"Dies wird ein experimentelles Jahr"

Musikindustrie erwägt kostenlose Downloads ohne Kopierschutz

Das Jahr 2007 scheint das Jahr der großen Veränderungen zu werden. Selbst in der Musikindustrie gibt es nun nahezu revolutionäre Gedankenspiele, wie man den freien Fall der Umsätze stoppen könnte.

Selten war das Musikbusiness so kompliziert und vielstimmig wie in diesen Tagen. In Italien wurde soeben das Benutzen von Tauschbörsen von einem Gericht mit der Begründung legalisiert, dass es sich nicht um eine kommerzielle Nutzung handele. Zumindest strafrechtlich können Nutzer und Betreiber von Tauschbörsen somit nicht mehr belangt werden.

In Norwegen hingegen möchte man den Download-Primus iTunes verbieten, weil der das Abspielen von Musik nur auf eigenen Geräten unterstütze. Dem Vorstoß ging eine Initative eines Verbraucherschutzverbandes voraus. Bis Oktober müsse man das DRM entsprechend für andere Geräte öffen, sonst droht das Aus für iTunes in Norwegen.

Und in Deutschland soll nun nach dem "Gesetzesentwurf zur Umsetzung der EU-Durchsetzungs-Richtlinie" eine erste Abmahnung für Urheberrechtsverletzungen maximal 50 Euro kosten dürfen. Damit sollen vor allem Privatleute geschützt werden, die sich möglicherweise nicht im Klaren sind, wenn sie das Urheberrecht verletzen und die mit ihren Angeboten, zum Beispiel MP3-Blogs, kein Geld verdienen.

Egal wo man hinschaut, weltweit kracht es im Gebälk und die Musikindustrie steht zunehmend unter Druck, ihr Business neu zu erfinden. Erstmals hat der Vorsitzende der Musikindustrieverbandes IFPI, John Kennedy, nun eingeräumt, dass man mehr ausprobieren müsse. So sollen auch kostenlose Downloads ohne Kopierschutz über werbefinanzierte Angebote ermöglicht werden, etwa um notorisch unterfinanzierte Studenten mit Musik zu versorgen und gleichzeitig mit ihnen Geld zu verdienen. Kostenlose Downloads waren für die Musikindustrie bisher ein rotes Tuch, während kleinere Labels längst neue Anhänger auf diese Art und Weise gewinnen. In den USA läuft bereits ein entsprechender Testlauf auf dem Portal Ruckus, das für US-Studenten rund 2 Millionen Downloads kostenlos bereit hält. Auch das Prinzip Tonspion, also kostenlose Downloads zu Promotionzwecken, werden zunehmend auch von der Industrie erwogen.

Größte Herausforderung bleibt der riesige chinesische Markt, wo 90% des Musikmarktes aus illegalen Downloads bestehen und das Musikbusiness sich deshalb komplett neu erfinden muss, da es kein "klassisches" Geschäft gibt. Möglicherweise entstehen dadurch auch Ideen und Impulse für das Musikbusiness in Europa und den USA.

Jedenfalls scheint der Kopierschutz für Downloads mehr denn je selbst von bisherigen Hardlinern in Zweifel gezogen zu werden. Kennedy sagte laut Welt.de: "Alle großen Studios müssen sich erst klar werden, welche Vor- und Nachteile kostenlose Downloads ohne Kopierschutz haben. Aber ich glaube, dies wird ein experimentelles Jahr." (ur)

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