Corona: Wann gibt es 2021 wieder Konzerte?

Was Wissenschaft und die Branche sagen

Wird es 2021 wieder Konzerte und Festivals geben? Diese Frage stellen sich viele Musikfans. Wir haben nachgefragt bei Wissenschaft und in der Livebranche.

Deutschland bleibt Anfang 2021 im Lockdown. Ein Ende der Pandemie ist noch lange nicht in Sicht. Und Feiern können wir alle erst, wenn die Pandemie vorbei ist. Darauf legte sich Gesundheitsminister Spahn bereits im Frühjahr 2020 fest.

Nun sind endlich die lange erhofften Impfungen verfügbar und immer mehr Menschen der Risikogruppen werden geimpft. Doch damit ist das Problem nicht gelöst, wie Prof. Dr. Drosten in seinem Podcast am 21.1.2021 sagte. Ganz im Gegenteil, denn spätestens im Frühjahr wird seiner Einschätzung nach eine lautstarke Diskussion beginnen, dass man jetzt doch endlich alles wieder öffnen müsse, die Risikogruppen seien schließlich geschützt und die Wirtschaft am Boden.

"Wir haben in dem Moment, wo wir öffnen und wo wir eine schnelle Durchseuchung bekommen, einen enormen und leider auch langfristigen und zähen Krankenstand. Die Leute sind nach einer Infektion gar nicht so krank. Aber die kommen trotzdem die nächsten drei, vier Monate nicht mehr auf die Beine, die sind immer kränklich. Die lassen sich immer wieder auch krankschreiben. Man kann als Arbeitgeber das nur betrachten und kann überlegen, was da auf einen zukommt, wenn man in so eine Situation reinkommt. Es nützt einem auf Arbeitgeberseite auch nichts, wenn alle wieder ins Restaurant gehen dürfen und die Schulen alle komplett offen sind, aber die Belegschaft ist dauernd krankgeschrieben, und das wird kommen. Das ist praktisch sicher. Allein aus dem Grunde sollten sich diejenigen, die aus wirtschaftlichen Blickwinkeln über diese gesamte Thematik nachdenken, einfach klarmachen, dass wahrscheinlich für die Wirtschaft nichts gewonnen ist, sondern der Wirtschaft eher ein Bärendienst erwiesen wird, wenn man allzu schnell in eine Lockerung will."

Es ist also inzwischen klar, dass wir - egal, wie man es dreht und wendet und wie sehr wir auch alle inzwischen darunter leiden - ohne eine Herdenimmunität der Bevölkerung nicht wieder zur alten Normalität zurückkehren werden. Die Abstandsregeln und Maskenpflicht werden vermutlich noch das ganze Jahr beachtet werden müssen.

Ob unter diesen limitierenden Umständen Konzerte und Clubnächte wirtschaftlich sinnvoll durchgeführt werden können ist fraglich. Zwar gab es schon im letzten Sommer einige Open-Air-Events unter strikten Auflagen, diese waren aber größtenteils nur dank Fördergeldern durchführbar, denn schließlich müssen alle Beteiligten Geld verdienen und das geht nur mit dem Ticketverkauf und ausverkauften Events. Auf Konzerte in geschlossenen Räumen wird man wohl noch bis zum Herbst warten müssen, wenn man sich nichts einfangen möchte.

Selbst bekannte Bands kämpfen inzwischen ums Überleben. Der Bassist der Berliner Band Beatsteaks Totze erzählte uns im Tonspion Podcast, dass seine Band hauptsächlich mit Livespielen ihre Brötchen verdient und Corona sie vor eine große Herausforderung stellt.

"Wir müssen dieses Jahr Konzerte spielen, sonst müssten wir uns etwas überlegen. Ich muss tatsächlich anfangen darüber nachzudenken, bei Rewe Regale einzuräumen oder Pakete auszufahren. Was man halt so macht, wenn man keinen Beruf gelernt hat".

Wenn selbst Bands, die normalerweise riesige Arenen füllen, schon in Existenznot sind, kann man sich ausmalen, wie es den kleineren Bands momentan geht. Corona wird uns viele Bands, Clubs und Festivals kosten, die Musikszene wird zweifellos schrumpfen. Dass nun auch noch der Brexit britischen Bands das Touren in der EU erschwert, hilft auch niemandem weiter.

"Die Auswirkung der Coronakrise auf die Livebranche sind desaströs und potenzieren sich, je länger die mittlerweile fast einjährige Durststrecke für die Millionen von Beschäftigten in der Branche und angeschlossenen Wertschöpfungskette anhält. Viele Firmen mussten bereits kapitulieren oder befinden sich am absoluten Limit. Die Auswirkungen auf die Vielfalt der Kultur in Deutschland, Europa und der Welt werden noch lange spürbar sein."

Jonas Rohde (FKP Scorpio)

Jens Rohde vom Festival- und Tourneeveranstalter FKP Scorpio ist nicht besonders optimistisch, dass sich die Livebranche bald wieder erholen könnte und es nach der Pandemie einfach so weitergeht wie vor der Pandemie. Schließlich braucht man für jedes größere Event eine ganze Reihe von Dienstleistern, die es bis dahin vielleicht gar nicht mehr gibt.

Tipp: Wer aktuell nicht arbeiten kann, weil in absehbarer Zeit keine Konzerte stattfinden werden: in vielen Konzerthallen wurden Impfzentren eingerichtet, die neben medizinisch ausgebildetem Fachpersonal auch Mitarbeiter für Empfang, Logistik und Reinigung suchen. Mehr Infos 

Sängerin Mieze von Mia. hat vergangenen Sommer mit ihrer Band über mögliche Konzepte nachgedacht, Konzerte trotz Corona durchzuführen. In unserem Tonspion Podcast sagte sie, dass es in der Übergangszeit sichere Konzerte geben müsse.

"Ich kann mir vorstellen, dass es im Veranstaltungsbereich Mischkonzepte geben wird, das heißt, Leute die geimpft sind und Leute, die negativ getestet sind, vielleicht gibt's für die einen Bereich und wer sich gerne geschützt bewegen möchte, der bekommt auch diese Möglichkeit." 

Auch der US-Konzertveranstalter und Marktführer Ticketmaster denkt darüber nach, den Konzertbesuch abhängig von einem Impfnachweis oder einem negativen Coronatest zu machen. Dazu könnte ein auf dem Handy gespeicherter Gesundheitspass jederzeit Auskunft geben und Besuchern erlauben, sich auf Konzerten frei zu bewegen.

Doch selbst dann bleiben zahlreiche offene Fragen: dürfen Künstler überhaupt reisen? Ist eine Bevorzugung von Geimpften oder Menschen, die sich bewusst infiziert haben und deshalb inzwischen immun sind juristisch überhaupt vertretbar? Und finden sich dann überhaupt noch genug Arbeiter, die Bühnen und Licht aufbauen oder haben die bis dahin alle schon auf andere Jobs umgesattelt? Schließlich kann niemand über ein Jahr lang tatenlos zuhause sitzen und darauf warten, bis er eventuell mal wieder arbeiten darf. KLAN-Sänger Michael Heinrich berichtet bei uns im Podcast, dass er zwischenzeitlich sein abgebrochenes Medizinstudium wieder aufgenommen hat, da er nicht einschätzen kann, wann er wieder live auftreten darf. 

BDKV-Chef Michow befürchtet sogar, dass über 60 Prozent der Unternehmen in der Livebranche nicht überleben werden. 

Der Veranstalter des Hurricane-Festivals Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio arbeitet trotz allem weiter an der Durchführung seiner Festivals und der Sicherheitskonzepte:

 „Wir arbeiten an einem Maßnahmenkatalog, der individuell planbare, pandemiegerechte Festivals in 2021 möglich machen soll. Mit deutlich weniger Zuschauern lassen sich Veranstaltungen nur auf die Beine stellen, wenn sie anteilig über den von Olaf Scholz geplanten Schutzschirm Veranstaltungswirtschaft gefördert würden, der angefallene Kosten ersetzen soll, falls Events in 2021 pandemiebedingt abgesagt werden müssen“.

Wer nach England schaut, ahnt bereits, dass es wohl auch 2021 keine großen Festivals geben wird und dass die Absagen hierzulande wohl nur noch eine Frage der Zeit sind. Das Glastonbury Festival in England war eines der ersten, das 2020 abgesagt wurde und es ist auch in diesem Jahr das erste, das seine Absage bekannt gegeben hat. Offenbar gelten hier andere Regeln als hier bei uns, wo man lieber auf die Absagen durch die zuständigen Behörden wartet, um nicht selbst haften zu müssen.

Menschen, die 2019 bereits ihr Ticket für 2020 gekauft haben, können ihr Ticket nun also erst im Jahr 2022 einlösen. Die großen Festivals in Deutschland werden vermutlich ebenfalls keine andere Wahl haben als zu verschieben, zumal derzeit noch die halbe Welt im kompletten Lockdown ist und noch nicht mal ihr Haus verlassen darf.

Konzertveranstalter und Publizist Berthold Seliger hofft darauf, dass die Kulturpolitik zumindest kleinere Live-Events ermöglicht: Open Air, in Parks, auf städtischen Plätzen könne es eine Wiederbelebung des öffentlichen Raums geben mit kleinen Bühnen und Bands, die diese bespielen, organisiert von Clubs, Konzertstätten und unabhängigen Veranstalter*innen. Dazu bräuchte es allerdings flexible Genehmigungen und finanzielle Förderungen.

"Den Sommer 2021 sehe ich ehrlich gesagt nicht – mit eventuellen Ausnahmen, die diese Regel bestätigen können: Möglich, daß es wieder bestuhlte Konzerte mit deutlich verringerter Capacity geben wird, die sich aber unter normalen Tourneebedingungen einfach nicht rechnen. Dies dürfte jedoch eine Chance für einheimische Acts sein, die ja erstens flexibler und schneller agieren können als zum Beispiel US-Bands, und die zweitens natürlich deutlich geringere Produktionskosten haben. Ein „normales“ Tourneegeschäft, wie wir es vor der CoronÄra kannten, wird es allerdings wohl erst 2022 wieder geben – hoffentlich!"

Welche Spätfolgen die Corona-Auszeit auf die Musikbranche haben wird, weiß derzeit noch niemand. Dass die Pandemie enorme Schäden hinterlassen wird, ist unbestritten. Diese werden nach Meinung von Seliger aber vor allem die kleinen unabhängigen Künstler und Unternehmen zu spüren bekommen.

"Leider ist zu befürchten, daß mehr als ein Viertel der Clubs und Konzertstätten sowie der unabhängigen Veranstalter*innen und Agenturen die Pandemie wirtschaftlich nicht überleben wird. Und es ist wie meistens im Kapitalismus: Es wird die kleineren und unabhängigen Firmen treffen, nicht die Großkonzerne – die nutzen die Krise ja teilweise sogar dazu, Konkurrenten aufzukaufen. Und für die neuen und kleineren Acts wird es noch schwieriger werden als bisher. Zumal die überlebenden Konzertfirmen nach der Pandemie erst einmal Geld verdienen müssen, um ihre wirtschaftliche Existenz abzusichern. Bedeutet: Die Superstars und ihre Helfershelfer werden nicht nur noch größere Stücke vom Kuchen abbekommen, sondern die Torte praktisch allein verspeisen. Für die kleinen Bands und jungen Musiker*innen werden nur noch Krümel übrig bleiben, wenn überhaupt."

Es steht uns also wohl ein ganz ähnlicher Sommer wie der im Jahr 2020 bevor mit ein paar vereinzelten Großevents unter strikten Auflagen und vielen illegalen Parties von Leuten, die sich zwar sicher fühlen, weil sie jung und gesund sind und die am Ende unsere Krankenhäuser füllen und mit den Spätfolgen zu kämpfen haben werden.

Wer Corona nur abhängig von Todeszahlen macht, hat noch nicht begriffen, wie heimtückisch diese Krankheit sein kann und wie viele noch heute unter den Spätfolgen leiden. Lungenfacharzt Gernot Rohde hat aus seiner Praxiserfahrung mit zahlreichen Corona-Patienten eine klare Einschätzung.

"Das Coronavirus ist schon ein besonderes Virus. Jetzt aus klinischer Sicht. Denn diese Vielfalt an Beschwerden und auch der Nachweis an unterschiedlichen Stellen wie zum Beispiel den Lungenkapillaren, wo es wirklich zu starken Veränderungen kommt, das haben wir so bei anderen Virusinfektionen noch nicht gesehen. Das verleitet mich zu der Aussage, dass das Virus scheinbar mit dem Rezeptor, den es als Eintrittsrezeptor benutzt, sich einen ausgesucht hat, der es ihm ermöglicht, auch außerhalb der Lunge oder in anderen Organen zu einer Infektion zu gelangen."

Als Alternative bleiben also Online-Konzerte, die allerdings unserer Einschätzung nach seit dem ersten Lockdown kaum noch wahrgenommen werden. Unser Konzertkalender für Livestreams interessierte im Vergleich zu normalen Konzerten so gut wie niemanden. Und es ist auch ganz nachvollziehbar: ein Online Stream kann einfach kein Live-Erlebnis ersetzen, denn das lebt schließlich von der knisternden Athmosphäre, der Lautstärke und dem Gemeinschaftsgefühl der anwesenden Fans. Und genau darauf werden wir wohl noch lange Zeit verzichten müssen. 

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