Die wichtigsten Lesestücke zu Kollegah, Farid Bang & dem Echo

Ein Überblick über die Medienlandschaft

Der Echo wurde dieses Jahr ganz klar von einem Thema bestimmt: Dürfen Zeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen" mit einem Preis gewürdigt werden? Eine differenzierte Betrachtungsweise ist denkbar wichtig. Aus diesem Anlass haben wir mehrere Lesestücke mit verschiedenen Standpunkten rund um den Vorfall zusammengestellt.

Oliver Marquart: "Kollegah & Farid, Campino und viel Heuchelei" (rap.de)

Der Chefredakteur des HipHop-Magazins rap.de sieht in der diesjährigen Echo-Verleihung ein neues Level der Peinlichkeit erreicht. Schützend stellt sich Oliver Marquart vor Kollegah & Farid Bang: Er bezweifelt, dass es in der gesamten Debatte überhaupt um Antisemitismus oder vereinzelte, problematische Rapzeilen geht. Stattdessen vermutet er, dass der muslimische Glaube der Rapper missbraucht wurde, um Judenfeindlichkeit auf die beiden zu projizieren.

"Nicht, dass ihre Texte nicht hier und da tatsächlich sehr problematische Stellen hätten, etwa die heftigen Lines, in denen Klischees über vergewaltigende Flüchtlinge verbraten werden. Aber: An den Antisemitismus-Pranger wurden sie nur aus einem Grund gestellt: Weil sie muslimischen Glaubens sind."

Lars Weisbrod: "Jung brutal, Antisemit?" (ZEIT)

Noch vor der Echo-Verleihung warnte Lars Weisbrod In einem Essay des ZEIT-Feuilletons davor, vermeintlich antisemitische Zeilen auf "importierten Antisemitismus" zurückzuführen und so die Debatte zu missbrauchen. Er spricht sich für einen differenzierten Blick auf die Gangsta Rap-Szene aus und hält einen Ausschluss nach geduldeten Nominierungen für Frei.Wild für problematisch.

"Denn wenn ein sprachgewitzter, hochbegabter Akademiker aus Rheinland-Pfalz sich Antisemitismus nur dort vorstellen kann (oder will), wo man Juden schon vergast, ist das ein deutsches Problem, kein importiertes."

Dennis Sand: "Die Kollegah-Debatte muss endlich fair geführt werden!" (WELT)

Dennis Sand, WELT-Redakteur und Co-Autor der Biographie von Rapper Sun Diego, hält die viel zitierte Rapzeile für problematisch, aber nicht für antisemitisch. Viel wichtiger ist ihm aber die Art der Debattenführung, die seiner Meinung nach komplett aus dem Ruder läuft. Die szenefremde Presse gebe sich gar nicht die Mühe, Battlerap als Kunstform zu begreifen, schreibt Sand und appelliert an eine Unterscheidung zwischen Kunstfigur und realer Person.

"Wenn sie es nicht schaffen, die größte und vitalste Jugendkultur Deutschlands zu begreifen und sie zumindest in ihren Grundzügen ernst zu nehmen, verlieren sie viele Jugendliche endgültig als ihre künftigen Leser, weil die merken, dass eine Medienberichterstattung in diesen Fällen eben wirklich falsch und unfair ist."

Fler: "Campino ergötzt sich daran, ein Moralapostel zu sein" (NEON)

Campino äußerte während des Echos live auf der Bühne seinen Unmut gegenüber einer Auszeichnung für "JBG 3" und sprach davon, man müsse zu einem anderen Bewusstsein finden, was "als Provokation noch erträglich ist und was nicht". Fler reagiert kurz darauf in einem Interview mit NEON auf diese Ansage - er vermutet in Campinos Rede vor allem Eigennutz.

"Das ist gar nicht das Problem, dass er Kritik an einer Sache übt. Das Problem, was ich damit habe, ist, dass er immer nur dann Kritik an Dingen ausübt, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit auch gut dastehen lassen."

Benedict Neff: "Das Signal, das von der Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang ausgeht, ist verheerend" (NZZ)

Die Spielregeln des Battleraps dürfen keine allgemeingültige Entschuldigung für Zeilen wie diese sein, so sieht es Benedict Neff in der Neuen Zürcher Zeitung. Zeichnet man Künstler mit derartigen Inhalten auch noch mit einem Musikpreis aus, sende dies "verheerende Signale", gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus so präsent zu sein scheint wie lange nicht mehr. So müsse man sich nicht wundern, wenn "Jude" in deutschen Klassenzimmern ein Schimpfwort bliebe.

Insgesamt handelt es sich bei der Preisverleihung aber doch um eine würdelose Veranstaltung, die zu verlassen die einzig angemessene Reaktion für die versammelte Abendgesellschaft gewesen wäre. Denn das Signal, das von diesem Abend ausgeht, ist für Deutschland so peinlich wie gefährlich. Die Echo-Verleihung fördert die Verharmlosung des Holocaust. Lehrer versuchen gerade vor allem ihren arabischstämmigen Schülern den Antisemitismus auszutreiben. Deren Vorbilder aber gewinnen damit Preise.

Georg Diez: "Unterhaltungsindustrie lebt Judenfeindlichkeit vor" (Spiegel Online)

Georg Diez spannt den großen Bogen vom Echo zur Wahl von Viktor Orban in Ungarn, der mit einem offen antisemitischem Wahlkampf die Mehrheit erobert hat, was von Teilen der CSU begrüßt wurde, was ans Jahr 1933 erinnere. Er wirft der Deutschen Phono-Akademie vor, sich nicht klar von Antisemitismus distanziert zu haben und damit eine Mitschuld zu tragen, wenn jüdische Kinder antisemitisch beledigt werden auf deutschen Schulhöfen.

Wie kann es also sein, dass ein Rapper mit einem scheinbar wichtigen Musikpreis ausgezeichnet wird, der in einem seiner Songs davon berichtet, sein Körper sei "definierter als von Auschwitz-Insassen"? Sinnvollerweise fand die Preisverleihung auch noch am 12. April statt, dem Tag des "Marsch der Lebenden", mit dem Juden in der ganzen Welt an den Holocaust erinnern.

Tim Renner: "Farid sollte wissen, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war" (Cosmo)

Auch der ehemalige Universal-Musichef und Berliner Kultursenator Tim Renner kritisiert die Preisverleihung an die beiden Rapper massiv und stellt den Sinn der ganzen Veranstaltung in Frage: 

Kein relevanter Musikpreis der Welt, weder der Grammy noch die Brit Awards ist an Umsatzzahlen oder Stückzahlen gekoppelt. Das ist auch komplett sinnfrei...

Der Bundesverband der Musikindustrie, der den Echo ausrichtet, hat inzwischen eine Änderung des Konzepts angekündigt.

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