Die CD: Liebesbrief an ein verkanntes Medium

Warum die Compact Disc nicht ganz verschwinden wird

Die Compact Disk (kurz: CD) verliert jedes Jahr dramatisch Marktanteile. Wir weinen dem sterbenden Medium eine kleine Träne nach.

Die CD: Liebesbrief an ein verkanntes Medium

2020 steht die Musikindustrie auf einem Scheideweg. Streaming-Dienste verzeichnen von Jahr zu Jahr höhere Nutzerzahlen, physische Tonträger verlieren zunehmend an Bedeutung, Musikdownloads sind allenfalls zur Randnotiz verkommen. Die Konsumenten bilden mittlerweile regelrechte Lager: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Praktikabilität und Zugänglichkeit von Streaming loben, ihnen gegenüber sind die Vinyl-Puristen, für die das Auflegen einer Platte angesichts der digitalen Gegenkultur umso mehr einem geradezu religiösen Vorgang gleicht. Zwischen den Fronten wird aber ein Akteur vergessen, der zu Unrecht viel zu wenig Lobpreisung bekommt: die CD.

CD Compact Disc Logo
Dieses Logo begleitete eine ganze Generation von Musikfans 

Die CD – ein historischer Abriss

Dass die CD in Debatten um die Hoheit des Musikmediums kaum Erwähnung findet, mag anhand ihrer Umsatzzahlen durchaus überraschen. Immerhin hatten CDs nach dem Jahresbericht des Bundesverbands der Musikindustrie 2018 noch einen Umsatzanteil von 84,6 Prozent am Verkauf aller physischen Tonträger in Deutschland und übertrifft damit die Vinyl bei Weitem, die hier gerade mal auf einen Wert von 10,2 Prozent kommt. Die CD blickt außerdem auf einige Jahrzehnte der totalen Marktdominanz zurück, die noch gar nicht so lange her sind, wie man manchmal glauben mag.

Die CD wurde  1981 von den Industrie-Riesen Philips und Sony auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin vorgestellt und sollte den damals standardmäßigen Schallplatten-Standard ablösen. Obwohl das Medium etwa in den 1990er-Jahren in Form von CD-ROMs noch für andere Zwecke eingesetzt wurde, war die Compact Disc in ihrer Ursprungsidee eigentlich für rein musikalische Zwecke gedacht.

Dass die kleinen silbernen Scheiben genau 74 Minuten Audio fassen können, ist der Legende nach kein Zufall: Das neue Medium sollte so viel Musik enthalten können, dass man Beethovens Neunte Sinfonie ohne Unterbrechung darauf vollständig unterbringen könnte. Die zum Entstehungszeitpunkt der CD längste Einspielung des Werks stammte von Wilhelm Furtwängler und dauerte exakt 74 Minuten – ein Standard war geboren.

Die CD als Tor zu neuen Möglichkeiten

Ob diese Geschichte wirklich die exakte Wahrheit abbildet oder ob sie vielmehr ein von PR-Abteilungen gestreutes Gerücht ist, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehen. Dass die CD aber durch sie als Medium von Musikliebhabern für Musikliebhaber heroisiert wird, ist gar nicht so abwegig.

Neben dem verlustfreien von Audiodateien ("CD Qualität") liegt in ihrer Spielzeit schließlich der vielleicht entscheidendste Vorteil, den die silberne Scheibe nach wie vor allen anderen physischen Medien voraus hat. Eine Schallplatte muss nach 20 bis 25 Minuten umgedreht werden. Kassetten kommen in ihrem größten Format auf immerhin 60 Minuten pro Seite, sind aber klangtechnisch keine Konkurrenz zu den anderen beiden Formaten.

So ermöglicht das CD-Format eine ganz andere Dimension konzeptueller Alben, die mit Schallplatten einfach undenkbar waren. Dass Platten anhand der physischen Vorgaben bis in die 70er hinein anhand von A- und B-Seiten konzipiert wurden, mag in manchem Liebhaber noch romantische Nostalgie-Gefühle erzeugen, letztendlich ist dieser Entwurf aber nur ein Kompromiss im Angesicht technischer Limitationen. Wer würde schon gerne zwischendurch das Buch aus der Hand legen, in dessen Welt er gerade so tief versinkt? Die CD bot das Potential für viel weitläufigere musikalische Erfahrungen.

CD Second Hand
Plattenläden gehören dank Streaming der Vergangenheit an (Foto: Unsplash)

Man darf sich durchaus fragen, wie manch großer Moment der Pop-Geschichte wohl geklungen hätte, wenn er im Schallplatten-Zeitalter geschehen wäre. Radioheads 53-minütigen Meilenstein „OK Computer“ irgendwie in zwei Mal 25 Minuten pressen? Schwer vorstellbar. Aus der verstörend-sublimen Erfahrung von Nine Inch Nails‘ „The Downward Spiral“ zwischendurch aufwachen müssen? Unschön. Die schrittweise Entstehung des vollständigen Gedichts aus Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“ erst nach mehreren Schallplatten-Wechseln erleben können? Das geht besser.

Ist die CD ein optischer Kompromiss?

Bereit wenige Jahre nach ihrer Markteinführung übertrafen die Verkaufszahlen der CD diejenigen des zu diesem Zeitpunkt ausgehenden Vinyl-Standards. Und doch hatte das neue Medium der digitalen Evolution schon damals nicht nur Freunde. Ein beliebter Kritikpunkt: die Cover. Album-Artworks sind durch den physischen Tonträger zu einem festen Bestandteil der Plattenkultur geworden. Besonders ikonische Motive wurden zu ihrer eigenen Popkultur. Die Cover von Joy Divisions „Unknown Pleasures“ oder Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ haben mittlerweile gefühlt mehr T-Shirts als Alben verkauft.

Diese liebgewonnene Kunstform sollte nun ihr neues Zuhause auf den kleinen Covern der CDs finden? Die Vinyl-Artworks sind aufgrund ihres großen Formats optisch bis heute zweifellos unübertroffen. Die Kunstwerke auf den Vinyl-Kartons können üblicherweise erst in voller Größe ihre komplette optische Kraft entfalten. Bisweilen gewinnt man das Gefühl, diese Komponente habe in der Wertschätzung von Schallplatten heutzutage etwas zu sehr die Überhand gewonnen. Immerhin gibt es genug Beispiele von Plattensammlern, die zwar endlos viele Vinyls in ihren Regalen stehen haben, aber nicht einmal einen Schallplattenspieler besitzen.

Natürlich ist die CD in diesem Zusammenhang ein Kompromiss – aber einer, bei dem man sich wie so oft fragen muss, wo die eigenen Prioritäten liegen. Begeistert man sich an der opulenten Aufmachung der Schallplatten oder erfreut man sich an den umfangreichen Spieldauern der CDs, der viel einfacheren Transportfähigkeit oder der angenehmen Pflegeleichtigkeit? Die CD gewinnt gegenüber der Schallplatte einige Komfortpunkte – da kann ein kleineres Cover durchaus ein vertretbares Zugeständnis sein.

CD DJ
Viele DJs schätzen die CDs wegen ihres Klangs und ihres überschaubaren Gewichts (Foto: Unsplash)

CD vs. Streaming – der Bequemlichkeits-Todesstoß?

Argumentiert man aber mit Praktikabilität, so kommt man neben der Vinyl nicht an den nicht-physisches Tonträgern vorbei. Als Napster Anfang der 2000er Musik als Filesharing-Ware im Netz verteilte, war das schließlich das erste Anzeichen für das Ende der CD-Ära.

Apple machte das Modell des Musikdownloads mit Eröffnung des iTunes-Stores 2003 auch als legale Variante populär. Um Musik zu kaufen, musste man nun nicht mal mehr in einen Plattenladen gehen. Jeder beliebige Song konnte problemlos einzeln aus einem Album gezogen werden, ohne dass man dafür eine ungeliebte Restplatte mitnehmen musste. Als Streaming-Dienste wie Spotify in den 2010er-Jahren ihre Nutzerzahlen in immer gewaltigere Dimensionen schießen konnten, war das der endgültige Aufbruch in eine Ära, in der Musikhören so bequem und günstig wie noch nie geworden war.

CD Marktentwicklung
Musikmarktprognose: Keine guten Aussichten für Tonträger wie die CD (Quelle Bundesverband Musikindustrie/GfK)

Eigentlich könnte die Evolution von CD zum non-physischen Musikzeitalter auch zu künstlerisch noch komplexeren Werken führen. Immerhin gibt es nun quasi keine technischen Limitationen mehr, nach denen man sich richten muss. Songs und Platten können theoretisch eine unendliche Länge entfalten, Konzeptalben epischen Ausmaßes wären kein Ding der Unmöglichkeit mehr.

Paradoxerweise hat der Weggang von der CD aber zum kompletten Gegenteil geführt: Durch den Playlist-Fokus von Spotify verliert das Format des Albums an Bedeutung. Der einzelne Song verdrängt das Gesamtkunstwerk und musikalische Konzeptionen sind heute eher kurz und bündig als ausufernd. Bands wie die US-amerikanischen Experimental-Rocker Swans, die bis heute jedes Album so umfangreich gestalten, dass sie auf zwei CDs gepresst werden müssen, bleiben die Ausnahme.

In dieser Hinsicht ist die Frage bei neuer Musik manchmal gar nicht, auf welchen Plattformen sie überall erscheint, sondern vielmehr, für welches Medium sie primär konzipiert wurde. Wer explizit für die CD schreibt, der hat den Anspruch, eine musikalische Geschichte zu erzählen, die über den kleinsten Moment hinausgeht.

Die CD ist das Medium für die größten musikalischen Spannungsbögen und greift gleichzeitig das haptische Element von Schallplatten auf, durch das die Erfahrung von Musik mehr wird als nur ein bloßes Klangerlebnis. Dass CDs wahrscheinlich aufgrund ihrer langjährigen Marktdominanz noch das Dogma eines Mediums für den Mainstream-Hörer haben, wird ihrem eigentlichen Zauber kaum gerecht. Die CD kann ein Medium für Liebhaber und Genießer sein – man muss es nur wollen.

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