F11B : Donnerstagfreitag

Der Tonspion beim Festival Internacional de Benicassim

Mehr als 30.000 Menschen springen umeinander, entspannen an Stränden, stehen sich im Weg, liegen sich in den Armen. Robert Smith hat sich über die ganze Stadt gelegt, gute Musik gibt guter Musik Klinke um Klinke in die Hand. Das Festival Internacional de Benicassim lockt zum elften Mal.

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Zum dritten Mal fühlt sich auch der Tonspion angezogen, zum dritten Mal hat er ein Zelt aufgeschlagen, zum dritten Mal hat er sein beim Lineupanblick zu Boden gefallenes Kinn nur schwer nach oben bekommen. Nur allzu schnell verlässt man hier die lässige Beobachterposition in Richtung Euphorie und Kontrollverlust, schließlich lädt schon der fast-erste Abend, die Festivalvorabparty FIBStart, mit Nachdruck dazu ein.

Denn wo die fast schon obligatorischen DELUXE und ihr solider Indierock, der feine Neunzigerverweis THE POSIES und die hier etwas fußlahmen UNDERWORLD dennoch gut vorlegen, zaubern THE POLYPHONIC SPREE schließlich das erste lächelnde Delirium in Zuschauerköpfe. Sie lassen Lieder zu endlos langen und restlos begeisternden Chorälen werden, verlieren sich im Durcheinander, jubilieren mit Chor und Querflöte und tun alles, um Tim DeLaughters Wort zu verkünden. It`s the sun and it makes me shine. Indeed. Keine Wolke wird es in den nächsten Tagen wagen, sich dem Echo dieser Zeile in den Weg zu stellen.

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Mit JOSEPH ARTHURs Singer-Songwriter-Performer-Looper-Actionshow beginnt der ernstzunehmende Teil des ersten echten Festivaltages. Und auch der hier unvermeidliche Kampf zwischen den persönlichen Interessen und der gemeinen Realität des Festivalprogramms. Wähle deine Bühne und ich sage dir, wer du bist. Geh zu ATHLETE und lass dein Herz von hymnenhafter Popmusik erwärmen. Lass dich zur Turntable-Cello-Fourtothefloor-Melange von LEMON JELLY gehen. Klatsch im Takt von MANDO "Actionrock! Mitreißpose! Werbespotgefühl!" DIAO. Gib dir "die besten Beats" (J.Bader) bei FOUR TET oder lass deinen Hiphopbegriff von PREFUSE 73 zerschneiden.

PEACHES singt ein Duett mit digitalem Iggy Pop, YO LA TENGO pendeln entrückt zwischen hartnäckigem Beat, hartnäckigem Noise und sanft grandiosem Songwriting. Doch so viele Eindrücke von den anderen Bühnen muss sich der Korrespondent von freundlichen Begleitern, Bekanntschaften und Festivalstylern vorbeibringen lassen, denn er steht einfach nur ergriffen ein Konzert lang und länger im Escenario Verde, vor der großen Bühne und lässt zum Beispiel sein Zeitgefühl zwischen "Open" und "Boys Don`t Cry" Zeitgefühl sein.

"We changed the set in the last 30 minutes", verkündete Robert Smith eine Stunde vor dem Auftritt von THE CURE, "and it`s going to be a show for the fans." Und so rumpelt der Bass, so hallen Gitarrenlinien, so zirkelt das Schlagzeug, so verzweifelt Robert Smith zwei volle Stunden lang, so packt frühes Material das Publikum beim Herzen, so zerren ewige Schönheiten den Zuhörer durch Geschichte und Diskographie dieser Band. Nach "Fascination Street", "The Blood", "Play For Today", "Just Like Heaven" und anderen Herzattacken sind die eindeutigen Mitsingsuperhits im Zugabenblock fast schon zuviel, doch nur zu gern nehmen wir die mit, nur zu gern singen wir diesem Festivalfreitag seine Hymne. Dass es tatsächlich noch andere Bühnen mit tatsächlich grandiosem Programm gibt, will uns nur schwer in den Kopf.

BASEMENT JAXX setzen mit dickem Sängerensemble voll auf den Soulfaktor. Passend zum aktuellen Release werden vor allem Singles geboten, doch auch Funk und Beatdicke können die konsequent durchgezogene Weather-Girls-Nummer nicht vor dem Umkippen ins allzu Trashige bewahren. Wie Underworld am Tag zuvor lassen Basement Jaxx jede Zuschauererwartung geschickt ins Leere laufen, wie bei Underworld am Abend zuvor funktioniert diese Masche nicht so richtig.

5000 der laut Statistik angereisten 7000 Briten übertönen die DOVES mit Leichtigkeit. Wir dagegen sparen Energie, schlackern noch ein bisschen mit den Gliedern und lassen uns von diversen Tanzelektronika in die Arme von Zeltnachbarn und sonstigen Begleitern treiben. Es ist schon nicht mehr Freitag, doch verliebt sind wir noch immer. (sc)

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