Festivals: Jungs unter sich

Wird 2019 alles besser - oder wenigstens ausgewogener?

Bisher waren Rock-Festivals ein Hort höchst konservativer Verhältnisse: Überwiegend Typen auf der Bühne, Frauen Fehlanzeige - allenfalls ein paar im Publikum. Wird 2019 alles anders?

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Frauen gibt's beim Hurricane 2019 nur im Kleingedruckten.

Rock-Festivals wie Hurricane und Rock am Ring/Rock im Park glänzten 2018 - mal wieder, möchte man ergänzen - durch weitgehende Ignoranz von Künstlerinnen. Während altbekannte Bands wie Foo Fighters oder Bad Religion gewohnheitsmäßig als Headliner gebucht waren und sich Acts wie Marteria und Bilderbuch um die besseren Plätze (beziehungsweise stages) darunter balgten, musste man nach Bands mit weiblicher Beteiligung beinah vergeblich suchen: Bei Rock am Ring "durften" Gurr und Mavi Phoenix auf die Bühne, und die Hardrock-Band Baroness trat mit Lead-Gitarristin Gina Gleason an; beim Hurricane trotzten Deap Vally, SXTN, Haiyti und Amy Shark der männlichen Übermacht. Beim Melt! sieht es tendenziell etwas anders aus, so gehörten 2018 Florence & The Machine, Fever Ray und The XX zu den Headlinern.

Nun könnte man natürlich einwerfen, dass gerade die großen Rock-Festivals reine "Crowd-Pleaser" sind, wo es auf stilistische Feinheiten oder gar politisch-gesellschaftliche Themen nicht ankommt. Und dass es doch völlig ok ist, mal ein paar Tage ordentlich die Sau rauszulassen und dazu laute Musik zu hören - alles richtig, und trotzdem muss man keine feministische Aktivistin sein, um die Schieflage zu erkennen.

Dass es in diesem Jahr noch möglich war, fast ausschließlich männlich besetzte Line-ups zu präsentieren, zeugte von enormer Einfalls- und Mutlosigkeit, auch im sogenannten Alternative-Umfeld. Zumal die Ausrede, dass es keine guten weiblichen Bands gäbe, schon lange nicht mehr greift.

Als nun vor ein paar Wochen das vorläufige Line-up des Hurricane-Festivals und seines "Zwillings" Southside 2019 veröffentlicht wurde, zeigte die mediale Resonanz, dass es eben nicht mehr geht, die immer gleichen Typen-Truppen aufspielen zu lassen.

Angekündigt wurden unter anderem The Cure, Foo Fighters, Mumford and Sons, Annenmaykantereit, Bosse, The Wombats - über Relevanz und Aktualiät der genannten Bands ließe sich zusätzlich streiten, aber vor allem: fehlen da nicht die Musikerinnen? Journalist*innen und Fans diskutierten und lästerten öffentlich über die antiquierte, ungerechte Aufstellung - und siehe da, inzwischen haben sich einige weibliche Acts in den Hurricane-Plan geschmuggelt: Christine and the Queens beispielsweise, Alice Merton, Alma, Sookee, Steiner & Madlaina und die bereits festivalerprobten Gurr. Noch nicht allzu viele, aber immerhin, ein Anfang ist gemacht.

 Wesentlich mutiger - oder besser: gerechter - fällt die Ankündigung für das Ende Mai/Anfang Juni 2019 in Barcelona stattfindende Primavera Festival aus: 2019 ist das Jahr "of the new normal", wie die Primavera-Macher ihre Entscheidung für eine mehr als 50-prozentige Beteiligung von Künstlerinnen bezeichnen.

Dafür musste auch gar keine Quotenregelung bemüht werden, die im Popbereich nur schwerlich vertretbar wäre - der Blick auf spannende und wegweisende Veröffentlichungen der letzten Jahre genügte. Musikalisch schon immer eins der interessantesten und mutigsten europäischen Festivals, würdigt Primavera 2019 nun endlich weibliche Acts, die auf den großen Bühnen sonst zu kurz kommen: Mit (unter vielen anderen!) Empress Of, Erykah Badu, FKA Twigs, Charli XCX, Solange, Robyn, Cardi B, Janelle Monae, Snail Mail, Courtney Barnett und Christine and the Queens ist für die längst fällige Gender Equality gesorgt. Kaum wurde das Line-Up veröffentlicht, beschwerten sich viele Fans über die fehlenden weißen alten männlichen Bands mit klangvollem Namen. 

Auch wenn ein Primavera noch keinen Sommer macht: Hoffnung verbreitet dieses Line-up auf jeden Fall - und findet hoffentlich Nachahmer. Denn von mehr Abwechslung und ganz nebenbei Gleichberechtigung in der running order profitieren auch eingeschworene Rock-Festival-Fans.

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