Das MP3-Format ist jetzt lizenzfrei

Fraunhofer Institut stellt die weitere Vermarktung ein

Das MP3-Format stellte die Musikindustrie Ende der 90er Jahre vor eine große Herausforderung und machte Tonträger überflüssig. Jetzt stellt das Fraunhofer Insitut die kommerzielle Vermarktung seiner revolutionären Technologie ein, denn auch diese ist inzwischen veraltet und die Patente sind abgelaufen. Wir blicken zurück auf ein aufregendes Kapitel Musikgeschichte. 

Ein Team von Forschern um Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg arbeitete ab 1982 an einem Verfahren, Audio-Dateien so klein zu machen, dass man sie auch digital versenden konnte und keine Tonträger mehr brauchte. Ende der 90er feierte die revolutionäre Erfindung aus Deutschland dann ihren weltweiten kommerziellen Durchbruch: Mit der Ausbreitung des Internet war die Technik plötzlich alltagstauglich und ermöglichte ein völlig neues Geschäftsmodell für Musik.

Interview mit Prof. Karlheinz Brandenburg im Jahr 2004 

Auch wir arbeiteten ab 1998 an einer Plattform, über die man direkt und ohne Umwege Musik aus dem Netz herunterladen konnte und nannten sie Tonspion. Während Printmagazine immer nur Text über Musik veröffentlichten, konnten wir im Tonspion dank MP3 die Musik direkt mitliefern und ein völlig neues Medium entwickeln: den Musikblog

Immer mehr Künstler und Labels veröffentlichten in der Folge ihre Musik online und kamen so direkt mit den Fans in Kontakt. Noch heute gibt es bei Tonspion regelmäßig kostenlose Musik Downloads für alle, die ihre Musik gerne auf dem eigenen Rechner speichern möchten.

Tauschbörsen wie Napster umgingen die Produzenten und stellten Musikfans ein Peer-to-Peer-Netzwerk zur Verfügung, in dem Audiodateien im MP3-Format untereinander kostenlos getauscht werden konnten. Sehr zum Leidwesen der Musikindustrie aber auch der Künstler, die durch diese Technologie plötzlich nicht mehr für ihre Arbeit vergütet wurden. Ein Audiofile kann mit einem Klick massenhaft vervielfältigt werden und erfuhr dadurch eine massive Entwertung.

Das alte Geschäft mit der Musik hat sich trotz dieser Revolution bis tief in die 2010er Jahre trotzdem weiterhin über den Verkauf von eigentlich längst überflüssigen Tonträgern finanziert, während eine ganze Generation Teenager massenhaft Musik im MP3 Format tauschten und dem Musikgeschäft als Kunden verloren ging. Die Musikbranche brauchte lange, sehr lange, um sich mit der neuen Technologie anzufreunden und umzudenken. Auch wir bekamen diese grundsätzliche Ablehnung der großen "Plattenfirmen" über viele Jahre zu spüren und konnten deshalb unser Angebot nur mit Mühe über viele Jahre im Netz etablieren.

Erst Apple sorgte mit seinem iTunes Download Store für eine gewisse Entspannung, denn immerhin konnte jetzt mit Downloads auch Geld verdient werden. Doch Apple setzte von Anfang an auf ein neues Format namens AAC. Die Dateien waren noch kleiner und klangen trotzdem genauso gut wie MP3. Inzwischen gibt es zahlreiche neue Audio-Standards, die ermöglichen, dass man am Handy Musik via Spotify oder Apple Music direkt aus dem Netz streamen kann. 

Hifi-Fetischisten konnten sowieso nie etwas mit MP3 anfangen und sammeln ihre Musik weiterhin in Lossless-Formaten oder auf Vinyl-Schallplatte (oder beides). Neil Young möchte mit Pono sogar ein ganz neues Format zum Standard machen, was MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg aber als technischen Unsinn brandmarkte.

Der MP3-Standard ist also inzwischen schlicht überflüssig geworden und so verkündete das Fraunhofer Institut auch keine Lizenzen mehr für MP3 zu verkaufen, auch wenn MP3s bei zahlreichen Endanwendern immer noch sehr populär seien. 

 „Heutige Medien wie Streaming, Fernsehen oder Radio nutzen modernere ISO-MPEG-Verfahren der AAC-Familie oder in Zukunft auch MPEG-H Audio“ (Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen)

Für Musikfreunde gibt es also keinen Grund zur Trauer, weil es schlicht keine Rolle spielt, in welchem Format ein Audiofile komprimiert wird. Die heutigen Formate bieten zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten und Qualitätsstufen. Seine alten MP3-Files wird man auch künftig abspielen können, aber kommerziell gesehen spielt MP3 heute keine Rolle mehr und früher oder später werden wohl auch die alten Dateien gelöscht werden. Weil man sie einfach nicht mehr braucht oder weil die Qualität der Files den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt.

Die Zeiten, in denen man riesige Festplatten mit Musik anlegen und umständlich verwalten musste, sind spätestens seit dem Siegeszug der Streaming-Plattformen endgültig vorbei.

Das Entwicklerteam des MP3-Formats um Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer Institut in Erlangen.

"Wir haben an fünf erfolgreichen Generationen von ISO MPEG-Audiocodierverfahren mitgearbeitet und so einen hervorragenden Ruf in Industrie und Wissenschaft erreicht. Dass wir weltweit die Spitzenposition inne haben, konnten wir auch kürzlich wieder mit dem Gewinn der Ausschreibung für die nächste MPEG-Generation beweisen: Hier konnte sich unser Entwurf gegen sehr starke internationale Konkurrenz durchsetzen. So wird also auch das nächste MPEG-Audiocodierverfahren von uns geprägt." (Bernard Grill, MP3-Entwickler)

Was in den 00er Jahren noch eine Horrorvorstellung war, nämlich seine Musiksammlung nicht mehr selbst zu besitzen, sondern nur noch von einem Streaming-Anbieter zu leihen, ist heute der Überzeugung gewichen, dass es völlig egal ist, wo die Dateien tatsächlich lagern, so lange man für überschaubares Budget jederzeit Zugriff darauf hat.

Und spätestens seit es das Spotify-Premiumabo mit Zugriff auf fast alle Musik der Welt schon ab 2,50 Euro pro Monat gibt, sollte auch dem letzten Kritiker auffallen, dass es auf den einfachen und günstigen Zugang ankommt und nicht auf den Standort eines Audiofiles. Dass man heute für eine geringe monatliche Pauschale sämtliche Musik der Welt direkt auf seinem Smartphone an jedem Ort hören kann, war Ende der 90er Jahre noch reine Zukunftsmusik. 

Ohne MP3 und die genialen Entwickler des Fraunhofer Institituts wäre diese wegweisende Entwicklung nicht möglich gewesen. Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke!

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