FIBX 03 : Tonspion beim 10. Festival Internacional de Benicassim

Herrlicher Himmel, herrliche Leute, herrliche Tage zwischen Freiluftdusche und jetzt schon legendären Konzerten hat der Tonspion in diesem Jahr in Benicassim gesehen, getroffen und verbracht. Wie auch schon beim letzten Mal etwas verspätet, aber auch umso ausgeruhter: Der dritte Bericht von der Mittelmeerküste.

Tag drei beginnt mit den Girls In Hawaii, wenn man Städtchen und Strändchen und Frühstückchen mit eisgekühltem Kaffee mal zum uninteressanten Nebenbei zählen möchte. Die Belgier tragen ihr ?From Here To There? in den FIB Club, wo es zwar viel zu heiß für so entspannt-traurige Musik ist, sich aber trotzdem viele entspannt-traurige Menschen eingefunden haben, um ein wenig zu Zurückhaltung und Melodie zu tanzen. So wird man sanft in einen mit Hipness und Ikonenflair dekorierten Abend geführt, der vor dem Zelt auch schon ungeduldig mit den Füßen scharrt.

Arthur Lee hat das Gefängnis hinter sich gelassen und Love um sich geschart, um Publikum zu rocken. Wire sind komplett und wieder da und begeistern mit altem und neuem. Auf der Hauptbühne sitzt Brian Wilson inmitten einer hervorragenden Backingband und ist einfach komplett er selbst, ein bisschen Klatschen, Textablesen und ?Here`s an old Beach Boys Classic for you, he he? inklusive. Etliche Stände auf dem FIB-Marktplatz sind verriegelt und mit ?Sind nach Brian Wilson wieder da?-Zetteln versehen, denn keiner möchte nicht dabei gewesen sein, möchte auch nur ein Lied verpasst haben - und sei es ?California Girls?. Nun, fast keiner zumindest. Viele andere warten auch nur auf Franz Ferdinand oder stehen halt so herum und begnügen sich damit, zu johlen, wenn Brian Wilsons Backgroundsängerin mit dem Ventilatorwind im Haar die Videoleinwand betritt. So geht Witzigkeit und die Stimmung steigt mit ?Surfin USA?.

Derart in Wallung gebracht ist das Publikum natürlich bereit für Franz Ferdinand, deren schweißtreibendes, humorvolles, dandyeskes und frenetisch gefeiertes Set einmal mehr die Frage aufkommen lässt, wie so einer lahmen Löffelband ein famoses Lied wie ?Take Me Out? gelingen konnte. Andere sehen das anders und müssen nach dem vielen Tanzen erst einmal duschen gehen. Der Korrespondent jedoch zieht es vor, sich in den FIB Club zu flüchten und dem Konzert beizuwohnen, das letzten Endes der Höhepunkt des gesamten Festivals sein wird.

Lambchop nämlich sind zu neunt in Benicassim und beginnen mit ?My Blue Wave?. Von draußen stört das Gewummer anderer Zelte, doch man kommt nicht dazu, sich zu beschweren. Die Band schwemmt alles Störende vor die Tür und dreht ihre Sanftheit immer lauter, bis klar ist, dass dieses Lambchop-Konzert ein Rockkonzert sein wird. Sänger und Band steigern sich in Rage und Erleuchtung, die Gitarre lädt zum Tanzen ein, der sonst eher sanft und behutsam angedeutete Soul in Lambchops Musik wird lauter und mächtiger als je zuvor, lässt dem Zuhörer den Mund offen stehen. Mittendrin springt tatsächlich ?Your Fucking Sunny Day? ins Konzert (Danke. Danke, danke, vielen Dank!) und am Ende wartet eine infernalische Version ihres Sisters Of Mercy-Covers ?This Corrosion?. Nach einem derartig mitreißendem Monumentalauftritt wirkt das vor dem Zelteingang wartende Restfestival mit seinem Megaangebot fast ein wenig aufdringlich.

Und so ist dann auch Zurückhaltung angesagt, wenn Spiritualized und die Dandy Warhols zu sicherlich famosen, aber im Moment eben nicht wirklich begeisternden Konzerten einladen. Lieber liegt man ein bisschen herum und spürt den Lärm von Lambchop in der Seele. Man lauscht Gitarren, schaut sich Konzerte auf der Leinwand an und beteuert, spätestens zu den Chemical Brothers wieder fit zu sein.

Deren Set beginnt um drei und mit einem leider viel zu leisen ?Hey Boy Hey Girl?. Doch was kümmert Lautstärke, denn schließlich hat das ganze Festival den Auftritt dieser Quasi-Residents des FIB herbeigesehnt. Wenn man sich hier so umschaut, scheinen tatsächlich einmal alle hier zu sein, sehr zum Leidwesen der Staubgold-Nacht im Chilloutzelt, wo ein entnervter F.S. Blumm nach einigen wenigen schönen Liedern sein Instrumentarium einpackt, zu sich und wenigen Zuhörern grummelt, dass das ja hier und so keinen Zweck hätte und damit leider, leider recht hat. Denn seinen leisen Konstrukten tut das durch die Chilloutwand brechende Geboller nicht gut.Die Chemical Brothers haben nun nämlich auch den Lautstärkeregler gefunden und rasen durch ein Gemisch ihrer größten Erfolge und dicksten Tanzflurschinken.
Zum Festivalabschluss stimmt bei den Brüdern fast alles, nur ab und an schwingen sie doch etwas hektisch durch ihr stets größer werdendes Repertoire und können Tanzhighlights oft nur andeuten, da das nächste Sample schon darauf wartet, in den Mix gestreut zu werden. Am Ende jedoch sind alle zufrieden aka durchgeschwitzt, Tiga gibt uns den Rest und dann geht auch schon die Sonne auf und das FIB 2004 ist so gut wie vorbei.

Am nächsten Tag nur noch ein wenig apathisches Herumliegen inmitten sympathischer Festivalbekanntschaften, Pläneschmieden und Adressenaustausch. So mancher freut sich auf die dicke Abschlussparty am Strand, deren Highlight in diesem Jahr der Auftritt der 2 Many DJs werden dürfte. Doch mein Zug geht um acht, in Barcelona wartet Arbeit auf mich und eigentlich würde mich bei dem mittlerweile erreichten Zufriedenheitsgrad jedes weitere Highlight nur unnötig verwöhnen und voll stopfen. Deshalb lieber noch ein Sprung unter die Freiluftdusche, lieber noch ein frischgepresster Orangensaft und ein glücklicher Blick über Stadt und Festivalgelände. Von Wehmut keine Spur, schließlich sehen wir uns im nächsten Jahr wieder.

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