Die Zombies aus den Albumcharts

Wie musikferne CD-Käufer die Albumcharts beeinflussen

Die deutschen Charts waren früher einmal ein Gradmesser, was im Land gehört wird. Heute beherrschen obskure Schlageropas die Albumcharts, weil die Bemessungsgrundlage in eine Schieflage geraten ist - und das Album immer mehr an Bedeutung verliert.

Wenn man die aktuellen Albumcharts (Stand 20.7.2018) betrachtet, kommt einem als Musikfreund das kalte Grausen: Amigos, Caught In The Act-Sänger Eloy de Jong, G.G. Anderson, Helene Fischer (natürlich), Mamma Mia! (Abba), Andreas Gabalier, Ben Zucker. Sieben der aktuellen Top 10 sind Schlagerstars für die Generation Ü50! Daneben dann die Rolling Stones, Drake und Capital Bra.

Die offiziellen Albumcharts vom 20.7.2018 (Quelle: GfK Entertainment)

Dabei ist es gar nicht so, dass die Mehrheit der Deutschen plötzlich Omas angestaubten Schlager für sich entdeckt hat. Ganz im Gegenteil: die Mehrheit hört selbstverständlich etwas anderes!

Je besser man sich in der Musik auskennt, desto vielfältiger dürfte der Musikkonsum ausfallen und desto weniger hört man Musik, die bei Aldi an der Kasse ausliegt, im Schlagerradio läuft oder in Dauerwerbesendungen im TV verkauft wird. Durch die Verfügbarkeit von Millionen von Alben via Streaming, hat jeder Musikfan heute die Qual der Wahl. Und nutzt diese Wahlmöglichkeiten auch.

Doch bei den Charts fällt überhaupt nicht ins Gewicht, wenn man deutschen Indierock oder obskuren Krautrock der 70er hört. Musikbegeisterte Menschen, die viel mehr und viel unterschiedlichere Musik hören und kaufen, bleiben völlig unsichtbar im Vergleich zu den omnipräsenten Schlagerfans, die seit Jahren die offiziellen Album Charts und das Musikprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender dominieren.

Warum ist das so?

Als Grundlage für die offiziellen Charts werden nicht Verkaufs- oder Streamingzahlen, sondern der Umsatz ermittelt. Da CDs wesentlich teurer sind als einzelne gestreamte Tracks kommt hier der Preis einer CD also besonders zum Tragen.

Vor allem Rap-Künstler verkaufen an ihre Fans inzwischen in schöner Regelmäßigkeit Fanboxen mit teilweise absurden Beigaben für 100 Euro und mehr und steigern so die Wahrscheinlichkeit in den Charts ganz oben zu stehen ganz massiv. Diese offensichtliche Manipulation müsste den Machern der deutschen Charts eigentlich schon längst aufgefallen sein.

Auch die Schlagerzombies verkaufen ihre Muzak vorzugsweise an ältere Herren und Damen, die Musik nicht streamen, sondern wie vor 50 Jahren im Radio oder im Fernsehen hören und dann auch hin und wieder mal eine "Deluxe" CD der immer gleichen Künstler kaufen. Auch diese Verkäufe sind in den Albumcharts omnipräsent.

Das Geschäft der Streamingdienste beruht hingegen auf einzelnen Tracks, Albumstreams werden in keiner eigenen Charts aufgelistet, somit lässt sich auch nicht vergleichen, wie die Albumcharts aussehen würden, wenn man nur das Streaming berücksichtigen würde und die Verkaufszahlen ignorieren würde. Auf unsere Nachfrage konnte uns Spotify keine entsprechenden Daten liefern.

Für die offiziellen Albumcharts der Musikindustrie werden nur die Streams von Premium Streaming-Nutzern ab 30 Sekunden ausgewertet und nach einer sehr komplizierten Formel in die Albumcharts mit eingerechnet. Eine geschenkte CD, die im Regal landet ohne je gehört zu werden, macht sich trotzdem in den Charts bemerkbar. Ein Ungleichgewicht, das schlicht unfair ist und die Realität maximal verzerrt.

So wird immer wieder der gleiche Müll, den kein wahrer Musikfan auch nur mit der Kneifzange anfassen würde, immer und immer wieder gespielt und in die Charts gespült. Helene Fischer ist seit 62 Wochen in den Top 20 mit ihrem letzten Album, Ed Sheeran sogar 72 Wochen!

Zu bedeuten hat das alles gar nichts mehr, außer dass diese Künstler noch die aussterbende Gruppe der CD-Käufer erreichen und pausenlos im Radio und TV gespielt werden, die sich in ihrer Ahnungslosigkeit natürlich an den Charts orientieren. Ein Perpetuum Mobile des schlechten Geschmacks.

Da das Streaming den CD-Verkauf nun endgültig überholt hat und der Tonträger zum Auslaufmodell wird, ist es an der Zeit, die Albumcharts komplett neu zu berechnen. Denn was sich hier Woche für Woche findet, hat nichts mehr mit der Realität zu tun, sondern ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Epoche. Die Albumcharts gehören in dieser Form - wie der Echo - abgeschafft.

Übrigens: Wer nicht nur Musik aus den Charts hören möchte, kann in unserer Spotify Playlist "Tracks der Woche" jede Woche neue Musik entdecken.

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