Uploadfilter: Die Ärzte-Produzent verteidigt EU-Urheberrechtsreform

Warum Artikel 13 der neuen EU-Richtlinie vielleicht doch nicht ganz verkehrt ist

Das neue EU-Urheberrecht ist nach wie vor heiß umstritten und ist aller Vorausicht nach aber nicht mehr zu stoppen. Der Film-Komponist Micki Meuser, ehemaliger Produzent von Die Ärzte, erläutert, warum er Artikel 13 gut und wichtig findet - für uns alle.

Für die bessere Lesbarkeit auf allen Bildschirmen "uploaden" wir seinen Text von Facebook auf unsere Seite, was laut Micki Meuser für Blogger auch künftig jederzeit ohne irgendwelche Konsequenzen möglich sein wird. 

Wir halten den Inhalt seines Beitrags jedenfalls für so wichtig, dass wir die Pressefreiheit an dieser Stelle über den Urheberrechtschutz stellen. Und damit wäre das Minenfeld "Pro und Contra" Uploadfilter schon eingeleitet.

Produzent Micki Meuser bezieht Stellung gegen Kritiker des neuen EU-Urheberrechts. (Foto: Facebook)

"Vor ca 9 Monaten hatte ich vor einer bevorstehenden massiven Desinformationskampagne durch die digitalen Plattformen gewarnt. Diese Kampagne ist nun im vollem Gange, und wer schon immer mal beobachten wollte, mit welcher Macht Milliarden schwere Wirtschaftsmonopole einer Gesellschaft eine verlogene Debatte aufzwingen und das Gehirn waschen können, kann das zur Zeit live tun. Es geht um, Ihr ahnt es schon, die EU Richtlinie zum Urheberrecht.

Als seit 2016 Beteiligter an der Entstehung der Richtlinie möchte ich hier ein paar Fakten zusammen stellen:

1. Upload Filter gibt es JETZT! Alle relevanten digitalen Plattformen setzen sie ein. Damit wird millionenfach jeden Tag gefiltert, blockiert und abgemahnt. Es gab sie auch schon zu Zeiten der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages, und es gibt sie weiter, ob nun die Richtlinie kommt, oder nicht. Es ändert sich daran gar nichts. Ergo, selbst wenn die Richtlinie durch die im Moment stattfindende Histerie abgelehnt wird, sind Upload Filter da und werden weiter massenhaft angewendet. Alle Behauptungen, sie kämen jetzt erst mit der Richtlinie, sind daher Heuchelei.

2. Upload Filter können weder JETZT noch in naher Zukunft den Unterschied zwischen einem originalen kulturellen Werk und einer Parodie erkennen. Auch das ändert sich nicht durch die Richtlinie. Allerdings, wenn die Richtlinie kommt, wird es einfacher für die Uploader der Parodie darauf hinzuweisen, dass es sich wirklich um eine Parodie handelt.

3. Memes und Blogs sind von den Regelungen in der Richtlinie explizit ausgenommen. Also, Keine Panik Ihr Blogger.

4. Die Verbraucher, die User und die Uploader sind JETZT in einer rechtlich unsicheren Position. Nur als Beispiel: Es gibt bei YouTube 5.000 bis 10.000 Clips mit 4 bis 6-stelligen Klickzahlen, an denen ich die Rechte aus Komposition oder Produktion habe (Ärzte, Ina Deter, Silly, Ideal, Lassie Singers, alle meine Filmmusiken…). Ich könnte JETZT jeden einzelnen Uploader auf entgangene Lizenzen verklagen. YouTube muss mir JETZT die Mailadressen und IP Nummern heraus geben. Das ist durch geklagt. Wenn die Richtlinie kommt, sind Verbraucher auf der rechtssicheren Seite. Dafür übernimmt YouTube die rechtliche Verantwortung und zahlt an mich/uns Kreative eine geringe Lizenz. Nur fair, finde ich. Plattformen haben allein in Europa, allein im Jahr 2017 laut Roland Berger Consulting 25 Mrd € gemacht. Ich auf Plattformen gar nichts!

5. LIZENZIERUNG und nicht Blockade (oder Filterung) ist das wichtige Wort. Nichts Anderes postuliert Artikel 13: Verträge zwischen digitalen Plattformen und Urhebern, die in angemessene Lizenzzahlungen münden! Wo das nicht möglich ist, sind Pauschalzahlungen die zweite Lösung. Erst wenn all dies nicht möglich ist, können Rechteinhaber und Urheber in Zukunft blockieren. Erst dann muss gefiltert werden. Plattformen können also, wenn sie wollen, durch Beteiligung der Kreativen Filter verhindern. So steht es in der Richtlinie. JETZT könnten wir jederzeit blockieren.

6. Wir Kreativen schreiben unsere Musik und Bücher, machen unsere Filme und Fotos nicht um sie dann zu blockieren. Wir wollen damit die Menschen erreichen, gerne auch über digitale Plattformen. Wir sehen nur nicht ein, dass der gesamte Profit, der damit durch Werbung und Datenhandel gemacht wird, bei den Plattformen allein hängen bleibt. Wir wollen einen fairen Anteil. Das ermöglicht in Zukunft die Richtlinie.

7. Für die, die an Ökonomie interessiert sind: Die meisten von uns Kreativen schaffen ihre Werke nicht aus kommerziellen Gründen oder um Geld zu verdienen. Es geht uns um Selbstverwirklichung. Es tut aber weh, wenn man ein oder mehrere erfolgreiche (also begehrte) Werke geschaffen hat, und der Profit aus der großen Nachfrage geht an jemand Anderen. Die Wertschöpfung aus kulturellen Werken findet heute in großen Teilen auf den digitalen Plattformen statt. Die früheren Tonträgerfirmen haben uns wenigsten noch einigermassen angemessen beteiligt. Die Plattformen, und übrigens große Teile der Digitalwirtschaft, machen Kohle mit unseren Werken und geben uns nichts. Dies wird die Richtlinie ändern. Dies will die digitale Wirtschaft aber nicht, und deshalb fährt sie diese Desinformationskampagne mit Schlagworten, die der Komplexität der Debatte nicht gerecht werden, den Menschen aber Unheil suggerieren sollen.

Bitte glaubt nicht das Geschwätz von Zensur und Upload Filtern. Das ist Unsinn. Unsinn, der von den Plattformen massiv gestreut wird und Euch verunsichern soll. Die Freiheit im Internet ist auf keinen Fall gefährdet, wenn wir Kreativen einen geringen Anteil der immensen Profite der digitalen Plattformen bekommen. Das bedeutet auch nicht, dass Ihr in Zukunft zahlen müsst. Im Gegenteil, ihr könnt dann in Ruhe hoch laden und konsumieren, in Zukunft rechtssicher! Die Verantwortung wird von Euch, den Verbrauchern / Usern / Uploadern auf die Plattformen geschoben.

Quelle: Facebook (Mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Die Ärzte - Abschied und Rückkehr

Die Ärzte

Die Ärzte aus Berlin sind ein Phänomen. Seit 1982 Jahren haben sie sich von einer kleinen Berliner Szene-Band zu einer gesamtdeutschen Institution hochgearbeitet. Es gibt wohl kaum einen, der nicht schon mal etwas von BelaFarinRod gehört hat und nicht mindestens einen ihrer Songs kennt.

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