F11B : Sonntagmontag

Der Tonspion beim Festival Internacional de Benicassim

Plötzlichem persönlichem Wohlgeruch und langem, gut bettunterfüttertem Schlaf zum Trotz: Auch eine knappe Woche nach dem Benicassim-Festival sind längst nicht alle Eindrücke verarbeitet und verdaut. Selbst noch ganz im Konzert- und Feiertaumel, werfen wir einen Blick auf die letzten zwei Festivaltage.

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Der Samstag steckt so manchem noch in müden Knochen, als er sich verhältnismäßig früh aus dem Strandsand schaufelt, um sich nach frischer Freiluftdusche heißen Trendbands hinzugeben. MAXIMO PARK werfen textsicherem Publikum lässige Tanzmusik vor die Füße, Paul Smith glänzt als coolste Charmesau des Wochenendes und selbst das zweisekündige und hochalberne The Streets-Zitat wird deshalb höflich belacht. Der quasiletzte Tag des Festivals beginnt hervorragend, auch wenn manch einem die Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage doch merklich die Rezeptoren blockieren.

Schön, dass man die bei HOT HOT HEAT auch gar nicht braucht. Da schwitzen und tanzen die einen fröhlich weiter, während sich andere am Kopf kratzen, "Die waren doch mal gut" sagen und "Was ist passiert?" fragen und sich dann doch spätestens von "Bandages" alle Zweifel nur zu gern wegblasen lassen. Der Rest ist fröhliches Schwanken zwischen Schwulst und Dance, den man ebenso fröhlich ignorieren kann.

Der vor zwei Jahren hier die Menschen bezaubernde DANIEL JOHNSTON, so lesen wir, muss heute alle Sommertermine absagen. Dem Sorry Entertainer geht es nicht gut, wir wünschen ihm bestes, müssen heute jedoch unsere Herzen jemand anderem zu Füßen legen.

Wie gerufen kommt NICK CAVE, mit Schwung reißt sein Opener "Get Ready For Love" jeden in ein infernalisches Höllenkonzert, der sich nicht schnell genug zum Tanztee mit Roisin Murphy retten kann. Die Bad Seeds heute im Großformat, vier halbversteckte und doch stets angenehm präsente Backgroundstimmen, zwei Schlagzeuger, im Sturm zitternde Bandmitglieder. Der Rest ist Bergundtalbahn, ist "There She Goes My Beautiful World", ist das sich langsam in bedrohliche Höhen schwingende "The Mercy Seat" und das sich in tiefsten Höllen windende "Stagger Lee" und das seltsame Gefühl, dass nach dem Intensivfeuerwerk der letzten Tage dieser Funke trotzdem nicht so richtig überspringen kann. Am manisch predigenden Cave liegt das jedoch nicht, schon eher an persönlicher Erschöpfung und deutlich verkürzter Konzentrationsspanne.

Dass MASHA QRELLA sowieso fast fertig ist, kommt da wie gerufen, ist aber dennoch zu bedauern. Denn sie hat den launischen CD-Player der letzten Jahre gegen eine ihren Lieder sehr gut stehende Band ausgetauscht und "Hypersomnia" im neuen Kollektivsound deutet nachdrücklich an, dass man hier etwas verpasst hat. Aber wir sind ja fast Nachbarn und sehen uns deshalb bald wieder.

Als wir aus dem kleinen Music-Box-Zelt treten, begegnet uns niemand. Die kleinen Wiesenflecke sind leer, an den Getränkeständen wird man sofort bedient, die sonst so präsenten Briten sind verschwunden. Ein Blick auf den Zeitplan erklärt die plötzliche Leere und erklärt auch, wo all die Drängler hinwollten, die sich während der letzten Caveschen Lieder mit Schmackes in die ersten Reihen schoben. OASIS put this festival on, you bastards, und nach drei Liedern habe ich endgültig nicht verstanden, warum mein gesamter damaliger Freundeskreis immer und immer so sehr auf diese Band steilging. Doch sonst macht die Langeweile auf der Bühne den wenigsten etwas aus, der arg mopsig gewordene Liam und sein Drumherum machen fett Laune und wir freuen uns immerhin über Schnellservice am Imbissstand. Ist ja sonst keiner da.

Dann stellen wir fest, dass die DFA-Labelnacht nicht dem Stundenplan folgt und wir so die BLACK DICE verpasst haben. Etwa eine Stunde lang lassen wir uns vom hochgelobten MATHEW HERBERT trösten, bis sich das Gehirn einschaltet und mit wenig Freude die unglaubliche Monotonie in seinem Set registriert. Wir sind nicht drauf genug für Stumpfness, wir wollen Action und Festivalhighlights.

Die haben andere zur Genüge bekommen. Es sind doch ganz schön viele Menschen, die sich nach dem Oasis-Gig durch die Ausgänge quetschen, es wirkt doch fast ein bisschen leer beim Konzert der letzten Band des Festivals. Das LCD Soundsystem bearbeitet die Schnittstele zwischen Bandprogramm und DJ-Rave, und James Murphy macht keinen Hehl daraus, dass er sich lieber weiter um seine Labelnacht kümmern würde. In beachtlicher Geschwindigkeit rast die Band durch "Daft Punk Is Playing At My House", knüppelt sie sich durch "Losing My Edge", entlockt sie immer müderen Körpern letzten Schwung, erklärt sie nach einer dreiviertel Stunde ihr Set für beendet. Murphy verschwindet im Labelnachtzelt und wir finden Zelte auch ganz gut. Gute Nacht.

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Die Hitze hält sich heute mal zurück, statt ihrer treiben uns benachbarte Oasis-Tapes nach einer Weile aus dem Zelt. Viele sind schon abgefahren, erste Sanitäreinrichtungen werden abgebaut, der in nicht allzu weiter Ferne aus den Olivenhainen ragenden Bühne fehlt schon die Rückwand. Die Umstände schmecken nach Ende, doch am Strand wird aufgebaut und soundgecheckt, und nach entspanntem Tag in der Stadt finden hier alle dagebliebenen und extre hierfür gekommenen zusammen, um sich in Grund und Boden zu tanzen. Mit schmucker Indietronicdisco geht es los, das ist prima, da kann man gut auch noch ein wenig im Sand sitzen und die letzten Tage Revue passieren lassen.

Ganz schön viel und ganz schön viel schönes wurde uns in den letzten Tagen um die Ohren gehauen. Vielleicht fährt und haushaltet besser, wer gekonnt von Highlight zu Highlight surft, sich vor den richtig ergreifenden Konzertsituationen drückt, auf Action und Bewegung setzt, statt sich immer wieder von The Cure oder den Bad Seeds oder !!! oder The Polyphonic Spree oder den Kings Of Convenience an der Seele packen zu lassen. Doch selten fühlte sich Erschöpfung so gut an, und nur zu gern tun wir jetzt die wirklich allerletzten Reserven raus.

Erlend Øye singt und tanzt und legt auf und loopt und erfreut Beine und Herzen. Immer noch unbebrillt, nicht immer rhythmussicher, aber geil bezaubernd springt er zwischen Laserdance und Retrosound umher, slappt den Luftbass und reißt uns mit. Nur ab und an treten wir ein bisschen zurück, um mit den Füßen die Löcher zuzuschaufeln, die wir in den Strand getanzt haben. Nach "Voyage, Voyage" und "Take On Me" irrt er sich in der Zeit, bricht ab, kommt lachend zurück, schaltet noch ein paar Gänge höher. Dann passiert noch irgendetwas und dann gibt es House und dann ist da Meer und Wasser, dann sind da noch einmal tausend Menschen und der Sand ist so schön weich und überhaupt ist der Korrespondent an dieser Stelle längst eingeschlafen. Nur der Körper zuckt noch, der Rest verdaut und verarbeitet und freut sich jetzt schon vor. Wir sehen uns im nächsten Jahr. (sc)

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