Buchtipp: Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset

Eine Bestandsaufnahme der Berliner Clubkultur

Berlin gilt seit der Wende als Partyhauptstadt. Bei unzähligen jüngeren Besuchern aus aller Welt steht das vielfältige Nachtleben an erster Stelle der Sehenswürdigkeiten. Tobias Rapp hat  ein sehr lesenswertes Buch über das Phänomen der Berliner Clubkultur geschrieben.

Der ehrwürdige Suhrkamp-Verlag zieht nach Berlin und lässt die große Tradition Traditon sein, sondern kümmert sich verstärkt um die Gegenwart. Was könnte da besser passen, als ein Buch mitten aus dem Herzen Berlins: dem inzwischen weltberühmten Nachtleben der Hauptstadt. Für viele ist das völlig unbekanntes Terrain, für andere so etwas wie Heimat.

Tobias Rapp gelingt es, in seinem Buch "Lost and Sound" authentisch die Entstehung und die Situation der wichtigsten Berliner Clubs und der nach wie vor äußerst lebendigen Technoszene zu beschreiben und zwar nicht nur für eingefleischte Insider, sondern auch für Neugierige. Denn das Nachtleben Berlins ist inzwischen zum wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, reisen doch jedes Wochenende dank der Billigflieger tausende von Menschen aus aller Welt nur deshalb an.

Der Autor, der selbst seit Anfang der 90er Teil der Szene ist, berichtet zwar leidenschaftlich, aber immer auch mit der nötigen Distanz über die von außen fast unsichtbare Clubmeile zwischen Alexanderplatz und Oberbaumbrücke, vom Weekend, dem schicken Club mit Dachterrasse, übers Golden Gate einer kleinen heruntergekommenen Barracke im S-Bahn-Bogen Jannowitzbrücke bis hin zum legendären Techno-Tempel Berghain, vor dem jedes Wochenende hunderte von partywütigen Touristen bis in den Morgen Schlange stehen und hoffen, von den wählerischen und legendär unfreundlichen Türstehern nicht abgewiesen zu werden.

Rapp hat mit vielen Clubbetreibern, Partygängern und Stadtplanern gesprochen und vermittelt in seinem Buch fast schon intime und immer wieder überraschende Einblicke in die nach außen hin oftmals oberflächlich scheinende "Feierkultur". Dabei respektiert er die Empfindlichkeiten der Clubs und spielt sich nicht als Plaudertasche auf, der Leuten Dinge erzählt, die sie nichts angehen und den Clubs am Ende nur schaden würden. Schließlich haben Clubs - wie der Name schon sagt - die Eigenschaft, dass man "unter sich" bleiben will.

"Lost and Sound" eine hochaktuelle, unterhaltsame Bestandsaufnahme, die vermutlich bereits in wenigen Monaten eine Vergangenheit beschreibt, die es so nicht mehr gibt. Denn nichts ändert sich so schnell und dramatisch, wie die Berliner Clublandschaft, auch wenn sich viele inzwischen professionalisiert haben. Dadurch, dass viele Clubs seit der Wende provisorisch sind und schließen müssen, sobald irgendein ausländischer Investor Geld für Gebäude oder Grundstück auf den Tisch legt (siehe die o2 Arena, für deren Parkplätze insgesamt drei Clubs weichen mussten), wird das Buch schon bald ein Dokument der Zeitgeschichte sein, das diesen Umstand erfreulich unnostalgisch als gegeben hinnimmt.

Denn eines kann man von der Berliner Clubkultur fürs Leben lernen: nichts ist für die Ewigkeit und wenn ein Laden irgendwo dicht gemacht wird, macht er eben an der nächsten Ecke wieder ganz neu und ganz anders auf. So viel Kreativität und Pragmatismus im Umgang mit der Veränderung würde man sich auch an anderer Stelle häufiger wünschen.

"Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset" von Tobias Rapp ist als Taschenbuch erschienen im Suhrkamp Verlag.

Udo Raaf / Tonspion.de

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