Campino nennt Jan Böhmermann ein Arschloch

Echo-Eklat um Kritik an der Musikindustrie

Der Frontalangriff von Jan Böhmermann auf die "deutsche Industriemusik" hat beim Echo für Gesprächsstoff gesorgt. Ausgerechnet Campino schien schwer getroffen von dessen Vorwürfen.

Campino
Campino mit Die Toten Hosen am 27.3.2017 in Dresden (Quelle: Youtube)

Der ehemalige Punk und Frontmann der Rockband Die Toten Hosen ließ sich auf der Bühne des Echo vor der versammelten Musikindustrie zur humorfreien Aussage hinreißen, dass er "lieber uncool als ein cooles Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringt" sei und diskreditierte Böhmermanns Kritik als "Zeitgeistgeplapper".

"Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch und konservativ, aber im Gegensatz zu diesem Böhmermannschen Zeitgeistgeplapper finde ich durchaus, dass Musik und soziales Engagement zusammen passen und ich möchte hiermit jeden Künstler aufrufen, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen, wenn er sich für irgendwas sozial engagieren will oder sich nützlich machen will. Nur noch ein Satz zu diesem Thema: Lieber uncool sein als ein cooles Arschloch, das nicht in der Lage ist, sich konstruktiv einzubringen." (Campino)

Böhmermann hatte in seiner Sendung Neo Magazin Royale die neuen deutschen Songpoeten wie Max Giesinger und Tim Benzdko für ihre gefühlsduselige, verlogene Musik verhöhnt, die nichts weiter sei, als ein nicht enden wollender TV-Werbespot.

Und um das Thema auf die Spitze zu treiben, drehte er selbst ein Spot zu einem ähnlich gestrickten Song, dessen Textzeilen er von einer Horde Affen zusammen bauen ließ. Sein Ziel: nächstes Jahr sollen ein paar Affen für den Echo nominiert sein. Der Echo wird nach Verkaufszahlen vergeben. Der Song seiner Band Jim Pandzko stieg direkt auf Platz 1 der iTunes-Charts. 

Marius Müller-Westernhagen, der beim Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und im Neo Magazin zu Gast war, stimmte in Böhmermanns Kritik mit ein, doch ausgerechnet Ur-Punk Campino fiel nichts besseres ein, als Böhmermann von der Bühne herab persönlich zu beleidigen, statt mit Argumenten zu kontern oder sich mit der nicht ganz unberechtigten Kritk am Kommerzpop auseinanderzusetzen. Ist das noch Punk oder einfach nur Kindergarten?

Max Giesinger, der im Zentrum des Spotts von Jan Böhmermann stand, zeigte sich hinterher deutlich entspannter und freute sich fast schon, von Böhmermann aufs Korn genommen worden zu sein.

„Ich kann über das Video lachen. Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand mal über mich lustig macht!" (Max Giesinger)

Vielleicht ist Campino aber auch deshalb so angefressen, weil er, der am Montag mit seiner Band in Dresden noch ein Konzert gegen Pegida spielte, sich beim Echo die Bühne mit Frei.Wild, den Böhsen Onkelz und Andreas Gabalier teilen musste, deren Musik besonders gerne von Pegida-Fans gehört wird. Doch statt das und die biedere Umsatzschau der Musikindustrie zu kritisieren, pickte sich Campino den einzigen raus, der an diesem Abend nicht da war und pinkelte ihm ans Bein. Böhmermann reagierte prompt und nutzte den prominenten Kritiker für die Promotion seiner Single, die inzwischen auf Platz 1 der iTunes Charts steht. 

Möglicherweise ist Campino aber auch einfach nur nachtragend, nachdem sich Böhmermann 2014 - ebenfalls nicht ganz unbegründet - über ihn lustig machte.

Inzwischen ruderte Campino zurück und sagte Spiegel Online, dass Böhmermann - trotz namentlicher Nennung - ja gar nicht gemeint gewesen sei. Und überhaupt: 

 "Der Echo ist eben der Echo. Das ist die Jahresveranstaltung der Tonträgerindustrie. Soll ich jetzt anfangen wie ihr und mich über die Moderation lustig machen? Macht ihr doch mal eine originelle Berichterstattung dazu. Das wäre ein Anfang."

Wenn einem die Argumente ausgehen, einfach mal die Medien kritisieren, dass man Teil einer hochnotpeinlichen Veranstaltung ist, die man gerne als Promotionplattform nutzt. Das ist mal echtes Zeitgeistgeplapper wie es die AfD nicht besser hin bekommen hätte. Punk ist nicht nur tot, er riecht inzwischen auch sehr streng.

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