blockaden, Identitätsfindung und der Bedeutung seines Verlusts für sein eigenes Wesen auseinander und zeigt damit mal wieder, warum die Person Nick Cave weit über die Musik hinausgeht. 

Sichtlich in seinem Element, dennoch müssen es für Nick Cave nicht immer nur die großen Momente sein. (Foto: Andreas Budtke)

Spätestens seit seiner "Conversations"-Tour wissen wir, dass Nick Cave momentan viel Wert darauf legt, mit seinen Fans ins Gespräch zu kommen und dafür auch gerne mal die Musik für einen Moment hintanstellt. Zugegebenermaßen, diesen Umstand würde man bei den meisten prominenten Künstlern unserer Zeit wohl erstmal mit Vorsicht genießen, wer Nick Cave kennt, weiß aber, dass er mit solch einem Ansatz für besondere Momente sorgt. Aus seiner Redeslust heraus hat der 61-Jährige im September 2018 die Seite "The Red Hand Files" ins Leben gerufen, wo er sich mit Fragen und Anliegen seiner Fans auseinandersetzt. 

Solche Vorhaben scheitern in den meisten Fällen bereits nach wenigen Wochen, doch Nick Cave scheint das Projekt weiterhin ernst zu nehmen und hat mittlerweile 44 Ausgaben seiner "Files" veröffentlicht. Dabei zeigt er sich immer ehrlich und offen, nimmt die Anliegen der Fans sehr ernst und zeigt tatsächlich noch Seiten von sich, die man so vielleicht nicht erwartet hätte. Seine Ehrlichkeit kommt besonders bei zwei Posts zum Tragen, die im Juni 2019 veröffentlicht wurden. 

"Du bist nicht der 'Große Schöpfer' deiner Songs, du bist lediglich ihr Diener."

Die erste Frage kommt von einem aufstrebenden Songwriter, der mit einer kreativen Blockade zu kämpfen hat und deshalb gerne ein paar von Caves unveröffentlichten Lyrics haben würde. Ganz die helfende Hand, liefert er ihm die Lyrics zu einem Song namens "Incinerator Man", nicht ohne anzumerken, dass sie natürlich ein bisschen düster sind, sich ein wenig zu sehr an Frederick Seidel orientieren, unangebrachte Holocaust-Anleihen beinhalten, an sich kaum Struktur haben und besonders im letzten Teil noch viel Arbeit brauchen. Immerhin liefert er die Kurzanleitung zur Umsetzung aber direkt mit. 

"The moon holds itself in the dark with its glow
The monster moves through the garden
And waits beneath the window
I take the monster for a walk and plough on into town
My monster has a chimney sticking out of its back
I try to find a single story I can bring home
That won’t give you a flat-out heart attack

To be honest I’m not allowed back in the house
It’s Bethlehem there with its cribs and moping beasts
I’m either underneath the school desk braced
Or commuting between Auschwitz and outer space
I’m thinking of drinking something truly horrible
I’m a slow moving monster with a giant chimney
Sticking out of my back. Look out!
I’m coming now just like I came before!
I’m all over the place. I’m the same but more.
There never ever was any turning back
I’m coming now! I’m a full on heart attack."

Nick Cave - Incinerator Man

 Den wesentlich wichtigeren Aspekt liefert Nick Cave jedoch in der zweiten Hälfte seiner Antwort, als er über das Songwriting an sich spricht: 

"Das wird dir natürlich nicht mit deiner "Blockade" helfen. Mein Rat an dich ist, deine grundlegende Beziehung zum Songwriting zu ändern. Du bist nicht der 'große Schöpfer' deiner Song, du bist lediglich ihr Diener. Und die Songs werden zu dir kommen, wenn du dich angemessen darauf vorbereitet hast, sie zu empfangen. Sie sind nicht in dir und schaffen es nicht, auszubrechen. Vielmehr sind sie außerhalb von dir und nicht in der Lage hineinzukommen. Meiner Erfahrung nach fühlen sich Songs von einem offenen, spielerischen und motivierten Geist angezogen.

Wirf mein Lied weg - es ist sowieso nicht so gut - setz dich, bereite dich vor und schreibe dein eigenes verdammtes Lied. Du bist ein Songwriter. Du musst die ganze Welt retten und hast sehr wenig Zeit dafür. Das Lied wird seinen Weg zu dir finden. Wenn du es nicht schreibst, wird es jemand anderes schreiben. Ist es das, was du willst? Wenn nicht, fang an!"

- The Red Hand Files #43 / Frei übersetzt

"Der Tod meines Sohnes - etwas, das mich zerstört und letztendlich definiert hat." 

Die zweite Frage kommt von einem nicht-binären Fan namens Mary "Mickey" und setzt sich mit der eigenen Identitätsfindung junger, genderqueerer Menschen auseinander. Mary "Mickey" fühlt sich in ihrer Kleinstadt erwartungsgemäß nicht wohl und sieht Nick Cave, die Androgynie seiner Musikvideos und seine "Drag-Queen Energie" als große Inspiration an - und möchte deshalb exakt so werden, wie er. 

Die Frage lautet daraufhin: "Was würdest du einem*einer Nicht-Mann*Nicht-Frau und seinem*ihrem ungeformten Verlangen nach einem bestimmten Körpergefühl sagen, wenn er*sie ein - zugegebenermaßen unerreichbares - Vorbild dafür hat, wie er*sie sein möchte?"

Nick Cave antwortet darauf sehr detailliert, weshalb es sich auf jeden Fall lohnt, die gesamte Antwort im Original zu lesen, wir haben jedoch die wichtigsten Punkte zusammengefasst: 

"Ich habe fast mein ganzes Leben lang etwas Ähnliches gefühlt, wenn auch auf ganz andere Weise. Und es hat mich ein Leben lang gekostet, herauszufinden, wer ich bin oder was mein persönlicher Wert in der Welt ist. Es scheint auch, dass ich die meiste Zeit meines Lebens eine seltsame Anziehungskraft auf ein unbekanntes, traumatisches Ereignis auf mich gewirkt hat, die nur als schreckliche Sehnsucht bezeichnet werden kann. Ich fand sie schließlich im Tod meines Sohnes - etwas, das mich zerstört und letztendlich definiert hat. [...] Der Tod meines Sohnes hat mich zum Wesen meines Selbsts gebracht."

"Die 'Androgynie und Geschlechterübergreifendkeit', von der du in deinem Brief gesprochen hast, lässt sich ziemlich einfach erklären. Obwohl ich ein Mann bin - und eine Menge Energie aufgewendet habe, um darüber zu schreiben -, habe ich tatsächlich nie eine echte Verbindung zu meiner Männlichkeit gespürt; Es hat sich nie besonders angefühlt und obwohl ich mehr oder weniger heterosexuell war, fühlte ich mich immer fließend iin meiner Navigation zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, auch wenn ich - oder vielleicht gerade weil ich - in der offen maskulinen australischen Kultur aufgewachsen bin."

"Natürlich habe ich keine wirkliche Autorität, um dir zu antworten. Ich kann nur sagen, dass ich hoffe, du findest eine Form der Flucht aus deiner 'beschissenen kleinen Stadt', in dir selbst oder außerhalb der Stadt. Und die ungeformte Sehnsucht, von der du so schön sprichst, zeigt sich rechtzeitig zu ihrer Notwendigkeiten. Wie auch immer, ich bin bei dir."

- The Red Hand Files #44 / Frei übersetzt

Spätestens bei der 'beschissenen kleinen Stadt' dürften sich wohl viele von uns verstanden fühlen. Dass hinter Nick Cave mehr steckt als "nur" die Musik, dürfte für niemanden ein Geheimnis sein. Dass ein Künstler sein Innenleben aber derart offen legt, ist dennoch eine Seltenheit und zeigt mal wieder auf, wieso Nick Cave zu den bewundernswertesten Künstlern unserer Zeit gehört. 

▶ Die zehn besten Alben von Nick Cave 

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