Printsterben: Das Intro Magazin wird nach 26 Jahren eingestellt

Das Printsterben hat gerade erst begonnen

Das Intro Magazin wird eingestellt. Das gab Herausgeber Matthias Hörstmann bekannt und die Gründe sind naheliegend.

Music plays forever - R.I.P. Intro Magazin

Nach dem Aus des Neon Magazins gibt also auch die Intro auf. Das ist alles andere als überraschend und es werden weitere Printzeitschriften – speziell im Musikbereich – folgen. Die Umsätze sind seit Jahren rückläufig und die Musikbranche investiert seit Jahren lieber in Facebook oder Spotify statt in kritische journalistische Inhalte.

Und so klingt auch die Abschiedsbotschaft von Herausgeber Matthias Hörstmann versöhnlich, schließlich konnte er sich dank der Intro ein kleines Musikimperium aufbauen mit mehreren Festivals, Booking- und Promoagenturen. 

»Intro ist für mich zu keinem Zeitpunkt ein Job gewesen, sondern das große Privileg, eine Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Und das mit großartigen Menschen, die diese teilen. Wenn man für diese Arbeit auch noch Zustimmung von Lesern, Konzertgängern und der Branche erhält, ist das wirklich eine wundervolle und einzigartige Sache. Umso bewegender ist es für mich jetzt, aufgrund immer aussichtloser werdender wirtschaftlicher Rahmenbedingungen kapitulieren und ›Tschö‹ sagen zu müssen.« (Matthias Hörstmann, Intro-Herausgeber)

Der kritische Musikjournalismus stirbt nicht

Im Jahr 1999 gründete ich Tonspion in der Annahme, dass man Printmagazine in der digitalen Zukunft nicht mehr brauchen würde. So wie man Pferdekutschen nach Erfindung des Motors nicht mehr brauchte. Statt über Musik nur zu lesen, konnte man sie online direkt hören, kaufen und auf mobilen Playern mitnehmen. Es gab damals schon fast keinen Grund mehr, gedruckte Musikmagazine zu lesen. Trotzdem konnten sich die meisten Magazine noch ganze 20 Jahre halten, doch die Budgets wandern seit einigen Jahren immer mehr in Richtung online. Das Printsterben kommt also keinesfalls überraschend, sondern überraschend spät.

Die deutschen Printmagazine hielten lange an ihrem sterbenden Geschäftsmodell fest. Viel zu lange. Man war über die Jahre eng verbandelt mit den Geldgebern aus der Musikindustrie. Für Printanzeigen wird bis heute ein Vielfaches bezahlt wie für Online-Werbung, das Bauchgefühl oder die persönliche Bekanntschaft mit den Herausgebern zählte für viele Labelmacher viel mehr als Klickraten und Impressions. Die Auflagen konnten die hohen Produktionskosten aber schon lange nicht mehr rechtfertigen. 

Irgendwann geht diese Rechnung schlicht nicht mehr auf und auch der letzte Marketing-Posten in der Industrie ist von Leuten aus der Generation Napster oder Spotify besetzt, die mit digitaler Musik aufgewachsen sind und die nicht mehr an das Märchen von Opa glauben, dass Worte auf gedrucktem Papier wichtiger und edler seien als in Online-Magazinen oder Musikblogs, die oft ein zigfaches an Reichweite haben.

Auch die Intro erreichte längst ein Vielfaches seiner Printleser im Netz, konnte die Website aber aufgrund eher halbherziger Bemühungen nie zu einer ernsthaften Alternative ausbauen. Deshalb werden zum 31. Juli 2018 auch sämtliche Online-Aktivitäten eingestellt.

Abgehängt: Online konnten die Printmagazine nie richtig Fuß fassen (Quelle: ContentConsultants SEO Agentur)

Weitere Musikmagazine werden folgen

Auch andere renommierte Musikmagazine kämpfen seit Jahren ums Überleben. Die Auflagen von Genre-Magazinen wie Spex, Groove oder Visions sind auf Rekordtiefs geschrumpft, ihre Verlage gründen neue Publikationen jenseits des wirtschaftlich vergleichsweise unrentablen und schwierigen Themas Musik und werden ihre Musiktitel über kurz oder lang einstellen, sofern diese nicht mehr gewinnbringend betrieben werden können. 

Einzig Rolling Stone, Musikexpress und Metal Hammer scheinen im Springer Verlag derzeit (noch) eine gesichterte Zukunft zu haben. Man munkelt, dass Verlagschef Mathias Döpfner eine Schwäche für Musik habe und deshalb weiter in die Titel investiert, obwohl sie aus geschäftlicher Sicht für Springer vermutlich völlig irrelevant sind. Dass das Verlagshaus aber defizitäre Publikationen lange subventioniert, darf bezweifelt werden, schließlich ist Springer längst auch im Zeitalter des Digitalvertriebs angekommen.

Ob Musikmagazine in Zukunft noch am Kiosk erhältlich sein werden, ist also fraglich. Für alle Printpublikationen ohne starken Online-Auftritt sehe ich schwarz.

Die Musik spielt im Netz – und in den Clubs

Die Musik spielt schon lange im Netz und findet auf zahlreichen Online-Plattformen von Spiegel über Zeit bis Tonspion oder Laut.de statt. Print-Musikmagazine werden heute schlicht und ergreifend nicht mehr gebraucht. Bei uns schreiben dieselben Autoren, die auch für Intro oder Spex tätig waren, die Arbeit ist dieselbe, aber sie ist nicht mehr so stark mit der Musikindustrie verflochten. Was prinzipiell eine gute Entwicklung ist. Tonspion finanziert sich nur zu einem Bruchteil über Werbeschaltungen der Musikindustrie. Den Großteil erwirtschaften wir über Werbung von Marken, die online Musikfans ansprechen möchten. Und die sind als Zielgruppe begehrt wie eh und je, da sie als junge aufgeschlossene Trendsetter gelten.

Um den Musikjournalismus muss man sich also keine Sorgen machen. Was früher in recht experimenteller, teils unlesbarer Form auf Spex oder Intro stattgefunden hat, findet längst in den Feuilletons von FAZ, SZ oder Zeit statt. Kritische Pop-Berichterstattung gehört dort - anders als vor 20 Jahren  - längst zum guten Ton. Wer eine größere Bandbreite und Tiefe sucht, wird heute in den unzähligen Blogs zum Thema Musik in allen Spielarten fündig.

Trotzdem ist es schade, denn die Verdienste des Intro Magazins über die letzten 26 Jahre sind unbestreitbar. Über die Jahre hat es uns zuverlässig inspiriert, unterhalten und genervt mit seinem Buddy-Business, aber letztlich doch dafür gesorgt, dass wir mehr gute Musik hören und Künstler entdecken, die wir ohne die Intro nie entdeckt hätten.  

Aus dem Magazin gingen zahlreiche erfolgreiche Ableger wie das Melt! Festival, die Booking Agentur Melt! Booking, das Fußballmagazin 11 Freunde oder das Lollapalooza Festival Berlin hervor. Frei nach der Fußball-Binse: "es zählt auf dem Platz" hat sich der Verlag in den letzten Jahren konsequent in Richtung Live-Events weiter entwickelt und das sehr erfolgreich. Aber Geschäftsmodelle, die sich nicht mehr rechnen, kann auf Dauer niemand subventionieren, egal wieviel Herzblut vergossen wurde.

Vor allem unsere Lieblingsrubrik "Platten vor Gericht" werden wir vermissen und vielleicht künftig in ähnlicher Form fortsetzen. Aber auch viele Indiebands und Labels, werden das Printsterben zu spüren bekommen, denn ihnen fehlt mit jedem einzelnen Musikmagazin, das eingestampft wird, eine wichtige Plattform, auf der ihre Musik noch relevant ist und wertgeschätzt wird. Auch sie werden sich verstärkt aufs Online Marketing fokussieren müssen, um in der Zukunft noch Gehör zu finden. Denn über bekannte Namen berichten kann jeder, über unbekannte Newcomer berichtet heute fast keiner mehr, weil es sehr mühsam ist, diese zu entdecken und dann über einen längeren Zeitraum aufzubauen.

Wir wünschen allen Intro-Kollegen, die sich nun nach neuen Jobs umschauen müssen, viel Erfolg für die Zukunft. Aus eigener Erfahrung können wir sagen: es gibt nichts schwierigeres als über so etwas abstraktes und vollkommen subjektives wie Musik zu schreiben. Wer das kann, kann alles! 

Bewerbungen von freien Autoren mit guten Ideen nehmen wir übrigens jederzeit gerne entgegen.

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