Der Sound der Provokation: Das Phänomen Rammstein

"Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en" - Auszug aus dem Buch von Michael Behrendt

Das neue Buch von Michael Behrendt „Provokation!“ versammelt rund 70 höchst umstrittene Pop-Momente der vergangenen 100 Jahre. Von Künstlern wie den Doors, Sex Pistols, Wanda, Marilyn Manson und Conchita Wurst, Bushido oder Kollegah & Farid Bang. Hier das Kapitel über die lange Zeit umstrittenen Rammstein als kostenlose Leseprobe.
 

Schon komisch: Zu DDR-Zeiten spielten einige der Musiker, die nach der Wende Rammstein gründen sollten, in Punk- und staatskritischen Politrockbands. In der Gründungsphase von Rammstein erhielt die Gruppe Fördergelder vom Berliner Senat, zählte sie doch – hallo! – zu den originellsten Bands der Hauptstadt.

Auf Herzeleid und Sehnsucht, den beiden ersten Rammstein-Alben aus den Jahren 1995 und 1997, finden sich spektakulär düstere Themen, das Spektrum reicht vom Psychopathenpsychogramm bis hin zur Flugschaukatastrophe von Rammstein, von einsamen Engeln über Kindesmissbrauch und Mord aus Eifersucht bis hin zu bizarren Sadomaso-Spielchen und Nekrophilie.

Textkostprobe: „Mit meinen Händen grab ich tief / Zu finden, was ich so vermisst / Und als der Mond im schönsten Kleid / Hab deinen kalten Mund geküsst.“

Die Song-Ichs bei Rammstein wirken künstlich, manieriert und strotzen nur so von schwarzromantischem Pathos. Mal sind sie konsequent als Rollen-Sprecher durchgehalten, mal werden mehrere solcher Ichs gegeneinandergeschnitten, und dann wieder gestaltet ein nicht minder pathetischer auktorialer Erzähler das Geschehen.

Rammstein-Songs wurden von Freigeistern wie Nina Hagen gecovert und von großen Regisseuren wie David Lynch in Filmen verwendet, die Band selbst tourte mit US-Crossover- und Punk- Stars wie Korn, Limp Bizkit und den Ramones. Zu guter Letzt wurden Rammstein-Mitglieder – voll Rock ’n’ Roll, ey! – mehrmals wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bei ihren Bühnenshows verhaftet.

Gerade live gibt es eine schrille Rollenverteilung zwischen der knallhart auftretenden Basisbesetzung und dem Keyboarder „Flake“: Er gibt den Hofnarren, den Klassenclown, der für humorvolle Einlagen sorgt. Eigentlich, so möchte man meinen, eine linksorientierte Sponti-, Bürgerschreck- und Anarcho- Band, letztlich anerkannt von der Rockkritik und der modern denkenden Mitte der Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund ist es schon erstaunlich, dass der Band gerade in ihren ersten Jahren eine latent rechtsradikale Haltung unterstellt wurde. Als Indizien galten der brachiale Metal-Crossover-Sound, der dräuende, vor rrrrrollenden Rs nur so strotzende Finstergesang von Frontmann Till Lindemann und die spektakulären Pyro-Effekte bei den Livekonzerten.

Die Verwendung von Szenen aus Leni Riefenstahls Olympia-1936-Film in einem Video der Gruppe – wie die abstoßenden Songthemen und die gezielt übertriebene Präsentation als Provokation und Kommentar zum Bild vom „bösen Deutschen“ gemeint – tat ein Übriges. Ende der 1990er zählten Rammstein zur Speerspitze eines Sounds, dem schnell der Stempel „Neue Deutsche Härte“ aufgedrückt wurde. Und das erschien nicht wenigen Medienvertretern äußerst suspekt.

Prompt warfen sie die unterschiedlichsten Bands in denselben Topf, verpassten ihm das „Nazi“-Etikett und versuchten, das Ganze auch noch als kleine Verschwörung zu inszenieren. In einem „Spiegel“-Artikel vom Oktober 1998 heißt es, der Erfolg von Bands wie Rammstein und den Böhsen Onkelz basiere „fast ausschließlich auf dem koketten Spiel mit rechten Posen und Symbolen“. Weil sie auf den lukrativen Zug aufspringen wollten, „schickten die Chefs der zum Sony-Konzern gehörenden Epic den lange erfolglosen Neue-Deutsche-Welle-Veteranen Joachim Witt (‚Der goldene Reiter‘) mit der Rammstein-ähnlich gebrüllten Nummer ‚Die Flut‘ ins Rennen – und platzierten die Weltuntergangsbeschwörung, auch dank eines stilgerecht finsteren Schwarzweiß- Videos, in den Top-Ten.“

Laut diesem Kommentar sind es tumbe Konzernchefs, die das braune Gedankengut kühl berechnend in den Charts „platzieren“ – so als würden sich Hitparaden einer Gehirnwäsche unterziehen lassen. Und indem man Joachim Witts Dark-Wave-Exkursion Die Flut, in der es gerade nicht um das Feiern einer Nazi-Ideologie, sondern um die Kritik an rassistisch motivierten Überlegenheitsfantasien geht, mit den dröhnenden Metal-Eskapaden von Rammstein gleichsetzt, schreckt man auch vor Ungenauigkeiten nicht zurück: Denn in Die Flut wird alles andere als „Rammstein-ähnlich gebrüllt“, es handelt sich viel eher um einen wehklagenden Sprech- und Schöngesang.

Zumindest die Rammstein-Ästhetik basiert auch nicht „fast ausschließlich auf dem koketten Spiel mit rechten Posen und Symbolen“, sondern arbeitet mit Anspielungen und Zitaten. Hinzu kommen die grotesken Horrorthemen, die so gar nichts mit einer Hakenkreuz-Ideologie gemein haben. All das sind gravierende Unterschiede.

Aber es gibt noch mehr zu sagen. Das Rammstein-Gebrüll, heißt es an einer anderen Stelle des „Spiegel“-Beitrags, lasse „Kritiker nicht zufällig an einen grollenden germanischen Feldherrn denken“ – womit man den nächsten Unsinn formuliert. Denn dieses Gebrüll ist vor allem internationaler Heavy- oder Thrash- Metal-Genregesang, nicht Führer-Zitat. Bei der Gelegenheit muss auch mit der These aufgeräumt werden, das rollende R im Vortrag von Rammstein-Frontmann Till Lindemann sei ein weiterer Beleg für die latente rechte Gesinnung der Band: Man höre nur das rollende R im Vortrag des bezaubernden Max Raabe, Kopf des weltweit gefeierten Palast Orchesters. Und der ist nun alles andere als neonaziverdächtig, auch wenn seine Musik noch viel eher nach der Musik der 1930er und -40er Jahre klingt.

Aber der „Spiegel“- Artikel vertritt ja eine markige These, weshalb er Rammstein auch im selben Atemzug mit weitaus problematischeren Bands wie den Böhsen Onkelz nennen muss. Und so weiter und so fort ... Natürlich ist es gut, wenn Medien Künstler immer wieder auf ihre Botschaften abklopfen und dabei auch auf fragwürdige Haltungen hinweisen. Gerade Ende der 90er Jahre aber schienen einige Kritiker angesichts einer Flut teils verstörender neuer Bands den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen und deutlich übers Ziel hinauszuschießen.

Ich behaupte: Echte rechtsgesinnte Bands haben ein beschränktes Arsenal an ästhetischen Mitteln, kennen höchstens Zynismus, aber keine Ironie, auch keine drastische Überzeichnung, und arbeiten sich vor allem an Feindbildern ab. Ganz wichtig: Es fehlt die lustvolle Inszenierung. Echte Nazibands würden weder mit brennenden Riesenflügeln auf der Bühne stehen noch ihren Keyboarder in einen Kochtopf stecken, und das zu bewusst bescheuerten Zeilen wie „Heute treff ich einen Herrn / Der hat mich zum Fressen gern.“

Sie würden auch nicht in Videos auf Knien an Hundehalsbändern über Straßenkreuzungen kriechen, erst recht nicht Schneewittchen und die sieben Zwerge spielen und Schneewittchen genüsslich auf Koks zeigen. Rammstein steigen tief hinab in die menschlichen Abgründe, auch ins Märchenhafte, Mythische, und bereiten das, was sie dort vorfinden, in einer gnadenlosen Überwältigungsästhetik auf. Ein überbordendes Theater des Hässlichen, wenn man so will.

Damit stehen sie eindeutig in der Tradition von Alice Cooper und Marilyn Manson – und nicht mal mit dem kleinen Zeh im braunen Sumpf. Schon im Jahr 2000 schrieben Daniel Bax und Tobias Rapp bei „Jungleworld“: „Man kann es geschmacklos finden, wenn Joachim Witt oder Rammstein mit schweren Zeichen spielen – dass hier der unbelehrbare Deutsche sein hässliches Haupt hebt, kann man nicht behaupten. Eher ist es die Rückkehr des Verdrängten als Travestie, vielleicht auch ein Reflex der Banalisierung des Bösen durch Hollywood. Ein Schuss ironischer Selbstethnisierung ist auch stets mit im Spiel: Schaut her, wir sind die, vor denen ihr uns immer gewarnt habt.“

Die Autoren klingen zwar nicht gerade wie Rammstein-Fans, ringen sich aber zu einer halbwegs fairen Einschätzung durch – die heute trotz etlicher weiterer Kontroversen um die Band von immer größeren Teilen auch des Feuilletons geteilt wird. Rammstein gelten als einer der wichtigsten deutschen Kulturexporte, werden zu großen internationalen Festivals eingeladen, sind Thema in und von Filmen, darüber hinaus haben sie immer wieder explizit ihre antirechte Gesinnung unterstrichen. Unter der Überschrift „Rammstein – ihre schönsten Skandale und Prozesse“ listet „Welt.de“ eben diese Skandale und Prozesse aus weiß Gott wie vielen Jahren Bandgeschichte auf, inklusive Boykotts und Indizierungen. „Und alles findet längst in Dimensionen statt, in denen jeder ideologische Verdacht ins Leere läuft.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Michael Behrendt
Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en
Musik-Sachbuch, THEISS/WBG
Erschienen am 14. März 2019.

Nicht erst seit dem „ECHO“-Skandal 2018 gilt: Songs sind ein Spiegel der Gesellschaft. Waren einst Hedonismus, Frieden und Gleichberechtigung, Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll die Aufregerthemen, wird heute über Rassismus und Antisemitismus, Sexismus und Homophobie in den Charts diskutiert.
 
„Provokation!“ versammelt rund 70 kontroverse „Hits“ der vergangenen 100 Jahre: vom Protest- song zur Anarchohymne, von Stöhn-Grooves und gesungenen Satiren zum Skandalrap. Von Künstlern wie Boris Vian, Bill Haley, Bob Dylan und den Doors, Sex Pistols, Wanda, Marilyn Manson und Conchita Wurst, Bushido, Kollegah & Farid Bang.

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