Face It! Debbie Harrys coole Erinnerungen an Blondie & Co.

Faszinierende Autobiografie über Punk, New York und vieles mehr

Debbie Harrys Autobiografie "Face it" ist Musikzeitdokument und Privatshow in einem: Gelassen erzählt, mit derben Erinnerungen garniert und immer humorvoll kommentiert.

"Your name is Deborah (Deborah), It never suited ya", singt Jarvis Cocker über eine unbekannte Frau, aber es passt auch auf diese berühmte: Deborah Harry, bekannter unter Debbie Harry und überbekannt als Blondie: Auch wenn das der Name ihrer 1974 gegründeter Band war, dennoch wurde Blondie als Synonym für diese Frau verwendet, die zugleich Punkrockstar und Sexsymbol ist.

Nun legt sie mit "Face It" ihre Autobiografie vor, die sie den "Mädchen im Untergrund" widmet, nicht den (üblichen) Frauen im Hintergrund.

Debbie Harry "Face It" (Autobiografie) (Foto: Heyne Hardcore)
Debbie Harry "Face It" (Foto: Heyne Hardcore)

Der Titel der Lebenserinnerung ist nicht ins Deutsche übersetzt und das ist ziemlich gut so, hat "Face it" doch mehrere Bedeutungen: Zum einen könnte "Sieh’s ein" oder "Erkenne es" gemeint sein, nimmt aber auch deutlichen Bezug auf das ikonische Gesicht von Debbie Harry. Im Buch wird mehrfach auf die unzähligen Blondie-Fotos Bezug genommen, es sind aber auch viele Fan-Portraits abgedruckt, die im Laufe der Zeit angesammelt wurden und das facettenreiche Bild einer Stil-Ikone zeigen.

Als sie noch ein Baby war, sagte der Arzt grinsend zu ihren Eltern, "die hat einen echten Schlafzimmerblick" und so stand Harry "schon in ganz jungen Jahren im Zentrum der sexuellen Aufmerksamkeit".

Verarbeitet hat sie diesen Blick auf sie erstmals in dem Song "Pretty Baby", nachdem sie den gleichnamigen Film sah, in dem die zwölfjährige Brooke Shields ein Mädchen in einem Bordell spielt.

Video: Blondie – Pretty Baby (1978)

Obwohl sie als Kind eher widerliche Erfahrungen mit exhibitionistischen Männern machte, schreibt sie, ein sehr körperbewusster und sinnlicher Teenie geworden zu sein: "Ich liebte Sex". Die typische Vorstadtmoral – Kirche, Küche, Kinder – war ihr ein Graus und schließlich lockte New York.

Mit dem vagen Plan Künstlerin werden zu wollen, ist es schließlich die Musik, die sie magisch anzieht. Sie sieht in Clubs The Velvet Underground oder Janis Joplin, ihre erste Band, in der sie Backgroundsängerin ist, heißt schließlich "The Wind In The Willows" und deren Sound beschreibt sie als barocken Folk. Bei dem Song "Djini Judy" steuerte sie den Leadgesang bei, bezeichnet sich aber ansonsten als dekoratives Element der Band, die brav im Hintergrund trällern durfte.

Video: The Wind in the Willows - Djini Judy (1968)

Von Bravheit weit entfernt, wollte die mit Drogen wie LSD und Heroin experimentierende Harry, Rockmusik machen: Irgendetwas in der Art wie ihre damalige Lieblingsband New York Dolls. Aber damals war keine Frau eine Frontfrau. Irgendwann wurde schließlich die Band "Blondie And The Banzai Babies" gegründet und irgendwann auf das passendere "Blondie" reduziert.

Von einer "Verlierertruppe", in der Chris Stein von Sozialhilfe lebte und Harry als Bikini-Kellnerin, die ab und an Gras verkaufte lebte, zu Superstars des Punk und New Wave: Harry beschreibt diesen Weg ziemlich lakonisch, schnoddrig und cool. Selbst von einer Vergewaltigung berichtet sie in dem Tonfall, psychologisieren ist nicht ihr Ding.

Wie absurd sich in heutiger Zeit angesichts von #MeToo einige Geschichten von damals lesen, zeigt eine Anekdote mit David Bowie. Blondie war mit Iggy Pop und ihm auf Tour und eines Tages nahm er vor ihr und Iggy seinen Penis heraus. Harry beschreibt dies nicht als unangemessen oder schockierend, sondern so:

"Als wäre ich staatlich geprüfte Pimmelprüferin oder so was. Nachdem ich in einer reinen Männerband spielte, dachten sie vielleicht wirklich, ich sei die Schwanzkontrollen-Lady. Davids extrem großer Schwanz war natürlich berühmt, und er liebte es, ihn in Gegenwart anderer Leute herauszuholen".

Mit diesen Worten holt Harry auch den Heiligenstatus Bowies auf den Boden der Tatsachen und zeigt, dass die allumfassende Genieverehrung mancher Musiker einfach ziemlich lächerlich ist.

Harry selbst ist ebenfalls ein musikalisches Genie, dennoch ist sie weit davon entfernt, in ihren Memoiren nostalgisch oder selbstverliebt zu sein. Im Gegenteil, oft spielt sie ihre Rolle an Songs hinunter und sagt zu dem von ihr geschriebenen Text von "Atomic", sie habe eben nur "Quatsch" aufgeschrieben. Ihre erschaffene Kunstfigur Blondie bleibt jedoch bestehen und ist in der Musikgeschichte ebenso einflussreich wie ein Ziggy Stardust. Oder wie sie es selbst sagt: "Ha! Ich bin immer noch da".

▹ Debbie Harry: Face It, Heyne Hardcore, 432 Seiten, € 25,70

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