EU-Urheberrechtsreform: Flickr führt Uploadfilter ein

Umsetzung der EU-Reform mit Hilfe automatisierter Bildüberprüfung und Abmahnungen

Nach dem Beschluss des EU-Parlaments, künftig Plattformen für die Uploads ihrer User haftbar zu machen, führt die Foto-Plattform Flickr einen Uploadfilter ein und arbeitet mit Pixsy zusammen, um Urheberrechtsverletzungen zu bekämpfen - und massenhaft Nutzer abzumahnen.

Das EU-Parlament stimmte vor zwei Wochen der Urheberrechtsreform zu. Um Verletzungen von Bildrechten zu ahnden, startet die Online-Fotoplattform Flickr nun eine strategische Partnerschaft mit dem Legal Tech-Unternehmen Pixsy. Das Startup hat eine Lösung entwickelt, die mit automatisierter Bildüberprüfung und Rechtsbeistand das Urheberrecht von Fotografen durchsetzen soll.

Fotografen können ihre Bilder bei Pixsy hochladen, um Urheberrechtsverletzungen zu finden. (Quelle: Pixsy.com)

EU-Reform: Strategien gegen Urheberrechtsverstöße

Die Mitgliedsländer sollen die neuen EU-Vorgaben innerhalb der nächsten zwei Jahre in nationalen Gesetzen festschreiben. Künftig sind Internetplattformen dafür verantwortlich, dass hochgeladene Inhalte ihrer Nutzer keine potenziellen Verstöße gegen das Urheberrecht darstellen. Durch die Kooperation mit Pixsy ist Flickr Vorreiter bei der Umsetzung der Reform. 

Kombination aus automatisierter Bildüberprüfung und Anwälten

Das auf Künstlicher Intelligenz basierende Programm scannt die Verbreitung von Bildern in Echtzeit. Ab sofort steht der Service jedem Flickr-Mitglied nach einmaliger Verknüpfung des Accounts mit Pixsy zur Verfügung. Anschließend wird der Urheber bei jeder Verletzung seiner Bildrechte benachrichtigt und kann juristische Schritte über Pixsy einleiten.

Die Fotografen bekommen direkten Zugang zu Anwälten, um ihren Anspruch auf entgangene Lizenzeinnahmen und Schadensersatz systematisch durchzusetzen. Dafür arbeitet Pixsy mit einem internationalen Netzwerk von Anwaltskanzleien zusammen, die nur im Fall des Prozessgewinns Honorar erhalten. Zusätzlich besteht über die Anwendung die Möglichkeit, die eigenen Bilder im US-Urheberrechtsregister eintragen zu lassen und automatisch Rechtsaufforderungen zur Entfernung von Verstößen zu verschicken. Bis heute hat Pixsy die Verfolgung von 70.000 Fällen von Urheberrechtsverletzungen eingeleitet.

Pixsy crawlt das Internet und sucht unlizensierte Bilder. Der Anbieter bekommt danach Post vom Anwalt. Das gilt künftig auch für Flickr-Nutzer! (Quelle: Pixsy.com)

Geschäftsmodell Abmahnung: Das lukrative Geschäft mit Online Bildern

Die Rechteinhaber bekommen am Ende nur 50 Prozent der geforderten Summe, den Rest teilt sich Pixsy vermutlich mit Flickr und den Anwälten. Pixsy arbeitet mit 26 internationalen Anwaltskanzleien zusammen, um die Schadensersatzforderungen in den jeweiligen Ländern durchzusetzen. Da das Urheberrecht in Deutschland traditionell besonders stark ist, dürfte Deutschland zu den Fokusländern gehören. 

Ein milliardenschweres neues Geschäftsmodell, das die EU sich für die großen Plattformen ausgedacht hat. Und ein erstes Zeichen dafür, dass der Uploadfilter flächendeckend eingeführt wird, allerdings anders als zunächst befürchtet. Statt Bilder zu blockieren und damit das Internet zensieren, werden sogar Abmahnungen verschickt, um eine neue Einnahmequelle zu generieren. Und das ganz automatisiert und im großen Stil. 

Die Abmahnung von urheberechtlich geschützten Bildern durch Bilddatenbanken ist längst ein riesiges Geschäft. Zahlreiche Anwaltskanzleien lassen seit Jahren automatisiert über Software-Lösungen das gesamte Internet auf Bilder scannen und versenden dann Serienabmahnungen, die sie vielleicht fünf Minuten Arbeit kosten. Erstmals bekommen sie jetzt direkten Zugriff auf riesige Bilder-Netzwerke und deren Nutzer. Die Forderungen dieser Abmahnungen belaufen sich häufig sogar auf vierstellige Beträge, selbst bei kleinen Bildern mit geringer Auflösung.

Die geforderten Preise beruhen noch auf den Preislisten von Fotografen-Verbänden und basieren auf dem (längst toten) Geschäft mit Printpublikationen und haben mit der Realität der Online-Welt nichts mehr zu tun. Damals waren abgedruckte Fotos mehrere hundert Euro wert, das sind sie heute nicht mehr.

Niemand verdient heute mit Bildern auf einem Blog auch nur einen einzigen Cent! Dass trotzdem eine "Schadensersatzforderung" von mehreren hundert Euro pro Bild und 100% Aufschlag für einen fehlenden Credit nicht mehr "marktüblich" und Bildrechte häufig gar nicht klärbar sind,  hat sich offenbar bei den Gerichten noch nicht herumgesprochen. Dort bekommt der Rechteinhaber im Zweifel immer sein Recht, ganz egal wie absurd überhöht die finanzielle Forderung auch sein mag. Auch Verbraucherschutzanwälte profitieren massiv von diesem Geschäft und so ist eine Änderung dieser gängigen Praxis nicht in Sicht.

Nutzer zahlen für eine unsinnige und überflüssige Reform, die nur wenigen nützt

Es gibt heute Fotografen, die nur noch von Abmahnungen leben, auch ohne je ein Bild auf dem freien Markt verkauft zu haben, auf dem Bilder im Smartphone-Zeitalter de facto wertlos geworden sind. Deshalb sollte man sehr vorsichtig sein, welche Bilder man online postet. 

Offenbar wird das Geschäft mit den Serien-Abmahnungen dank der neuen EU-Urheberrechtslinie nun rasant ausgebaut und Softwarekonzerne machen das zum neuen Geschäftsmodell. Am Ende zahlen die Nutzer für eine unsinnige und überflüssige Reform, die nur sehr wenigen nutzt.

Ob wir im Tonspion künftig überhaupt noch Bilder von Künstlern oder Youtube-Videos nutzen können müssen wir abwarten. Selbst wir als Profis können das alles nicht mehr überblicken. Und diese Entwicklung ist dramatisch und besorgniserregend! Und schlimmer als von den Gegnern der Urheberrechtsreform befürchtet. Wir empfehlen unseren Nutzern, Flickr künftig nur noch für eigene Fotos zu verwenden, alte Fotos ungeklärter Herkunft konsequent zu löschen und keine fremden Bilder mehr öffentlich zu machen. 

Fakten Pixsy

  1. Pixsy wurde 2014 von Urhebern gegründet, um Bilderdiebstahl zu bekämpfen. 
  2. 85% aller Bilder, die ins Netz hochgeladen werden, sind nicht lizensiert. 
  3. Pixsy überwacht 35 Millionen Bilder für 35,000 Kunden jeden Tag. 
  4. Pixsys Suchtechnologie hat 210 Millionen Treffer von illegal genutzten Bildern gefunden.
  5. Pixsy hat 70,000 Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen über 26 Anwaltskanzleien weltweit versendet.
    Quelle: Pixsy.com

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