Ed Sheeran sprengt die britischen Charts

Hilfe, die Charts sind kaputt!

Ed Sheeran hat alle 16 Songs seines neuen Albums in den Top 20 der britischen Single-Charts platziert. Gleichzeitig sind drei seiner Alben in den Top 5 der Albencharts. Wie konnte das passieren?

Ed Sheeran dominiert die britischen Single-Charts auch ohne Singles.

Single-Charts ohne Singles

Seien wir ehrlich: die Charts waren noch nie ein Merkmal für die Qualität von Musik. Was sich in den Single-Charts wiederfindet, spiegelt meist das wieder, was uns das Radio tagein tagaus um die Ohren haut: Musik, die nicht besonders stört und dafür geeignet ist, den Hintergrund zu beschallen. Das war früher so und das hat sich bis heute nicht geändert.

Es braucht kaum mehr Verkäufe, um in den Charts vorne zu landen. Singles werden sowieso nicht mehr gekauft. Heute genügt dafür ein bisschen Airplay und genau den richtigen Sound für dezente Hintergrundbeschallung bieten die sogenannten DJs, die unter einen harmlosen Folksong einen dezenten Beat legen. Fertig ist der Radiohit. 

Wie man heute in die Charts kommt

Wenn man in den deutschen Charts schaut, könnte man meinen, dass ganz Deutschland plötzlich nur noch Kuschel-House à la Felix Jaehn und Alle Farben hört. Und die Album Charts wollen einem weismachen, dass der Rest nur noch auf deutschen Rap oder Schlager steht. Beides ist natürlich Unsinn. Es zeigt nur, wie einfach sich die Charts manipulieren lassen. Ganz legal und rechtlich wasserdicht. 

Die deutsche Rapszene macht sich die Tatsache zunutze, dass nicht verkaufte Einheiten für die Charts gemessen werden, sondern der erzielte Umsatz. Also werden für die beinharten Fans teure Sondereditionen mit Shirt, Vinyl und sonstigem Schnickschnack angeboten, die schon mal deutlich über 50 Euro kosten. Klar, dass ein so gepushtes Album in den Charts relativ schnell nach vorne klettert.

Und die Schlagerszene wird in den gebührenfinanzierten Oldiesendern ARD und ZDF kräftig durch riesige Reichweiten unterstützt. Seit Neustem reitet RTL mit dem geschäftstüchtigen Schlagerproduzenten Dieter Bohlen und DSDS ebenfalls auf dieser Welle und sorgt dafür, dass Omas Schlager plötzlich auch für jüngere Menschen wieder hörbar wird.

Klar, dass die ganzen Schlageraffen (Lindenberg) mit dieser kostenlosen und mächtigen Promotion über das Massenmedium Fernsehen einfacher in die Charts einsteigen, als Bands, die kreuz und quer durch die Republik touren müssen, um sich jeden Fan einzeln zu erspielen.

Menschen, die sich nicht für Musik interessieren bestimmen die Charts

Erschwerend kommt hinzu, dass echte Musikfans nicht immer dasselbe hören, sondern ganz tief in die Musikwelt einsteigen und viel mehr, aber viel mehr unterschiedliche Musik hören. Ihr Musikkonsum ist für die Charts schlicht uninteressant, obwohl die Musik, die sie hören viel spannender und vielfältiger ist, als der dumpfbackige Mainstream, der sich in den Charts offenbart.

Nie zeigte der sich deutlicher als in Kerstin Otts einfältigem Amateur-Song "Die Immer lacht", der gerade mit dem Musikautoren-Preis für den erfolgreichsten Song des Jahres ausgezeichnet wurde.

Charts-Musik auf Endlosschleife

Auch die britischen Charts sind mittlerweile als Gradmesser für den Erfolg von Musik völlig unbrauchbar geworden. Waren es 2006 noch rund 230 Neueinsteiger in den ersten sechs Monaten schrumpfte diese Zahl 2016 laut BBC auf gerade mal 86. The winner takes it all. Und was einmal in den Charts oben steht, geht so schnell nicht wieder weg, weil das Radio auf Nummer sicher geht und die vorderen Plätze den ganzen Tag rauf und runterspielt, bis sie wirklich jedem zum Hals raus hängen.

Erfolgreich ist, was nicht weg gezappt wird. Das ist die absurde Logik, welche die Musikauswahl in den Radiostationen bestimmt. Der allerkleinste gemeinsame Nenner. Und nur wenige Sender, wie der Berliner Independent Sender Flux.FM halten ganz bewusst dagegen und trauen sich auch mal etwas zu spielen, was noch nicht jeder kennt.

Ed Sheeran hat gut lachen. 

Das Album ist tot? Die Single ist tot!

Ed Sheeran ist der erfolgreichste Songwriter unserer Zeit. Sein lang ersehntes Album schoss natürlich international sofort auf die Top-Positionen der Album Charts. Und weil im Streaming-Zeitalter alles so einfach ist, hörten die Fans plötzlich auch wieder seine älteren Alben. Die stiegen dann prompt auch in die Top 10 ein.

Und weil auf einen Schlag so viele Menschen das neue Sheeran-Album hörten, stiegen nicht nur die beiden Singles, sondern alle 16 Songs der Deluxe-Ausgabe in die Top 20 der Single-Charts ein. Man braucht heute dafür weder "Singles" noch Radio-Airplay, wenn man Ed Sheeran heißt, reicht sogar ein omnipräsentes Album. Früher hätte das kaum einen Einfluss auf die Single-Charts genommen. Aber weil es keine Singles mehr gibt, sondern nur noch Songs, spielte es auch keine Rolle, was die Single ist.

Gestreamt wird nicht etwa der heißeste neue Scheiß, sondern das, was die Leute bereits irgendwie kennen. Lieblingsmusik. Und Ed Sheeran. Noch nie war es also so einfach für einen bekannten Künstler, seine Songs ohne jegliche Promotion in den Single-Charts zu platzieren. Es fehlt ganz schlicht an Konkurrenz, weil das Radio keine Vielfalt bietet und Musik im TV kaum noch vorkommt. Neue Künstler haben es trotz ständig wachsender Möglichkeiten der Selbstvermarktung immer schwerer, gegen die etablierten Stars im Kampf um mediale Aufmerksamkeit Gehör zu finden.

So werden die Adeles und Sheerans immer übermächtiger und immer weniger neue Musik hat die Chance durch überraschende Charts-Platzierungen für Aufmerksamkeit zu sorgen. Wer nicht Ed Sheeran heißt und auch nicht genau das produziert, was die Radios spielen wollen oder wer nicht weiß, wie er seine Fans dazu bewegt, maßlos überteuerte Alben (Stichwort: Vinyl!) vorzubestellen, der hat im Streaming-Zeitalter fast keine Chance mehr auf Chart-Positionen. 

Streams sind wichtiger als Verkäufe

Die Entwicklung des Streaming Markets in den letzten Jahren. (Quelle: Statista)

In Zeiten, in denen die gesamte Musik der Popgeschichte in den Streamingdiensten jederzeit wie in einer großen Leih-Bibliothek für wenig Geld ständig verfügbar ist, verliert neue Musik zunehmend an Bedeutung. Stattdessen dominieren in Spotify Playlists die immer gleichen altbekannten Songs. Die Bedeutung der Gatekeeper, die den Leuten vorgeben, was der neue heiße Scheiß ist, den man unbedingt hören muss, wird immer geringer. "Hör, was du hören willst" ist nicht nur der Slogan eines Streaming Anbieters, sondern das Geschäftsmodell aller Dienste. Sie interessieren sich nicht für Musik und sie unterscheiden sich deshalb auch kaum. Sie interessieren sich nur für zahlende Abonnenten.

Früher waren die Charts kein bisschen besser

Heute kann jeder selbst entscheiden, was er hören möchte und muss sich nicht mehr durch einen Sticker "Aus der TV-Werbung" überzeugen lassen, der früher einmal ernsthaft als Qualitätsmerkmal und in Plattenläden als Verkaufsargument galt. Was im Fernsehen läuft, hat aufgrund der enormen Reichweite des Mediums aber nach wie vor einen großen Einfluss auf die Charts. Nirgendwo erreicht man Millionen von Menschen auf einen Schlag. Noch.

Der Einfluss des Radios sinkt im Streaming-Zeitalter ebenfalls Richtung Bedeutungslosigkeit, aber das wird in den Charts nicht wirklich dargestellt. Doch ist das wirklich so schlimm? Eigentlich nicht, denn erinnern wir uns richtig: Früher waren die Charts kein bisschen besser, sie wurden eben nur mit anderen Tricks manipuliert.

Sich dem Mehrheitsgeschmack anzuschließen, war noch nie eine besonders attraktive Option. Wer wirklich was auf sich hält, kauft seine Klamotten nicht nur bei Primark und H&M und trägt, was alle tragen. Und wer musikalisch Stil beweisen will, pfeift auf irgendwelche Hitlisten und sucht sich ganz bewusst und aus innerem Antrieb seine eigene Lieblingsmusik zusammen. Und das war noch nie so einfach wie heute. 

Früher war alles besser? Nein, war es nicht. Früher haben alle dasselbe gehört, nämlich die Musik aus den Charts. Heute hört jeder genau das, was er will. Und Charts sind überflüssig geworden. Wenn das kein Fortschritt ist, dann weiß ich auch nicht.

Teile diesen Beitrag und like TONSPION, um keine wichtigen Musik News, Video-Premieren, exklusiven Streams oder kostenlose MP3 Downloads zu verpassen:

amazon music unlimited

TONSPION UPDATE

Hol dir den wöchentlichen Tonspion Update und gewinne attraktive Preise und erhalte exklusive Downloads:

* erforderlich

Ähnliche News

Albumcharts: Rock schlägt HipHop und Schlager

Albumcharts: Rock schlägt HipHop und Schlager

Kraftklub "In Schwarz" steigen auf Platz 1 der Charts ein
In den letzen Wochen und Monaten haben sich HipHop und Schlager in schöner Regelmäßigkeit an der Spitze der Charts abgelöst. Kraftklub sorgen jetzt für frischen Wind. Ihr neues Album "In Schwarz" setzt sich an die Spitze der Charts, gefolgt von Slash. 

Aktuelles Album

Ed Sheeran - ÷

Ed Sheeran - ÷ Divide

Artist: 
Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Der Kuschelrocker
Ed Sheeran ist der Songwriter der Stunde. Zur Veröffentlichung seines neuen Albums kletterten in seiner Heimat alle 16 neuen Songs von "÷ Divide" auf die ersten 16 Plätze der britischen Single Charts. Das hat noch kein Künstler vor ihm geschafft. Aber sind sie denn auch hörenswert?