Corona: Berliner Wirte wehren sich gegen Sperrstunde

Viele Kneipen und Restaurants vor dem Aus

Die Angst vor Corona ist zurück und die Politik hat einige drastische Maßnahmen beschlossen, um die Zahl der Neuinfektionen nicht weiter wachsen zu lassen. Doch einige der Beschlüsse scheinen eher von Aktionismus geprägt. Berliner Wirte und Clubs wehren sich nun gegen die Sperrstunde.

Das legendäre Berliner Nachtleben verdankt seiner Popularität vor allem einer historischen Entscheidung: die Alliierten hatten 1949 die Sperrstunde für West-Berlin aufgehoben. Damit durfte bis in die Puppen gefeiert werden und Jugendliche aus der gesamten Republik zogen in die Stadt, um nicht zur Bundeswehr zu müssen und rund um die Uhr feiern zu können. Die Sperrstunde ist also vor allem für Berliner eine Zumutung.

Nun wird nach dem Lockdown im März erneut eine Sperrstunde verhängt. Seit 9.10. müssen die Berliner Kneipen und Restaurants um 23 Uhr schließen und es darf nirgendwo mehr Alkohol verkauft werden. 

Für viele Kneipenbesitzer könnte diese Einschränkung das finanzielle Aus bedeuten. Deshalb haben sich jetzt mehrere Wirte zu Wort gemeldet und auf die Sinnfreiheit dieser Einschränkung hingewiesen. 

Das Argument: in öffentlichen Räumen können die Abstands- und Hygieneregeln überwacht werden, aber nicht in privaten. Dass die Menschen sich plötzlich nicht mehr treffen, nichts mehr trinken und nur noch zuhause auf das Ende der Pandemie warten, darf allerdings bezweifelt werden. Statt also einen geschützten Raum zu bieten, wo Menschen sich zumindest einzeln oder in kleinen Gruppen begegnen können, werden sie nun ins Private gedrängt. 

„Es wurde kein einziger Beweis erbracht, der darlegte, dass sich tatsächlich bei nächtlicher Geselligkeit überproportional mehr Menschen mit Covid-19 anstecken.“ (Gastwirt Roberto Manteufel in der Berliner Siegessäule)

Was bei den beschlossenen Maßnahmen zudem außer Acht gelassen wurde, ist die Tatsache, dass viele Menschen bei rasant steigenden Infektionszahlen sowieso lieber zuhause bleiben und wieder vorsichtiger werden. Einfach aus Selbstschutz.

Dass der Staat hier so stark regulierend eingreifen muss, ist also ebenfalls nicht klar belegt. Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung versteht, dass bestimmte Einschränkungen wie eine Maskenpflicht und Abstand zu halten zwingend notwendig sind. Wir sollten uns nicht von den paar sehr lauten Irren täuschen lassen, die jeden Tag in unzähligen Facebook-Kommentaren von einer vermeintlichen "Diktatur" faseln und damit unser soziales Zusammenleben gefährden.

Die Clubs sind bereits seit März geschlossen, was dazu führte, dass im Sommer zahlreiche illegale Open-Air-Raves mit vielen Besuchern und keinen Regelungen durchgeführt wurden. Ein DJ prahlte auf Instagram zum Beispiel damit, dass er die 150 Euro Bußgeld gerne gezahlt hätte für eine geile Party auf der Hasenheide. Es wurde zwar vielerorts kontrolliert, doch symbolische Strafen für die Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung reichen schlicht nicht aus.

Die Berliner Clubcommssion weist ebenfalls darauf hin, dass sich die Mehrheit der Veranstalter in den letzten Monaten stark dafür engagiert hat - auch unter erheblichen finanziellen Aufwendungen - ihren Gästen ein sicheres Feiern unter Beachtung aller Regeln zu ermöglichen. 

Sie schlägt nun sogar vor, Teil der Lösung zu werden und in den nächsten Tagen Schnelltest-Bereiche vor Clubs einzurichten, bei der die Club-Gäste freiwillig unter Aufsicht von angelerntem medizinischen Personal einen Covid-19 Schnelltest machen können. Mit der Maßnahme könnten mehreren tausend Tests pro Abend durchgeführt werden, um corona-positive Menschen zu identifizieren und anschließend sofort zu isolieren. Damit könnte die Nachtkultur einen signifikanten Beitrag leisten, die Ausbreitung der Infektionen vor allem bei jungen Menschen ohne Symptome weiter einzudämmen sowie Gesundheitsämter, Arztpraxen und Krankenhäuser zu entlasten. 

Das Problem sind also gar nicht die legalen Veranstaltungsorte, angemeldete Open-Airs mit Hygienekonzept und die strikte Überwachung von dessen Einhaltung, auch wenn Gesundheitsminister Spahn grob fahrlässig und populistisch "die Berliner Partys" verteufelt. Das Problem sind private Feiern und die Tatsache, dass vor allem viele junge Menschen nicht verstehen, dass sie der Kern des Problems sind, weil es sie nicht unmittelbar betrifft.

Sie können durch ihr fahrlässiges Verhalten das Virus weiterverbreiten, aber nur wenige erkranken tatsächlich daran. Dadurch fühlen sie sich sicher und sobald Alkohol und Drogen im Spiel sind, werden sowieso alle Regeln über Bord geschmissen. Und ohne eine regulierende Instanz wie einen Veranstalter, der im eigenen Interesse die Einhaltung dieser Regeln dann auch durchsetzt, werden Partys im privaten Rahmen völlig unkontrollierbar.

Aber es ist leider viel zu spät, wenn Corona vom illegalen Rave ins Altersheim der Oma getragen wurde. Alte oder gesundheitlich vorbelastete Menschen haben eine extrem hohe Sterblichkeitsrate und sie sind von unserem Verhalten abhängig. Sie zu schützen, muss also unser oberstes Gebot sein, doch trotzdem muss man fragen, was angemessene und geeignete Maßnahmen dafür sind. Darüber sollte die Politik intensiver und vor allem informierter diskutieren. Genügend Zeit hatte sie schließlich im Sommer einen sinnvollen Maßnahmen-Katalog für die prognostizierte Rückkehr der Pandemie im Winter zu entwerfen.

Eine Rückkehr zum unsäglichen Wettbewerb, welcher Ministerpräsident härter "durchgreift", darf es nicht geben und wäre vielen Wählern auch nicht mehr vermittelbar. Ein Beherbergungsverbot für Paare, die alleine in den bayrischen Bergen wandern wollen ist genauso unsinnig wie das Verbot von einem Bier nach 23 Uhr in der Kneipe mit ein-zwei Freunden. Gerade wer sich über die Gefahren bewusst ist, wird sein Verhalten entsprechend anpassen und wer sein Verhalten partout nicht anpasst, sollte sich auch entsprechend saftige Strafen einhandeln.

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